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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Herrscher- und Heroenkulte in der griechischen Welt
  3. 3 Die Entstehung des Roma-Kultes in der griechischen Welt
  4. 4 Roma und Augustus
  5. 5 Schlussbemerkung
  6. 6 Literaturverzeichnis
    1. 6.1 Quellen
    2. 6.2 Darstellungen
  7. 7 Bildnachweis

[30. April 2005]

5 Schlussbemerkung

Die Quellenbefunde belegen, dass die Roma-Kulte zunächst in der griechischen Welt entstanden. Selbst die mythologische Roma-Gestalt, die nicht notwendigerweise mit der Göttin, wie sie dann ab ca. 200 v. Chr. verehrt wurde, zusammenhängen muss, stammt aus dem griechischen Kulturraum. Dies darf nicht weiter verwundern, da die Parallelen der Roma-Verehrung zu den griechischen Herrscher- und Heroenkulten evident sind. Ich möchte diese Parallelen hier noch einmal kurz zusammenfassen, wobei die Unterschiede nicht verschwiegen werden sollen.

Die Heroenkulte hatten über den religiösen Inhalt hinaus immer einen Bezug zu dem Teil der Welt, den ich politische Wirklichkeit nennen möchte. Waren zunächst v. a. mythologische Gestalten verehrt worden, so spätestens ab dem 5. Jhr. v. Chr. auch Menschen, die sich vor ihrem Tode in besonderer Weise hervorgetan hatten. Diese persönlichen Auszeichnungen werden in den Quellen zumeist als politisch-militärische qualifiziert. Als sich die griechische Staatenwelt durch das Agieren der neuen Herrscher seit Alexander dem Großen fundamental änderte, transformierte sich auch der Heroenkult und wurde nach und nach zu einem Herrscherkult. Nicht der v. a. lokal gebundene Heros, sondern die Macht des Herrschers hatte sich als die größere erwiesen und wurde dementsprechend gewürdigt. Die immer wieder bewiesene kriegerische Potenz eines Alexander, welche als unüberwindbar gelten konnte, dürfte mit dazu beigetragen haben, dass dem neuen Herrscher auch sakrale Ehren zuteil wurden. Die Roma-Kulte schlossen an diese Tradition der neuen Herrscherkulte direkt an. Dabei darf, wie ich denke, der Übergang von der einen zur anderen Kultform nicht als scharfe Bruchkante gedacht werden. Vielmehr dürfte eine allmähliche Entwicklung stattgefunden haben. Diese führte dazu, dass zunächst Statthalter und Feldherrn der Römer wie Flamininus, die sich als militärisch gegenüber alten Herrschern wie Antiochos III. überlegen erwiesen hatten, Ehren zugesprochen bekamen, die man durchaus als göttliche Ehren, also Ehren, die in der Tradition der Herrscher- und Heroenkulte standen, verstehen kann. Der Umstand, dass ein römischer Feldherr oder Konsul immer Herrscher auf Zeit war, müsste in der Folge dazu beigetragen haben, vorzugsweise dem römischen Kollektiv, personifiziert in Roma, zu huldigen. Dies brachte nämlich einen rein praktischen Nutzen mit sich: Der Adressat des Kultes musste nicht alljährlich, im Wahlturnus der römischen Republik, gewechselt werden. Ferner zeigt die Quellenlage, wie ich oben detaillierter ausgeführt habe (vgl. Kap. 3), dass es in der griechischen Welt auch schon zuvor Personifikationen eines Kollektivs gab. Die Idee war mithin bereits angelegt. Wie bis zu dieser Zeit hat auch für die folgende Transformation des Roma-Kultes die politische Entwicklung im griechischen Osten den Ausschlag gegeben. Die Siege Oktavians von Aktium und Alexandria und seine daraus folgende Oberhoheit über die griechischen Gebiete führte direkt zu der Institutionalisierung von Kulten für Roma und Augustus. Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass der erste römische Kaiser bei der Regulierung dieser Kulte nicht unbeteiligt war. Dies gilt zwar besonders für die Einführung der Kulte im Westen des Reiches, wo diese wohl kaum spontan entstanden wären – es hat an den nötigen institutionellen Voraussetzungen gemangelt –, aber auch für die Festlegung im Osten. Hier durften, daran sei erinnert, Roma und Augustus nur von Nicht-Römern verehrt werden. Ferner wurde der zentrale Ort des Kultes in Asien (Pergamon) unmittelbar an ein politisches Zentrum gebunden. Sind von mir auch immer wieder militärische und politische Entwicklungen ins Feld geführt worden, um die Transformation der Kulte zu erklären, so sollte man diesen Bereich meines Erachtens weiter fassen. In den Quellen sind uns v. a. solche Ursachen überliefert, was unsere Schlüsse natürlich vorprogrammiert. Aber die Entwicklung in der Spätphase des römischen Reiches auf religiösem Gebiet, weg vom heidnischen Polytheismus, hin zum christlichen Monotheismus, zeigt, dass auch Veränderungen in dieser zunächst einmal nicht-kriegerischen Sphäre zu einer signifikanten Veränderung in den Kulten führen konnten: Roma wurde nicht mehr und konnte nicht mehr als heidnische Göttin, sondern nur noch als Personifikation der Ewigkeit der Stadt Rom, als Roma aeterna verehrt werden. Darum sollte man vielleicht ganz allgemein davon sprechen, dass jedwede Veränderung im Bereich einer Gesellschaft auch Veränderungen in den jeweiligen Herrscherkulten nach sich zieht – und strukturell ist der Roma-Kult nichts anderes als ein Herrscherkult.

Bei all diesen Konstanten in der Veränderung lassen sich natürlich auch Differenzen feststellen. Eine Änderung des Kultobjektes bedingte auch immer eine Abänderung des Kultes selbst. In dem Moment, in dem eine lebende Gestalt wie der Herrscher verehrt wird, kann der Kult selbstredend nicht mehr am Grab desselben abgehalten werden. Ferner rückt der Gegenstand der Verehrung vom Gläubigen ab, ist nicht mehr so persönlich, wie es der stadteigene Heros noch war. Auch die Verehrung der Roma ist zunächst eine recht abstrakte, die den politischen Bedingungen der römischen Republik geschuldet war. Relativ konstant geblieben sind aber die einzelnen Riten, welche zelebriert wurden. So finden wir hier wie dort die verschiedensten Opfer, ob nun Tieropfer, Trank- oder Geldspenden. Außerdem wurden wie zu Ehren der alten Götter Agone veranstaltet, die im Falle der Rhomaia sogar eine jahrhundertelange Lebensdauer hatten. Bei all den feststellbaren Konstanten zwischen den Kulten sollte ferner nicht vergessen werden, dass die Entwicklung eine prozesshafte war und sich keineswegs genau in dieser Richtung vollziehen musste. Sie war vielleicht folgerichtig, aber nicht notwendig. Hätte Oktavian sich nicht militärisch durchsetzen können, wäre dann Marc Anton zusammen mit Roma im griechischen Osten verehrt worden?[72] Ferner möchte ich noch einmal auf die Überlegungen von Price hinweisen, der eine strikte Trennung der Sphären Politik und Religion ablehnt. Das Anbieten von religiösen Kulten und deren Annahme oder die zentrale Gründung von Kulten können immer auch als Machtspiel verstanden werden. Dass es bei Machtspielen auch um politische Vorteile geht, kann eine echte religiöse Überzeugung im Zusammenhang mit den Herrscherkulten nicht kategorisch ausschließen. Zumal das Verhältnis des antiken Menschen zur Religion zumeist nicht etwa eines des Gefühls und Gewissens, sondern der Handlung war, die durchaus pragmatisch gedeutet werden durfte.[73] Insofern erweist sich die Verehrung der Göttin Roma als ein alle Bereich der antiken Gesellschaft umfassendes Phänomen.

Nico Dorn, 2005

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[72] Antonius hatte, nachdem er in den Osten des Reiches gegangen war (42 v. Chr.), dort göttliche Ehren erhalten (vgl. Clauss 1999: S. 54).

[73] Vgl. ebd.: S. 26–9.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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