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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Herrscher- und Heroenkulte in der griechischen Welt
  3. 3 Die Entstehung des Roma-Kultes in der griechischen Welt
  4. 4 Roma und Augustus
  5. 5 Schlussbemerkung
  6. 6 Literaturverzeichnis
    1. 6.1 Quellen
    2. 6.2 Darstellungen
  7. 7 Bildnachweis

[30. April 2005]

Im Hymnos der Melinno, der in etwa aus derselben Zeit stammt[32], wird ebenso wie in allen bisher angeführten Fällen die Verehrung der Roma v. a. auf die militärische Macht Roms zurückgeführt. Ich möchte hier nur die ersten beiden Strophen zitieren:

Sei gegrüßt mir, Roma, des Ares Tochter,
Kampfgemut, im goldenen Kopfschmuck, Herrin,
Die du steigst zum Thron des hehren Olympos,
Nimmer zerstörbar.
 
Dir allein, Ehrwürdige, gab die Parze
Ew’ger Herrschaft königlich Ruhmgewinde,
Daß du, allgewaltiger Macht gebietend,
Führerin seiest.[33]
[Bild der Roma auf dem »Cancelleria Relief«]

Abb. 2: Das Cancelleria Relief (Ausschnitt); Roma in der Mitte mit Helm, als Amazonen-Typ (martialisch mit entblößter Brust); symbolisch stützt sie den linken Arm des Imperators [Quelle]

Roma wird von Melinno als unbezwingbar und martialisch beschrieben. Außerdem wird sie in eine Reihe mit den kriegerischen Amazonen gestellt, die bis dato als einzige als Töchter des Ares bekannt waren.[34] C. M. Bowra meint, dass die Stelle, welche in der von mir zitierten Übersetzung im goldenen Kopfschmuck lautet, mit im goldenen Gürtel zu übersetzen sei. Dies würde ungleich besser passen, denn der Gürtel wurde als Sitz der Stärke und Überlegenheit der Amazonen gedeutet.[35] Somit setzte sich der zweite Vers der ersten Strophe nur aus Bildern von Gewalt und Übermacht zusammen: Roma sei immer kampfesfreudig, Herrin und von der Kraft und Überlegenheit der Amazonen beseelt. Auch die spätere Ikonographie der Göttin in der römischen Kaiserzeit stellt diese oftmals als Amazone mit Schild, Parazonium, in kurzer Tunika, die rechte Brust entblößt und auf ihren Waffen sitzend dar.[36] Die Betonung der kriegerischen Stärke der Roma kann somit als Konstante in ihrer literarischen und ikonographischen Darstellung angesehen werden. Ferner ist zu bedenken, dass die Verwendung des Wortes Roma für den (Alt-)Griechisch Sprechenden immer zugleich die Bedeutung Kraft, Stärke, Macht, Gewalt hatte[37], die Verwendung des Wortes selbst mithin schon die unüberwindliche Macht Roms evozierte.[38]

In der zweiten Strophe des Hymnos auf Roma wird diese v. a. als Herrscherin apostrophiert. Der unwidersprochene und unantastbare, ja für alle Zeiten währende Führungsanspruch Roms wird betont. Mir scheint es, als verweise die Strophe somit schon auf das Bild der Roma aeterna, das sich erst in der römischen Kaiserzeit voll entwickeln sollte.[39] Kenneth J. Pratt sieht als einen wesentlichen Schritt zur Vorstellung von Rom als ewiger Stadt – einer Vorstellung, die übrigens auch noch im Christentum Bestand hatte –, dass die Gestalt des Kaisers sich mit der Göttin Roma verband (vgl. Kap. 4). Der zweite Schritt sei gewesen, dass die Voraussicht (providentia) und Ewigkeit (aeternitas) des Kaisers mit der Vorstellung von der Ewigkeit Roms verschmolzen sei.[40] Die Verknüpfung der Ewigkeitsvorstellung mit der Personifikation der Macht des Römischen Reiches (d. h. mit Roma) reicht aber, wie die Verse Melinnos belegen, bis in das 2. Jhr. v. Chr. zurück. Mir scheint demnach diese spätere Vorstellung schon in den frühen Belegen für die Verehrung der Göttin angelegt.

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[32] Die Datierung ist unsicher, doch genügt es hier, dass Einigkeit darüber besteht, die Entstehungszeit in der zweiten Hälfte des 2. Jhr. v. Chr. zu sehen (vgl. Bengtson 1974: S. 553 u. Bowra 1957: S. 28). Bowra nennt als wichtigsten Grund, dass die Verehrung der Roma in griechischen Städten vorausgesetzt werden müsse, und dies ist, wie gezeigt, erst um die Wende zum 2. Jhr. v. Chr. mit Gewissheit der Fall.

[33] Zit. n. Bengtson 1974: S. 552.

[34] Vgl. Bowra 1957: S. 23.

[35] Vgl. ebd.

[36] Zwei ikonographische Typen dominieren: der bereits beschriebene Amazonen-Typ und der Athena-Typ. Bei letzterem figuriert Roma mit hochgeschlossenem, langem Gewand, streng wie eine Göttin. (Vgl. Mellor 1981: S. 1011–4)

[37] Ilona Opelt weist auf eine Stelle bei Lykophron hin, an der sich die Polysemie des Wortes schön zeigen lässt. In ihr wird die Geburt von Romulus und Remus prophezeit: Solche zwei Löwenjungen, heißt es dort, wird ein Verwandter von mir hinterlassen, ein Geschlecht, das sich durch Kraft (oder, doppelsinnig, in Rom) auszeichnen wird (Opelt 1965: S. 56).

[38] Vgl. zu Melinnos Hymnos auch Mellor 1981: S. 970–1.

[39] Vgl. zur Roma aeterna auch ebd.: S. 1018–25.

[40] Vgl. Pratt 1965: S. 27–8. Schritt drei sei die Errichtung des Tempels für Roma aeterna und Venus felix in Rom und Schritt vier zum einen die Herausbildung der Vorstellung von der ewigen Erneuerung der Zeitalter und zum anderen die Identifikation von Rom mit dem Kosmos gewesen.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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