
[8. März 2006]
Dass Dionysos als Gott in den griechischen Götterpantheon einging, darf zunächst verwundern. Ist sein mythischer Vater auch Zeus, der höchste Olympier, so wurde er doch von einer sterblichen Mutter, Semele, Tochter des thebanischen Gründerkönigs Kadmos, geboren.[49] Diese äußerte ihrem Liebhaber Zeus gegenüber den Wunsch, ihn in seiner wahren Gestalt sehen zu dürfen. Ein Wunsch, den Zeus ihr nicht abschlug und der ihr zum Verhängnis werden sollte, denn
“den [Dionysos] hatIn der Niederkunft Nöten,Als genaht sich Zeus’ Donner,Noch vor der Zeit geboren dannSeine Mutter; doch selbst ließSie ihr Leben im Blitzschlag.[50]
Zeus nahm seinen wegen des Todes der Mutter vor der Zeit geborenen Sohn und nähte ihn sich in den Schenkel, wo er ihn austrug. Nach seiner zweiten Geburt übergab er das Kind Nymphen, die ihn aufzogen und später zu seinem Gefolge wurden.[51] Dionysos’ Mutter aber ging unter die Olympier ein, unter denen sie Thyone genannt wurde.[52]
Nietzsche sieht in seiner Geburt der Tragödie das wesentliche Element des Dionysos durch die Analogie des Rausches
[53] erfasst. Der Mensch finde sich singend und tanzend in einer höheren Gemeinsamkeit
[54] wieder: als Gott fühlt er sich, er selbst wandelt jetzt so verzückt und erhoben, wie er die Götter im Traume wandeln sah.
[55] Ferner setzt er ihn ausdrücklich in einen Gegensatz zu Apollon, wenn er schreibt: Das Uebermaass enthüllte sich als Wahrheit […]. Und so war, überall dort, wo das Dionysische durchdrang, das Apollinische aufgehoben und vernichtet.
[56] Dadurch dass dieser Gott sich nicht an das medèn ágan
, nichts im Übermaß
, Apollons halte, erscheint er als Gegenspieler seines Halbbruders.
Auch Euripides beschreibt in seinen Bakchen den Schwarm für Dionysos als einen Rausch im Tanz:
“Gleich tanzt das Land – alles – im Chortanz –Bromios ja ist, wer die Schwärmenden führt[57].
Abb. 2: Dionysos mit Thrysos, Rebzweig und efeubekränztem Haupt; Innenbild der Schale des Markon, um 480 [Quelle]
Dass dieser Tanz von großem Lärm begleitet wurde, soll der zu Dionysos gehörende Beiname Bromios
, der Brausende, Lärmende
, ausdrücken. Das Gefolge von Dionysos bestand zunächst nur aus Mänaden, rasenden Frauen, später auch aus Satyrn.[58] Die Ekstase erlangte nie eine Einzelperson, sie fand immer in der Masse statt.[59] Nietzsche beschreibt den Menschen im rauschhaft, ekstatischen Zustand als jemanden, der sich als Gott fühlt
[60]. Schaut man sich die Begriffe Ekstase und Enthusiasmus genauer an, ergibt sich Erstaunliches. Die Ekstase ist das Heraustreten des Menschen aus sich selbst. Enthusiasmus jedoch bedeutet das hineintreten einer Gottheit, die Gotterfülltheit
. Aus dieser Beobachtung schließt Simon: Man könnte sagen, die Mänaden rasen nicht selbst, sondern der
[61] In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Omophagie, das Zerreißen von wilden Tieren mit anschließender Verspeisung des rohen Fleischs, welche im Zuge des dionysischen Ritus stattfinden konnte, sehen. Nachdem das Tier verspeist wurde, schlang man sich das verbliebene Fell, ein typisches Attribut des Dionysos und seines Gefolges, um die Schultern.[62] Nilsson setzt das verschlungene Tier mit dem Gott Dionysos selbst gleich, sodass die Rasenden, welche zum einen das Fleisch des Tiers verspeisen und sich zum anderen mit dessen Fell kleiden, sich mit Dionysos nicht nur identifizieren, sondern auch mit ihrem Gott eins werden.[63]
rasende Dionysos
tue dies in ihnen.
Das dionysische Rasen spielte sich für gewöhnlich in der Natur ab. So heißt es von Dionysos in einem Homerischen Hymnos, er zog dann gern von Gehöft zu Gehöft durch die Wälder, mit Efeu / schwer behangen und Lorbeer.
[64] Diese Umzüge muss man sich nun aber begleitet von dumpfdröhnender Pauken Ton
[65] und Flötenspiel
[66] denken. Instrumente, die den bereits erwähnten ekstatischen Tanz noch angespornt haben dürften. Ein weiteres wichtiges Attribut des Gottes war neben Efeu, Flöten und Pauken der Thyrsos, ein von Efeu umwundener Stab mit Pinienzapfen als Krone.[67] Er diente den Mänaden unter anderem dazu, sich allzu aufdringlicher Männer zu erwehren.[68] Bei Euripides erscheint er geradezu als Zauberstab: So quelle beim Schlag mit dem Thyrsos gegen einen Fels Wasser aus selbigem hervor, während vom Stab selbst Honigströme herabflössen.[69]
[49] Vgl. Otto 1996: S. 65–68.
[50] Euripides Backchen: V. 90–93.
[51] Vgl. Hom. Hym. 26, An Dionysos: V. 3–5 u. 9–10.
[52] Vgl. Hom. Hym. 1, An Dionysos: V. 21; vgl. auch Otto 1975: S. 111.
[57] Euripides Bakchen: V. 114–115.
[58] Vgl. Nilsson 1955: S. 569–570, Bömer 1961: S. 372.
[59] Vgl. Muth 1988: S. 115, Burkert 1977: S. 251–252.
[62] Vgl. Burkert 1977: S. 258.
[63] Vgl. Nilsson 1955: S. 577. Bei dem Fell handelte es sich oft um ein Bocksfell. Der Bock aber hieß altgriechisch trágos
und der Gesang oidé
. Der Begriff Tragödie, griechisch tragoidía
, wörtlich übersetzt Bocksgesang
, als auch deren Form im antiken Drama nahm ihren Ausgang in der Verbindung der dionysischen Gesänge, den Dithyramben, mit den umgelegten Fellen, die die göttliche Anwesenheit symbolisierten. Demnach entsprang die Tragödie den dionysischen Bräuchen.
[64] Hom. Hym. 26, An Dionysos: V. 8–9.
[65] Euripides Bakchen: V. 167.
[67] Vgl. Burkert 1977: S. 258.
[68] Vgl. ebd.: S. 259.
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