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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Apollon
  3. 3 Dionysos
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
  6. 6 Bildnachweis

[8. März 2006]

In Delphi, eigentlich die Domäne Apollons, war Dionysos der zweitwichtigste Gott neben dem Sohn der Leto. Sein, des Dionysos, Grab befand sich im adyton, dem Allerheiligsten des delphischen Apollontempels.[83] Überhaupt ist die Arbeitsteilung der beiden Götter in Delphi bemerkenswert. Dionysos blieb in den drei Wintermonaten allein Herrscher über Delphi, während Apollon sich zu den Hyperboreern zurückzog, einem seligen Volk, das mit den Einwohnern des Elysions, dem Land der Seligen in der griechischen Mythologie, gleichgesetzt wurde.[84] Die Beheimatung beider Götter an diesem Ort wurde durch Figurengruppen in den Giebeln des Apollontempels aus dem 4. Jahrhundert versinnbildlicht: Auf der nach Osten gewandten Seite des Tempels erscheint die apollinische Trias, also Apollon zusammen mit Schwester Artemis und Mutter Leto. Auf der anderen Dionysos in Begleitung seines Gefolges.[85] Burkert interpretiert diese Verzierungen als Darstellung von Gegensätzen: im Osten, auf der Seite Apollons, geht die Sonne auf, im Westen, auf der Seite des Dionysos, geht sie unter.[86] Doch wird hier auch eine enge Verknüpfung der Brüdergötter symbolisiert. Noch heute kann man sich die Reste der Figurengruppe ansehen, die einst im Tympanon des Westgiebels stand. Teile der Dionysosfigur sind erhalten. Sie trägt eine Leier im Arm. Dionysos führt also das Instrument mit sich, das zumeist und typischerweise Attribut Apollons ist. Kaum ein Bild vermag es deutlicher zu zeigen, wie sehr die Gegensätze, symbolisiert durch diese beiden Götter, sich hier in Delphi relativiert haben. Vielleicht soll die von Dionysos getragene Leier symbolisieren, dass er in Abwesenheit Apollons dessen Machtbefugnis über diesen Ort bis zu dessen Rückkehr innehat.

Die Herrschaft des Dionysos über Delphi während der Abwesenheit des Sohnes der Leto schlug sich auch im Konkreten nieder. Die Thyiaden, die Mänaden Delphis, feierten auf dem winterlichen Parnass ihren Gott mit dionysischen Tänzen.[87] Nicht mehr der Paian, der Kultgesang Apollons, gespielt mit der Leier, dem Instrument des Gottes, sondern der Gesang von Dionysos, der Dithyrambos mit Pauken und Flöten, ertönte nun über dem Orakel.

Diese enge Verbindung der beiden Götter hat gar dazu verleitet, die Eigenschaften von ihnen zu vertauschen. Roux zitiert Aischylos und Euripides, die Apollon als Gott des Efeus, als Bacchanten, als Seher und Dionysos als Apollon Paian mit der Leier identifizierten.[88] Hervorzuheben ist tatsächlich der Umstand, dass die beiden Götter trotz vieler Differenzen auch Berührungspunkte aufweisen. Beide werden als Sehergötter ausgewiesen, wobei ihnen die ekstatische Mantik gemeinsam ist, wenngleich der Rausch eigentlich nur für Dionysos als originär angesehen werden darf. Apollon kennt ekstatische Ausbrüche als Gott zwar nicht, tritt uns aber auch als wütender Gott gegenüber, wie oben bereits mehrfach gezeigt wurde. Dieselbe Wut kann auch Dionysos seinen Feinden gegenüber zeigen, wenngleich diese Raserei bei den olympischen Göttern verbreitete Allüre ist und nicht spezielles Gebaren der beiden Brüdergötter. So lässt Dionysos den Frevler Pentheus von seinem tobenden Gefolge zerreißen. In einem Homerischen Hymnos findet sich die Erzählung, wie der Gott von Räubern entführt, in Fesseln gelegt und wie ein Sklave verschifft wird.[89] Dionysos ließ sich allerdings nicht von den Fesseln der Menschen binden. Nachdem sie ihm abgefallen waren, wuchsen Efeu und Weinranken über das ganze Schiff und der Gott verwandelte sich in einen Löwen, der grausame Rache an seinen Entführern nahm.[90]

Des Weiteren fällt auf, dass sowohl Dionysos als auch Apollon musische Eigenschaften haben. Äußern sich diese auch in entgegengesetzten Stilen, dem des Paian und dem des Dithyrambos, dem der Leier und dem der Flöte, kann dieser Umstand nach meinem Dafürhalten dennoch als Gemeinsamkeit, als Berührungspunkt bei oberflächlicher Verschiedenheit angesehen werden. Otto hebt die Anziehungskraft, die die beiden Götter verbindet, mit emphatischen Worten hervor, die übrigens ein wenig an Nietzsche erinnern:

Sie [Apollon und Dionysos] haben sich angezogen und gesucht, weil ihre Reiche, trotz der schroffsten Gegensätzlichkeit, doch im Grunde durch ein Band verknüpft sind. […] Apollon mit Dionysos, dem trunkenen Reigenführer des Erdkreises, das ist das ganze Ausmaß der Welt.[91]

Natürlich klingen dergleichen Worte, zumal sie mit so viel Pathos geschrieben sind, nicht sonderlich wissenschaftlich – diese Art der Diktion dürfte auch dazu geführt haben, dass Nietzsche bei seinen Fachkollegen mit seiner Analyse der griechischen Tragödie vornehmlich auf Ablehnung stieß. Doch denke ich oben gezeigt zu haben, dass bei aller Verschiedenheit genügend Berührungspunkte vorhanden sind, die es nicht als allzu gewagte Konstruktion erscheinen lassen, wenn Otto uns sagen will, dass sich fand, was immer schon zusammengehörte. Einmal möchte ich hier noch das Muth’sche Wort von der Kontrastharmonie[92] bemühen, das er für die sich widersprechenden Eigenschaften Apollons verwendete. Vielleicht ermöglicht der offensichtliche Kontrast von Eigenschaften, die Apollon in seiner Widersprüchlichkeit als todbringenden und heilenden Gott harmonisch erscheinen lassen, einen Zugang zu der bemerkenswerten Verbindung, die die beiden Götter in Delphi eingingen. Als ambigue, sehr verschieden haben sich Apollon und Dionysos hinsichtlich ihrer Eigenschaften in dieser Arbeit erwiesen. Denkt man sich nun aber ihre Verbindung in Delphi als Ausgleich unterschiedlicher Merkmale, erweist sich gerade an diesem für die griechische Ökumene hochbedeutenden Ort eine neue, tiefer greifende Harmonie, als sie der Gott der Reinheit und des Maßes, Apollon, für sich genommen repräsentieren könnte.

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