
[4. Januar 2005]
Was die Basis der direkten Methode[17] (auch Reformmethode) bildet, steckt schon in ihrem Namen. Sie wollte direkt lehren, das heißt, Fremdsprache ohne den als lästig empfunden Ballast einer ausufernden Darlegung von Grammatikregeln unterrichtet sehen. Sie versuchte somit eine Sprache auf induktivem Weg zu lehren, was so viel bedeutet wie: Lehren durch Präsentation des Sprachmaterials selbst. Bei den zahlreichen Einzelansätzen der direkten Methode lässt sich die Konstante des Sprachenlernens ohne den Umweg über die Muttersprache ausmachen. War diese noch Unterrichtssprache in der von den Reformern kritisierten Grammatik-Übersetzungs-Methode, so postulierte man nunmehr rigide Einsprachigkeit. Grammatik diente früher dazu, das komplexe Regelgebäude der Sprache begehbar zu machen. Eine Methode, die jedoch davon ausgeht, dass durch die Präsentation authentischen Sprachmaterials die Erläuterung von Sprachregeln und Ausnahmen nicht mehr nötig, der Weg durch das Sprachhaus dementsprechend auch ohne derartige Explikationen gangbar ist, kann von dem Verfahren, die Muttersprache zu verwenden, um eine Fremdsprache zu lehren, Abstand nehmen.
Ebenfalls gemeinsam ist allen Ansätzen der direkten Methode eine Abkehr von den hochkulturellen Bildungsidealen, mit denen die Grammatik-Übersetzungs-Methode eng verwoben war. Anstatt das Mündliche zu vernachlässigen, konzentrierte man sich von nun an vollständig auf zwischenmenschliche Kommunikation sowie strikte Einsprachigkeit und Anschaulichkeit des Unterrichts. Es sollte zur Entfaltung eines
[18] kommen. So lässt sich denn trotz aller Verschiedenheiten eine Konstante zwischen der Grammatik-Übersetzungs- und der direkten Methode feststellen: Es geht um die Selbstbildung des Lerners. Doch sieht die Bildung in beiden Ansätzen grundverschieden aus – hier Hochkultur, dort Alltagskultur.
Sprachgefühls
und der Gemütsbildung durch Fremdsprachenlernen
Grund für die Betonung des Mündlichen beim Fremdsprachenlernen wird meines Erachtens auch die zunehmende Industrialisierung in den westlichen Ländern Europas und in Nord-Amerika im 19. Jahrhundert gewesen sein. Mit der Möglichkeit schneller und weiter zu reisen und dem Etablieren ausländischer geschäftlicher Kontakte im wirtschaftlichen Mittelstand wuchs das Bedürfnis, sich in der Fremdsprache ausdrücken zu können. Und das in einer wesentlich breiteren Schicht als noch im 18. Jahrhundert. Allein eine Fremdsprache zu verstehen, genügte nicht mehr.[19]
Kritisiert werden muss an diesem Methodenentwurf, dass er im Gegensatz zur Grammatik-Übersetzungs-Methode in das diametrale Extrem verfiel. Wurde in jener nur Grammatik gelehrt, war sie in dieser allenfalls Makulatur; Imitation des gebotenen Sprachmaterials tritt an die Stelle des Kognitivierens. Wurde in jener nahezu nur gelesen und geschrieben, wurde in dieser nahezu nur gehört und gesprochen. Optimal scheint Lernen aber, ich muss mich wiederholen, nur zu sein, wenn alle In- und Output-Kanäle des Menschen genutzt werden. Jede der vier Fertigkeiten sollte gleichrangig angesprochen werden, um die besten Ergebnisse beim Erlernen einer Sprache zu erhalten und keinen Lernertyp auszuschließen.
[17] Vgl. zur direkten Methode Neuner 2003: S. 228, Neuner/Hunfeld 2001: S. 33–44.
[19] Vgl. auch Neuner/Hunfeld 2001: S. 34.
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