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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Zum Begriff Intertextualität
  3. 3 Fünf Liebesgeschichten und die Liebenden von Manhattan
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Weitere, in der Arbeit nicht zitierte Titel

[26. Juli 2003]

3 Fünf Liebesgeschichten und die Liebenden von Manhattan

Das Drama von Orpheus und Eurydike beginnt mit einem frühen unglücklichen Tod von Eurydike.[23] Sie stirbt durch einen Schlangenbiss. Der von unbändiger Liebe getriebene Orpheus[24] geht ihr in die Unterwelt nach und bittet Dis, ihm Eurydike zurückzugeben. Seine Klage rührt alle im Hades Weilenden zu Tränen, sodass selbst diejenigen Seelen, die dazu verdammt sind, für alle Zeiten iterative Handlungen zu vollführen, diese kurz einstellen:

Und es weinten die Seelen, die bleichen, um ihn, wie er solches
Sang, und die Saiten erklangen: nicht hascht nach der flüchtigen Welle
Tantalus mehr, Ixions Rad steht starr, und die Vögel
Hacken die Leber nicht mehr; es ruhn der Beliden Gefäße,
Und du, Sisyphus, setzest auf deinem Steine dich nieder.[25]

So setzen also zum Beispiel die sprichwörtlich gewordenen Tantalusqualen aus – Tantalus versucht nicht mehr die Früchte, über seinen Kopf zu ergreifen und das Wasser zu seinen Füßen zu trinken – und Sisyphos stellt für einen Moment die unendlichen Versuche ein, seinen Stein auf einen Berg zu rollen. Der Fortschritt dessen, was immer Gültigkeit haben sollte, gerät also ins Stocken; es ist als bleibe aufgrund der Liebesklage des Orpheus die Zeit stehen. Dieses Motiv des Stillstands der Zeit finden wir auch in Der gute Gott von Manhattan. Im höchsten Stockwerk, das sie im Hotel erreichen werden, wollen Jan und Jennifer sich einrichten. Jennifer betont dabei, sie möchte jetzt alles so hinlegen und stellen, als blieb es für immer.[26] Jan sagt dann weiter unten: Ich spüre meine Hand schwerer werden auf dir. Und meinen Geist abwandern – weg von dir. Zurückbleiben wollen Ohnmacht und Stundung[27]. Diese Formulierung erinnert stark an das Titelgedicht von Ingeborg Bachmanns erstem Lyrikband: Die gestundete Zeit[28]. Der Begriff Stundung, also vorübergehendes Aussetzen, ist hier ferner auch deswegen in Zusammenhang mit dem Wort Zeit zu bringen, weil die gesamte Szene eine Klage der Liebenden über die Endlichkeit ihrer Liebe, über das Vergehen der gemeinsamen Zeit beinhaltet. Diese Klage gipfelt in Jans Rede:

Und darum will ich dein Skelett noch als Skelett umarmen und […] dein verwestes Herz und die Handvoll Staub, die du später sein wirst, in meinen zerfallenen Mund nehmen und ersticken daran.[29]

Die Liebe der beiden Protagonisten scheint also so stark zu sein, dass sie Macht über die Zeit, einer Konstante der Welt, wie wir sie kennen, gewinnt – und zwar auf eine ähnliche Weise wie Orpheus’ Liebesklage.

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[23] Zur Wahl der Primärtexte in der Arbeit ist zu sagen, dass sie durchaus nicht erschöpfend sein will oder kann. Viele der Liebesgeschichten bieten eine reiche Variation an Bearbeitungen und alternativen Erzählungen. So wurde beispielsweise das Schicksal von Abälard und Heloïse nicht allein von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, sondern auch von Alexander Pope (Eloisa to Abelard) dichterisch behandelt. Da eine Auswahl getroffen werden musste, habe ich mich auf Texte beschränkt, die den höchsten Bekanntheitsgrad haben und die wohl auch Ingeborg Bachmann kannte.

[24] Tragen wollt’ ich das Leid, und ich hab es versucht, ich gesteh es: / Amor war stärker (Ovid 2001: 10, 25–26).

[25] Ebd.: 10, 40–44.

[26] WA 1, S. 314.

[27] Diese Passage findet sich nur in der Hörspielversion von 1958 gegen Ende der 22. Szene, Im Zimmer des 57. Stockwerks.

[28] Hier heißt es: Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont (WA 1, S. 37). Das beschließende Diktum dieses Gedichts wirkt wie gemünzt auf die Geschichte von Jan und Jennifer: Es kommen härtere Tage (ebd., S. 37).

[29] Ebd., S. 316.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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