TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  |2|  3  4  5  6  7  8  9

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Apollon
  3. 3 Dionysos
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
  6. 6 Bildnachweis

[8. März 2006]

2 Apollon

Im antiken Mythos tritt Apollon als Sohn der Leto und des Zeus auf. Leto gebar ihn und seine Zwillingsschwester Artemis, Schützerin der Geburten und Göttin der Jagd, auf der Insel Delos. Zuvor wurde sie von der eifersüchtigen Hera, Gattin des Zeus, die auf diese Weise die Geburt verhindern wollte, durch die ganze griechische Welt gejagt.[9] Bei Kallimachos wird erstmals der Umstand erwähnt, dass Leto nicht auf festem Land gebären durfte, und sich deswegen nach Delos begeben habe, die ursprünglich eine schwimmende Insel gewesen sei.[10] Auch in Ovids Metamorphosen findet sich diese Eigenschaft der Insel Delos noch:

Weltverbannte war sie [Leto], bis zur Schweifenden Delos aus Mitleid
Sprach: Fremd irrst du zu Lande umher, wie ich in den Wellen!
Und eine schwankende Stätte ihr bot.[11]

Apollon wird als strahlender jugendlicher Gott beschrieben, dessen wichtigste Attribute die Leier sowie Pfeil und Bogen sind. Er ist der Gott der Reinheit, der Jugendlichkeit und des Maßes, wird mitunter gar dem Sonnengott gleichgesetzt.[12] Dabei, so betonte Erika Simon, beruhe diese Gleichsetzung auf einer geistigen Analogie. Apollon teilt mit dem himmlischen Licht die Reinheit[13], also die Reinheit im Denken und Verhalten. Walter Burkert äußerte, dass die griechische Kultur ihr Gepräge durch die Identifikation Apollons mit diesen überhöhenden Eigenschaften erhalten habe[14] und Martin P. Nilsson spricht von Apollon gar als dem griechischsten aller Götter[15]. In gleicher Weise redet Nietzsche in Die Geburt der Tragödie von der Weihe des schönen Scheins[16], die Apollon jederzeit umgebe, und ordnet ihm ferner jene maassvolle Begrenzung, jene Freiheit von den wilderen Regungen, jene weisheitsvolle Ruhe des Bildnergottes[17] zu.

Tatsächlich finden wir diese überhöhende Darstellung des hell strahlenden Gottes voll Schönheit und Ebenmaß auch bei Betrachtung antiker Quellen wieder. Im Homerischen Apollonhymnos wird der auftretende Apollon wie folgt beschrieben:

Aber Phoibos Apollon […]
Schreitet herrlich und hoch einher, ein Glänzen umstrahlt ihn,
Leuchtend funkeln die Füße, der trefflich gewobene Leibrock.[18]

Darüber hinaus bestätigt sich diese Sichtweise auf Apollon in der bildenden Kunst. Das wohl typischste und berühmteste Beispiel ist der Apoll vom Belvedere, eine Marmorstatue aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., die allgemein als Kopie eines Bronzeoriginals der Zeit des 4. Jahrhunderts v. Chr. angesehen wird.[19] Mit bartlosem Gesicht und lockigen, kurzen Haaren sowie jugendlichem, makellosen Körper tritt der Gott vor das Auge des Betrachters. In seinen Händen trug er einstmals wohl Pfeil und Bogen, die jedoch nicht mehr erhalten sind.

Das Bild dieses bis hier als Idealgestalt beschriebenen Gottes bekommt indes bei genauerer Betrachtung erste Risse. Das Auftauchen seiner allzu herrlichen Erscheinung in Verbindung mit seiner drohenden Waffe erfüllte die Götter und Menschen nämlich nicht nur mit Freude, sondern auch mit Furcht:

Götter zittern vor ihm im Palaste des Zeus, wenn er schreitet
Alle springen empor von den Sitzen, wenn er sich nähert,
Wenn seinen strahlenden Bogen er spannt[20],
[Bild des »Apoll vom Belvedere«]

Abb. 1: Der Apoll vom Belvedere; römische Marmorkopie, wohl nach einem Bronzeoriginal des Leochares aus dem 4. Jhr. [Bildquelle & -rechte]

heißt es in den ersten Versen des Homerischen Apollonhymnos. Apollon tritt also in diesem Hymnos, dessen erste Hälfte aus dem 7. Jahrhundert v. Chr.[21] stammt, als Furcht erregender Gott auf. Bereits in einem älteren Text, in den ersten Versen der Ilias, finden wir ihn als eine Furcht und Verderben bringende Figur beschrieben.[22] Der Apollonpriester Chryses, so heißt es dort, ging zu den Achaiern, um seine Tochter von ihnen zurückzufordern. Diese Forderung verband er mit einer eindringlichen Warnung vor der todbringenden Kraft seines Gottes Apollon: Heget Furcht vor dem Sohne des Zeus, dem Schützen Apollon![23] Da Chryses schmählich zurückgewiesen wurde, forderte er seinen Gott in einem dringlichen Gebet auf, sich für ihn zu rächen. Mit seinen Pfeilen schleuderte der rachsüchtige Apollon sodann Tod und Verderben unter die Achaier, weil sie seinen Priester beleidigt hatten.[24]

Die Sage um Kassandra, auf die Aischylos in seinem Agamemnon anspielt[25], birgt ein weiteres Beispiel für die Hartherzigkeit des auf den ersten Blick nur als Lichtgestalt erscheinenden Gottes. Apollon neigte sich seiner Priesterin Kassandra in Liebe zu. Diese sagte dem Ansinnen des Gottes zwar vorgeblich zu, täuschte und enttäuschte ihn dann jedoch. Zur Strafe schlug Apollon sie mit dem Zwang immer die Wahrheit sagen zu müssen, die ihr jedoch fortan niemand mehr glauben sollte: Ihre Prophezeiungen verhallten seitdem als unbeachtete, verzweifelte Kassandrarufe.

Diese Zwiespältigkeit, in der uns Apollon nunmehr erscheint, provoziert natürlich die Frage danach, wie sie auszulegen ist. Um darin Klarheit zu erlangen, ist es hilfreich, das neben der Leier bedeutendste Attribut Apollons, Pfeil und Bogen, zunächst näher zu betrachten. Die Verwüstungen, welche Apollon im ersten Gesang der Ilias unter den widerspenstigen Achaiern anrichtete, werden auf von ihm abgeschossene Pfeile zurückgeführt:

Fern von den Schiffen setzt’ er sich nun und schnellte den Pfeil ab,
Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.[26]

|2|

Tags: , , , , , , , , , , ,

[9] Vgl. zur Geburt auf Delos Hom. Hym. 3, An Apollon: V. 14–16.

[10] Vgl. Graf 1985: S. 101.

[11] Ovid Meta. 6: V. 189–191.

[12] Vgl. Muth 1988: S. 89, Nilsson 1955: S. 564.

[13] Simon 1985: S. 130.

[14] Vgl. Burkert 1977: S. 226. Ebenso betont Walter F. Otto, dass Apollons strenge Klarheit, sein überlegener Geist, sein gebieterischer Wille zur Einsicht, zum Maß, zur Ordnung (Otto 1975: S. 95) das sei, womit wir auch heute noch die griechische Kultur identifizierten.

[15] Nilsson 1955: S. 564.

[16] Nietzsche GdT: S. 24.

[17] Ebd.

[18] Hom. Hym. 3, An Apollon: V. 201–203.

[19] Vgl. Simon 1985: S. 118.

[20] Hom. Hym 3, An Apollon: V. 2–3.

[21] Zur Datierung vgl. Graf 1985: S. 99.

[22] Vgl. Hom. Ilias 1: V. 8–100.

[23] Ebd.: V. 21.

[24] Vgl. ebd.: V. 43–52.

[25] Vgl. Aischylos Orestie, Agamemnon: V. 1202–1213.

[26] Hom. Ilias 1: V. 48–49.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

Zum Seitenanfang springen