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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Apollon
  3. 3 Dionysos
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
  6. 6 Bildnachweis

[8. März 2006]

4 Schlussbemerkung

Nietzsche macht die Vereinigung der beiden hier besprochenen Götter nicht an ihrem gemeinsamen Auftreten in Delphi, sondern an der griechischen Tragödie fest. Er sieht die Tragödie zwar als ursprünglich von Dionysos und seinen Dithyrambenchören herrühren, doch werde sie erst in ihrer Verbindung mit den rationalen Kräften des Apollinischen zu dem, als das sie uns heute erscheint:

So wäre wirklich das schwierige Verhältniss des Apollinischen und des Dionysischen in der Tragödie durch einen Bruderbund beider Gottheiten zu symbolisieren: Dionysus redet die Sprache des Apollo, Apollo aber schliesslich die Sprache des Dionysus: womit das höchste Ziel der Tragödie und der Kunst überhaupt erreicht ist.[93]

Dass die rauschhafte Kraft der dionysischen Chöre in der klassischen griechischen Tragödie gezähmt wurde, erwähnen auch andere Autoren. So spricht Robert Muth davon, dass die berühmten attischen Tragödienwettkämpfe zwar aus dionysischen Kulten hervorgegangen seien, die Maskerade jedoch nur noch ein schwaches Abbild der Ekstase bot. Der Enthusiasmus war sozusagen urbanisiert.[94] Dass Nietzsche diese gezähmte Kraft des Dionysischen in der attischen Tragödie erkannte, spricht für ihn. Seine Auslegung dahingehend, dass diese Zähmung und nachfolgende Überbetonung des Apollinischen zur Décadence der Tragödie und des Griechentums geführt habe, ist allerdings weniger gut belegbar.

Wo die vielen Verschiedenheiten, aber auch Gemeinsamkeiten von Apollon und Dionysos lagen, habe ich in Kap. 3 bereits herausgestellt. Die sich aufzeigenden Berührungspunkte lassen es als klar erscheinen, wie Nietzsche auf den Gedanken kam, eine Verbindung der beiden oberflächlich betrachtet gegensätzlichen Götter zu wagen. Die Eigenschaften der beiden mythologischen Figuren, sind von Nietzsche allerdings übergeneralisiert worden. Gerade bei Apollon trifft es nicht zu, dass er nur der mäßige und beherrschte Gott der Ordnung und Sitte ist, wie ich in Kap. 2 ausgeführt habe. Nietzsches Verdienst ist, dass der Blick auf Apollon nicht mehr durch stereotype Huldigungen seiner Eigenschaften verstellt wird. Die geäußerte Kritik an den Gedanken Nietzsches beruht wohl zum einen auf der unwissenschaftlichen Methode, mit der er sich seinem Gegenstand näherte – sein Text schwimmt nachgerade in einem von Pathos angefüllten Meer. Zum anderen schwingt hier auch die Enttäuschung darüber mit, dass das Griechentum seitdem nicht mehr als im tiefsten Wesen apollinisch gedeutet werden kann. Dionysos erscheint nun auch als Gott der Griechen, als ebenso griechischer Gott wie Apollon – Dionysos mutierte also in der Wahrnehmung der Historiker und Philologen von einem zugewanderten Stiefkind[95] zum originären Bestandteil des Griechentums. So erweist sich denn im Nachineine die Kritik an Nietzsches Schrift in ihrer Heftigkeit als unbegründet, gleichwohl sie im Ansatz durchaus auch ihre Berechtigung hat.

Endet meine Arbeit so auch mit einer leichten Kritik an Nietzsches Vorgehen, muss ich allerdings darauf hinweisen, dass er das, was ich hier machte, im Grunde gar nicht wollte. Seine originäre Absicht war es nicht, eine Synopse der Mythen von Apollon und Dionysos zu schreiben. Nietzsche gab mit seinem Text vielmehr einer Kunstvorstellung Ausdruck, die ihn umtrieb und sich schließlich eruptiv an die Oberfläche seiner Überlegungen drängte. So stellte er der Geburt der Tragödie ein an Richard Wagner gerichtetes Vorwort voran, in dem er betonte, dass seine Überlegungen dem bewunderten Werk des Komponisten verpflichtet seien. Da er Wagner als Vorkämpfer seiner Ideen ansehe, wolle er es ihm auch widmen. Von der Kunst der zeitgenössischen Musik ausgehend, erläuterte er dann über den Umweg der Antike seine ureigenen Gedanken. Dass diese jedoch nicht im luftleeren Raum schweben, sondern durchaus historische Anknüpfungspunkte haben, dürfte allerdings durch meine Ausführungen ebenso deutlich geworden sein.

Nico Dorn, 2003/2005/2006

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[93] Nietzsche GdT: S. 135–136.

[94] Muth 1988: S. 116. Ähnliche Gedanken äußert bereits Nilsson, wenn er betont, dass der dionysische Orgiasmus seine Spuren auch im Staatskult hinterlassen (Nilsson 1955: S. 576) habe.

[95] Die Ansicht, Dionysos sei thrakisch-phrygischen Ursprungs und erst spät nach Griechenland gekommen, kann als überholt gelten (vgl. Muth 1988: S. 112–113). Sie wurde wohl auch gerne ins Feld geführt, um deutlich zu machen, dass das wilde Gebaren der Dionysien im Grunde ungriechisch sei. Wenn denn das Griechentum mit Eigenschaften belegt werden sollte, bevorzugte man in der Rezeption lange Zeit, die klare Strenge Apollons hervorzuheben – aus rein emotionalen Gründen, wie mir scheint.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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