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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Herrscher- und Heroenkulte in der griechischen Welt
  3. 3 Die Entstehung des Roma-Kultes in der griechischen Welt
  4. 4 Roma und Augustus
  5. 5 Schlussbemerkung
  6. 6 Literaturverzeichnis
    1. 6.1 Quellen
    2. 6.2 Darstellungen
  7. 7 Bildnachweis

[30. April 2005]

3 Die Entstehung des Roma-Kultes in der griechischen Welt

Im Latein der letzten vorchristlichen Jahrhunderte konnte das Wort Roma zunächst nur als geographische Bezeichnung verwendet werden.[12] Die Gleichsetzung der Göttin mit dem römischen Volk und der römischen Macht[13] kam folgerichtig aus dem griechischen Kulturraum. Dionysios von Halikarnassos hielt im 1. Jhr. v. Chr. in seiner Frühgeschichte des römischen Altertums verschiedene Gründungsmythen Roms fest. In einem dieser Mythen heißt es, der aus Troja stammende Aeneas habe die Stadt gegründet und nach Romê benannt, einer der ihn begleitenden trojanischen Frauen. Romê, so Dionysios weiter, habe nämlich die Schiffe der umherirrenden Trojaner in Brand gesetzt, da sie es leid war, fortwährend durch die Welt zu ziehen. Dies habe Aeneas schließlich zur Stadtgründung veranlasst.[14] Im Folgenden heißt es dann, Romê sei mit Latinus, einem eingeborenen König verheiratet gewesen und ihre Söhne, Romulus, Remus und Telegonus, hätten die Stadt gegründet.[15] Dionysios stellt mithin in seinem Geschichtswerk eine widersprüchliche Tradition dar, der zufolge Roma je nachdem mit Aeneas, Ascanius oder Latinus verheiratet und die Tochter von Ascanius, Telemachos, Evander oder Italus gewesen sein soll. Gemeinsam haben die verschiedenen Erzählstränge allerdings, dass die Bezeichnung Rom eponym ist, also auf eine Person zurückgeht, die tatsächlich existiert haben soll. Ferner wird Romê, die spätere Roma, keineswegs als Göttin oder Heroin bezeichnet. Diese Vorstellung muss aus späterer Zeit stammen. Im ersten Fall hat der Mythos der Romê sogar noch eine aitiologische Komponente, denn er gibt einen Grund an, weswegen Rom von den unstet durch das Mittelmeer flüchtenden Trojanern gegründet wurde – man war des Reisegefährts beraubt.[16] Mellor lehnt allerdings die Vorstellung ab, diese mythologische Tradition könnte etwas mit der späteren Göttin zu tun haben.[17]

Spätestens seit den Kriegen Roms mit dem in Unteritalien liegenden Tarent (282–272) war das römische Gemeinwesen auch aus Sicht des griechischen Kulturkreises zu einer ernstzunehmenden Macht herangewachsen.[18] Diese neue Wahrnehmung des ehemaligen Stadtstaates, der nun in ganz Unteritalien seine Herrschaft gesichert hatte, dürfte dazu beigetragen haben, dass das Wort Roma im griechischen Osten als Personifikation für das römische Volk und den römischen Staat verwendet wurde. Die Identifikation eines Gemeinwesens mit einer einzigen Figur ist den Griechen zu dieser Zeit keineswegs fremd gewesen. Dies belegt der Umstand, dass bereits in den Rittern des Aristophanes (ca. 445–385) das athenische Volk, der Demos, als Figur auftritt. Mellor erwähnt eine Inschrift, die es gar nahe lege, dass um 184 v. Chr. ein Kult für den römischen (!) Demos in Athen eingerichtet worden sei, Knoche verweist auf die Personifikation der Hellas bei Pausanias (gest. 467/466 v. Chr.). Die kultische Verehrung der Personifikation eines Kollektivs scheint in der griechischen Welt folglich nicht auf Roma beschränkt gewesen zu sein.[19]

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[12] Vgl. Mellor 1981: S. 954–6 u. 973 sowie Knoche 1952: S. 332.

[13] Vgl. Mellor 1981: S. 956 u. Knoche 1952: S. 325.

[14] Vgl. Dion. Hal. ant. 72,2.

[15] Vgl. ebd. 72,5.

[16] Vgl. dazu Mellor 1981: S. 955: […] she was merely one of those deities invented by the Greeks to explain the names of fountains, springs and cities.

[17] Vgl. Mellor 1975: S. 19.

[18] Vgl. Bengtson 1974: S. 550.

[19] Mellor 1975: S. 101 u. Knoche 1952: S. 326.

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