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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Apollon
  3. 3 Dionysos
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
  6. 6 Bildnachweis

[8. März 2006]

Apollon, so dürfte bis hier deutlich geworden sein, ist durchaus nicht so einfach zu greifen, wie Nietzsche es in seiner Schrift über die Entstehung und das Wesen der griechischen Tragödie ansetzte. Am schönsten wird diese Vielschichtigkeit des Gottes vielleicht im schon mehrfach erwähnten ersten Gesang der Ilias ausgeführt. Taucht Apollon am Anfang des Gesangs noch als rächender, mit Pfeil und Bogen bewaffneter Gott auf, erscheint er an dessen Ende in einer vollkommen anderen Funktion – als Gott der Musen. Beim Göttermahl auf dem Olymp fehle es

Nicht des Saitengetöns von der herrlichen Leier Apollons,
Noch der Musen, die wechselnd erhoben die lieblichen Stimmen.[40]

Gesittet, maßvoll und kunstliebend tritt Apollon an dieser Stelle auf. Wie gut die Eigenschaft des Leier spielenden Gottes zum Bogen tragenden Apollon passt, demonstriert Otto durch einen erstaunlichen Gedanken. Sowohl Bogen als auch Leier, so Otto, seien mit Tierdärmen bespannt und der Bogen – er verweist hier auf den vierten Gesang, Vers 125 der Ilias – töne ebenso wie die Leier. Beide senden ein Geschoß nach dem Ziel, fährt Otto fort, hier den treffenden Pfeil, dort das treffende Lied. Pindar sieht den echten Sänger als Schützen, dessen Lied ein Pfeil ist, der nicht fehlt.[41] In den Worten Ottos erkennen wir das wieder, was Robert Muth mit, wie oben zitiert, Kontrastharmonie bezeichnete. Der wütende Gott, erweist sich über eine kühne Verknüpfung seiner verschiedenen Eigenschaften als Künstlergott.

Ein letztes Eigenschaftenbündel, das eng mit der mythischen Figur Apollon verknüpft ist, muss an dieser Stelle noch kurz besprochen werden: Ordnung, Sitte und Maß. Wie bereits oben erwähnt erlangte Delphi als gesamtgriechisches Heiligtum immense Bedeutung. Zum Gott der Ordnung ist Apollon auch durch sein Orakel geworden. Als Kleisthenes 508/07 v. Chr. die Bürgerschaft von Athen in zehn Phylen einteilte und für jede dieser Phylen einen Phylenheroen suchte, legte man der Pythia von Delphi eine Liste mit hundert Namen vor. Diese wählte unter den vorgelegten Namen zehn aus, die die entsprechende Funktion anschließend zugesprochen bekamen.[42] Apollon bestimmte somit indirekt, vermittelt durch sein Orakel, die gesellschaftliche Ordnung Athens. Dieser Vorgang ist nicht der einzige, der das Orakel von Delphi und somit Apollon in direkten Kontakt mit Gesetzgebungsprozessen brachte.[43] Im Atridenmythos kommt es am Ende Der Eumeniden von Aischylos vor der endgültigen Entsühnung des Muttermörders Orestes zu einer umfangreichen Gerichtsverhandlung[44], bei der Apollon für Orestes plädiert. Vertrat der Sohn der Leto zuvor auch eine Position der Rache, so sorgt er nunmehr für einen Ausgleich, der den Generationen währenden Fluch vom Haus der Atriden nehmen sollte. Zwei am Tempel von Delphi eingemeißelte Sprüche verdeutlichen die hinter diesen Mythen stehende Philosophie des rechten Maßes. Es sind medèn ágan, nichts im Übermaß, und gnôthi sautón, erkenne dich selbst. Der Mensch möge also seine Grenzen (er-)kennen, sich darüber klar werden, dass er nur Mensch und nicht Gott ist, so wie er in allen Angelegenheiten zu versuchen habe, das rechte Maß zu finden.[45]

Apollon erweist sich nach dieser Betrachtung zwar durchaus als der reine, strahlende Gott, wie ihn Nietzsche in der Eigenschaft als apollinischen Gott sehen wollte. Doch erscheint diese glatte Reinheit als eine, die an manchen Stellen Risse aufweist. Der Gott des Maßes kann ein wütender Gott sein (Rache für Chryses), genau so wie er sich als triebhaft, durchaus menschlicher (Verführung Kassandras und die Rache an ihr) herausstellen kann. Franz Bömer kritisiert in seiner Untersuchung über die Religion der Sklaven in Griechenland und Rom ein übermäßiges Lob Apollons und seiner positiven Eigenschaften folgerichtig vehement. So sei er durchaus kein göttlicher Menschenfreund, bei dem die Unglücklichen, die Geschlagenen und die Heimatlosen Trost fanden.[46] Sklaven, so Bömer, hätten an der Religion der gesellschaftlichen Ordnung[47] nicht teilgehabt. Die Wirklichkeit im antiken Griechenland habe anders ausgesehen, als die seit der Zeit des Klassizismus verbreitete Apollonschwärmerei[48] es vortäusche.

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