
[8. März 2006]
Nilsson betont in diesem Zusammenhang den Umstand, dass eine in vielen Völkern verbreitete Auffassung zu finden sei, dass Krankheiten durch unsichtbare Pfeile verbreitet würden.[27] Als Gott der Jagd, so Nilsson weiter, dürfe Apollon aufgrund seiner Waffe keinesfalls gedeutet werden. Tatsächlich übernimmt seine Schwester Artemis, die ebenfalls Pfeil und Bogen als Attribute mit sich führt, diese Aufgabe. Kann Apollon nun aber Krankheit hervorrufen, so besitzt er in Entsprechung dazu auch die Möglich- und Fähigkeit, diese zu heilen. Robert Muth bezeichnet diese Vereinigung ambivalenter Eigenschaften als Kontrastharmonie
[28], womit zum einen die harmonische Einheit des Gottes wiederhergestellt ist und zum anderen eine weitere bedeutende Eigenschaft Apollons ans Licht tritt: Apollon war, bis ihm sein Sohn Asklepios diese Position streitig machte, im antiken Mythos auch Heilgott.
In seiner Funktion als Heilgott wiederum tritt eine weitere Eigenschaft Apollons zutage: Er ist der Gott der Orakel, der Gott der ekstatischen Mantik. Da Krankheiten als Befleckung, als Verunreinigung aufgefasst wurden, galt es zunächst in Erfahrung zu bringen, wie die Bürde der Krankheit erworben wurde, um sie schließlich entsühnen zu können.[29] Das Wissen über die Ursachen einer Verunreinigung aber wurde bei den zahlreichen griechischen Orakeln eingeholt, wie sie in Delphi oder Dodona existierten. Insofern also ist die Eigenschaft Apollons als weissagender Gott mit der als Heilgott verknüpft.
Das berühmteste Orakel Apollons, ja das berühmteste Orakel der griechischen Ökumene in der Antike überhaupt ist das zu Delphi. Oft ist betont worden, wie wesentlich Delphi für die Verbreitung des Apollonkultes in der gesamten antiken griechischen Lebenswelt war. Diese Bedeutung beruhte vornehmlich auf seiner Funktion als Orakel, das für gewöhnlich vor der Neugründung einer Kolonie befragt wurde. Glückte dann diese Neugründung, ist es nur zu verständlich, dass der Gott, welcher vermittels seiner Seherin, der Pythia, für die Kolonie gesprochen hatte, dort zu hohen Ehren kam. Doch auch die Pythien, gymnische und musische Spiele, welche in Delphi im Vierjahresrhythmus stattfanden, trugen, wenngleich sie nie die Bedeutung der Spiele von Olympia erlangten, zur Popularität Delphis bei. So konnte Delphi zum Nabel, zum Mittelpunkt der Welt in der griechischen Vorstellung heranreifen.[30]
Der Gründungsmythos des delphischen Orakels, wie er im Homerischen Apollonhymnos zu finden ist, verdeutlicht auf anschauliche Weise, wie eng die Gründung von Delphi mit der Idee der Entsühnung verknüpft war. Apollon errichtete am Fuß des Parnass in Krisa
[31], das mit Delphi gleichzusetzen ist[32], einen Tempel: Stätte der Weissagung werd er den Menschen
[33]. In der Nähe bei einer Quelle aber hauste eine Drachin, Typho, die Unheil über die Umgebung brachte. Apollon tötete sie.[34] Walter F. Otto deutete diesen Vorgang so, dass Apollon sich selbst von der Befleckung reinigen musste, die er durch den Mord an dem Untier bekommen hatte.[35] An diesem Beispiel sieht man schön, wie Entsühnung und Mantik im Gründungsmythos Delphis eine enge Verbindung eingehen.
Auch in der oben erwähnten Episode im ersten Gesang der Ilias tritt Apollon sowohl als Seher als auch als bestrafender Gott auf, dessen Weisheit die Befleckung durch die Beleidigung seines Priesters Chryses entsühnen und dadurch die Strafe, welche er selbst über die Achaier verhängt hatte, beenden hilft. Die Achaier wenden sich im Gegenzug an den Seher Kalchas, der aus dem Deuten des Vogelflugs den Grund für die schreckliche Strafe gegenüber ihnen eruiert. Dieser aber erlangte seine Sehergabe vom selben Gott, denn er sieht den Grund für die todbringenden Krankheiten, wie er sagt, Kraft seiner Wahrsagekunst, der Gabe Phoibos Apollons.
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Ein weiteres, noch berühmteres Beispiel für die entsühnende Kraft des Sohnes der Leto ist die Geschichte des Atriden Orestes. Orestes, Sohn Klytaimestras und Agamemnons, tötete seine Mutter und ihren Geliebten Aigisthos, nachdem er erfahren hatte, dass die beiden zuvor seinen Vater ermordet hatten. Gleichwohl beruht diese Tat nicht allein auf Rachegedanken Orestes’, sondern auch auf einer unmissverständlichen Aufforderung Apollons. Darum klagt Orestes bei Aischylos:
“Apoll,Der pythische Seher, war es, der mir prophezeit’,Vollbring ich dies, so sei ich ohne Schuld und Pein.[37]
Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass Apollon erneut als rächender, unnachsichtiger Gott auftritt und nicht allein als Sehergott – ebenso wie in der Kassandra- und der Chryses-Episode. Sobald Orestes den Muttermord vollbracht hatte, überkam ihn die Furcht vor den Erinnyen, den griechischen Rachegöttinnen, die alle Mörder verfolgen und die er bereits nahen sah. Bei Aischylos beruhigte ihn allerdings der Chor, indem er versicherte, Apollon werde ihn entsühnen:
“Entsühnung wirst du finden. Wenn Apollon dichBerührt, so macht er dich von diesen Qualen frei.[38]
Dass Orakel des Apollon eine so überaus große Bedeutung erlangten, hängt meines Erachtens auch mit der Tatsache zusammen, dass er mit der Fähigkeit zu prophezeien vom höchsten Olympier, von Zeus, persönlich begabt wurde.[39]
[27] Vgl. Nilsson 1955: S. 541.
[28] Muth 1988: S. 92, Nilsson 1955: S. 541–542 u. 563.
[29] Vgl. Burkert 1977: S. 231.
[30] Vgl. Muth 1988: S. 89, Nilsson 1955: S. 551, Roux 1971: S. 9–12.
[31] Hom. Hym. 3, An Apollon: V. 282.
[33] Hom. Hym. 3, An Apollon: V. 288.
[34] Vgl. ebd.: V. 300–304.
[35] Vgl. Otto 1975: S. 97–98.
[37] Aischylos Orestie, Totenspende: V. 1029–1031.
[39] Künden doch werd ich den Menschen des Zeus untrüglichen Ratschluß
(Hom. Hym. 3, An Apollon: V. 132). Doch Zeus begeistert seinen Sinn mit hoher Kunst / Und setzt als vierten Seher ihn [Apollon] auf diesen Stuhl [von Delphi]
(Aischylos Orestie, Eumeniden: V. 17–18).
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