
[26. Juli 2003]
Wie die Ausführungen hier gezeigt haben, bestehen zahlreiche Parallelen zwischen den in der Theaterszene genannten Liebespaaren und der Fabel von Jan und Jennifer. Doch findet sich in ihnen auch ein frappanter Unterschied, der Bachmanns Hörspiel von allen klassischen Geschichten abgrenzt: Die Liebenden von Manhattan sind in ihrem Tod nicht vereinigt. Weder wird ihr Tod zu einem Zusammenfinden im Jenseits hochstilisiert, noch sterben sie gemeinsam. Tristan und Isolde hingegen werden zusammen begraben, und auf ihren nebeneinander gelegenen Gräbern wachsen eine Weinrebe und ein Rosenstock, die sich mit der Zeit verschlingen und so die Verbindung der Liebenden über den Tod hinaus symbolisieren.[52] Abälard und Heloïse werden nach dem Tod gemeinsam begraben und Abälard soll dem Mythos zufolge mit ausgestrecktem Arm solche [i. e. Heloïse] umbfasst und an die Brust gedruckt haben
[53]. Jan und Jennifer hingegen sterben getrennt und Jan gewärtigt allein eine Zukunft voller Qualen. Der gute Gott
stellt dazu, dass Jan überlebte, zynisch fest: Er verdient wirklich zu leben!
[54]
Ingeborg Bachmann in einem Interview:
“In den großen Liebesdramen wie etwaRomeo und JuliaoderTristan und Isoldewird der Untergang des Liebespaares durch äußere Schwierigkeiten herbeigeführt. Ich wollte dieseäußeren Schwierigkeitenbeiseite räumen und zeigen, daß dahinter noch etwas anderes steht, eine Macht, die ich im guten Gott personifiziert habe.[55]
Diese im guten Gott personifizierte
Macht ist die Macht der Gesellschaft, ist der Drang Bestehendes zu erhalten, vielleicht gar die Abwehr alles Neuen. Was Ingeborg Bachmann beiseite räumte
ist allerdings ein versöhnliches, beruhigendes Ende, wie es alle anderen Liebesgeschichten mutatis mutandis zeitigen.[56] Das Ende der Liebenden in der modernen Gesellschaft besteht nur mehr aus Schweigen, welches denn auch das letzte Wort des Spiels ist. Somit sind Jan und Jennifer kein klassisches Liebespaare, da ihre Liebe jegliche Perspektive nach einem Tode entbehrt. Ihre Liebe zeigt die Kahlschlagtendenz einer Gesellschaft, die nicht bereit und eventuell auch nicht fähig ist, radikale Konzepte zu integrieren. Erbauliches und Versöhnliches finden wir hier nicht. Sie funktioniert viel eher getreu der Sentenz von Bertolt Brecht: Wo nichts am rechten Platz liegt, da ist Unordnung. Wo am rechten Platz nichts liegt, da ist Ordnung.
[57] Die Ordnung der Gesellschaft steht über der absoluten Liebe. Die absolute Liebe kann in der dargestellten Welt des Hörspiels keinen rechten Platz finden, ihr Niedergang ist unvermeidlich, sie wird eliminiert.
[52] Dieses Ende der Liebe findet sich nicht in Gottfrieds von Straßburg Tristan, der ja bekanntlich unvollendet blieb, sondern nur in den Fortsetzungen von Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg.
[53] Hoffmannswaldau 1988, S. 502.
[56] In Romeo and Juliet wird über eine Vereinigung der Liebenden im Tode zwar nichts Genaueres gesagt, doch wird ihr Tod zu dem Anlass, welcher letztlich zur Gesundung der maroden Gesellschaftszustände führt.
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