
[26. Juli 2003]
Richter und Henker in Bachmanns Hörspiel ist der gute Gott
. Er setzt, nach eigenem Bekunden gemeingesellschaftliche Abkommen durch: Es geschah nur Recht.
[46] Wenn er, der gute Gott
, gegenüber dem Richter
konstatiert: Ich nehme an, Sie sind, wie die meisten heutzutage, für Massenvernichtung und nicht für Einzelvernichtung
[47], deutet dies auf die Gefahr hin, die er in der Liebe von Jan und Jennifer sieht. Im guten Gott von Manhattan
geht es dem Richter und Henker also nicht, wie im Drama von Abälard und Heloïse, um profane Rache. Die Entscheidung des guten Gottes
resultiert, nach seinem eigenen Bekunden, aus der Absicht, die Massen zu retten, die Massen vor der Massenvernichtung
durch eine umstürzlerische, subversive Liebe zu retten. Folgerichtig äußert er: Mordlust ist mir fremd.
[48] Die Entscheidung zum Mord ist aus seiner Sicht eine rationale und nötige. Hier offenbart sich somit ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Geschichten.
Das wohl berühmteste Paar aber, auf das verwiesen wird, ist das aus Verona: Romeo und Julia. Wieder, wie schon so oft zuvor, spielen die Umstände der Gesellschaft, in der die Liebesfabel situiert ist, eine fatale Rolle. Da beide Liebenden verfeindeten Häusern, den Capulets und den Montagues, angehören, steht ihre Liebe schon von Anbeginn unter einem dunklen Stern. Julia bedauert bereits am Ende des ersten Aktes, dass sie sich in einen Feind der Familie verliebte:
“
Prodigious birth of love it is to me
That I must love a loathed enemy.[49]
Hier fußt also die Unmöglichkeit, die Liebe zu erlangen, schon in der Anlage des Dramas. Diese Unmöglichkeit finden wir so auch in der Konstellation von Ingeborg Bachmanns Hörspiel zumindest angedeutet. Dass sich zwei Gegensätze treffen, verdeutlicht bereits das Personenverzeichnis des Hörspiels: Jan, ein junger Mann aus der alten Welt
, und Jennifer, ein junges Mädchen aus der neuen Welt
, heißt es da. Dass Jennifer aus der neuen Welt
stammt, soll signalisieren, dass in ihr die Kräfte, eine Gesellschaft zu verändern, angelegt sind. Mit der alten Welt
, aus der Jan kommt, ist die Welt, welche der gute Gott
zu verteidigen trachtet, gemeint. Es wäre wohl eine Fehler, diese mit Europa und jene mit Amerika gleichzusetzen, die Betrachtung dieser Figurenbeschreibung sollte also eine allegorische sein.
Die Position des diese alte Welt
verteidigenden guten Gottes
wird nirgends im Hörspiel so konzis zusammengefasst wie in seinem Glaubensbekenntnis
:
“Ich glaube an eine Ordnung für alle und für alle Tage, in der gelebt wird jeden Tag. Ich glaube an eine große Konvention und an ihre große Macht […]. Ich glaube, daß, wo sie [die Liebe] aufkommt, ein Wirbel entsteht wie vor dem ersten Schöpfungstag.[50]
Die Sprengkraft der Liebe ist, dem guten Gott
zufolge, ihre unfassbare Stärke. Sie hat die Kraft eine neue Welt zu schaffen, denn sie erzeugt ein Chaos, einen Wirbel
, wie er vor dem ersten Schöpfungstag bestand, ist also mit anderen Worten in der Lage, aus sich heraus etwas vollkommen Neues zu schaffen. Doch dieses Neuschöpfen impliziert den Untergang des Bestehenden, der Ordnung, die der gute Gott
gegen diese chaotische Kraft zu verteidigen sucht. Fischerova bringt den Satz: Es fing wieder an
, mit dieser Chaosvorstellung in Verbindung.[51] Ihrer Interpretation zufolge spielt er auf die Bändigung des Chaos durch Gott vor dem ersten Schöpfungstag an. So konnte dieses Chaos, einer mythischen Vorstellung folgend, nicht endgültig verbannt, sondern nur gebändigt werden, droht also jederzeit zurückzukehren. Die Furcht des bestehenden Zustands vor diesem Chaos, liege also in diesem Es fing wieder an
. Diese Furcht ist die Furcht des guten Gottes
.
[49] Shakespeare 1980, S. 120.
[51] Vgl. Fischerova 1977, S. 286–287; im Hörspiel heißt es eigentlich: daß es wieder beginnt
(WA 1, S. 276). Bemerkenswert, dass nicht nur in der christlichen, sondern auch in der antiken Mythologie ein Chaos, das der Schöpfung vorausging, zur gängigen Vorstellung gehört. Erst ein Gott, wer immer es war
(Ovid 2001: 1, 32), bändigte dieses Chaos und schuf die Welt (Vgl. ebd.: 1, 5–68).
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