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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Die Methoden und ihre Eigenschaften
    1. 2.1 Die Grammatik-Übersetzungs-Methode
    2. 2.2 Die direkte Methode
    3. 2.3 Die audiolinguale/audiovisuelle Methode
    4. 2.4 Die vermittelnde Methode
    5. 2.5 Die kommunikative Methode
  3. 3 Schlussbemerkung
  4. 4 Literaturverzeichnis

[4. Januar 2005]

2.3 Die audiolinguale/audiovisuelle Methode

Eine Nachfolgemethode der direkten Methode, das heißt, eine Methode, die auf ihrem Verständnis von Fremdsprachenlernen aufbaute, war die audiolinguale bzw. die audiovisuelle Methode[20]. Die wesentlichen Prinzipien von Mutter- und Tochtermethode gleichen einander. Sprache soll auch in der audiolingualen Methode induktiv gelehrt werden. Ausgangsbasis des Sprachunterrichts soll authentisches Sprachmaterial sein und dieses vornehmlich sprechend trainiert und hörend rezipiert werden. Die Entwicklung neuer Techniken zur Sprachaufzeichnung (Schallplatten, Tonbandgeräte) machten es in den 50er- und 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts möglich, für den Unterricht zusätzliche Quellen gesprochener Sprache und somit andere Sprechervorbilder als das des Lehrers heranzuziehen.

Die audiovisuelle Methode kann als Weiterentwicklung der Weiterentwicklung der direkten Methode gelten. Zur audiovisuellen Methode wird die audiolinguale Methode nämlich dann, wenn das visuelle Element in den Unterricht integriert wird. Das heißt Dia, Filmstreifen, Overhead-Projektoren werden dienstbar gemacht, um Sprachanlässe zu initiieren oder Bedeutungen zu versinnbildlichen. Dieser Medienmix, in dessen Zentrum nicht nur ein Bezugsmedium (das Lehr- und Arbeitsbuch) steht, kann sowohl für die audiolinguale als auch für die audiovisuelle Methode als charakteristisch angesehen werden.

Ferner zeichnen beide Methoden sich gegenüber der direkten Methode durch eine Implantation wissenschaftlicher Erkenntnisse und Verfahren des 20. Jahrhunderts aus. So änderte sich unter anderem das linguistische Konzept. Saussure, der als einer der Begründer des Strukturalismus gelten kann, postulierte die Untersuchung der aktuell gesprochenen Sprache (parole) als Königsweg der Linguistik. Hier knüpften die Verfechter der audiolingualen respektive audiovisuellen Methode an, indem sie sich ebenso, wie man es in der direkten Methode tat, auf gesprochene Sprache konzentrierten. Besonders erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang das Authentizitätspostulat, da hier Prinzip und innere Widersprüchlichkeit der audiolingualen Methode ausgesprochen deutlich hervortreten. So wurde zwar gefordert, die Unterrichtssprache direkt aus dem Leben zu greifen, doch zugleich sollte eine strikte Progression eingehalten werden. Das allmähliche Heranführen des Lerners an den originalen Sprachstand verträgt sich aber schlichtweg nicht mit der Forderung nach echten Sprachvorbildern von Anbeginn des Sprachenlernens. Ein nativer Deutschsprecher achtet in seiner Kommunikation nicht darauf, was ein Fremdsprachler schon an Grammatik beherrscht und was nicht.

Der Bezug auf den Strukturalismus brachte des Weiteren die charakteristische Übungsform dieser Methode hervor: die pattern drills.[21] In dieser Übungsform werden paradigmatische Reihen nach folgendem Muster gebildet:

Paradigmatische Reihen
Ich komme.   Er sagt, daß er kommt.
Ich bleibe.   Er sagt, …
Ich gehe mit.   Er sagt, …
Ich rufe dann an.   Er sagt, …
Ich muß noch arbeiten.   Er sagt, …[22]

Wie man sieht, lässt das Muster dieser Übungen dem Lerner keinerlei Freiraum, sich kreativ zu äußern. Vielmehr wird von ihm verlangt, stereotype Strukturen in einem fort zu wiederholen, auf dass diese sich tief in sein Gedächtnis einschleifen mögen. Zwischen den Übungssätzen besteht keinerlei Sinnzusammenhang; der intellektuelle Anspruch ist so niedrig, dass jeder Lerner bereits nach kurzem diese Übungen nachgerade im Schlaf wiederholen kann. Und genau das ist Ziel der pattern drills. Sprachliche Strukturen sollen tief ins Gedächtnis eingekerbt, man möchte gar sagen: dem Lerner andressiert werden. Hier greift die audiolinguale/audiovisuelle Methode auf ihre zweite Bezugswissenschaft, den Behaviorismus, zurück. Gemäß dieser Theorie des Lernens wurde der Erwerb einer Fremdsprache als Konditionierung aufgefasst, als der Aufbau eines Reiz-Reaktions-Systems nach dem Muster Tisch = table. Einem solchen Verständnis, das Fremdsprachenkönnen als Beherrschung eines spezifischen Reaktionsverhaltens ansieht, ist die Übungsform der pattern drill allerdings angemessen.

Tatsächlich gilt als Kritik für diesen Weg des Fremdsprachenlehrens dasselbe wie für die direkte Methode. Wieder beschränkt man sich auf nur zwei der vier Fertigkeiten und die einzig gelehrte Varietät ist die Umgangssprache. Allerdings muss man der These, dass im audiolingualen/audiovisuellen Unterricht viel produktives Wissen erworben werde, wohl zustimmen. Doch bei diesem Wissen handelt es sich zumeist um Re-Produktion und nicht um eigenständige, eigenverantwortliche Produktion.

Die positiven Konsequenzen dieses methodischen Vorgehens sollten aber auch genannt werden: Zum einen sieht die Methode sehr viel Sprachpraxis für den Lerner vor, was durchweg als positiv anzusehen ist, da produktives Wissen, also die Fähigkeit sich zu äußern, eine Sprachhandlung auszuführen, ein Prozess ist, der nicht ad hoc, sondern nur allmählich aufgebaut werden kann. Für Paul R. Portmann ist klar,

dass funktionierende Produktionen und Produktionssysteme das Resultat von Praxis sind. Es ist nicht möglich, Produktionen direkt zu vermitteln oder als solche in einem Zug aufzubauen[23].

Und Produktionspraxis bietet die audiolinguale/audiovisuelle Methode zuhauf an. Ferner kann die Einbettung visueller und auditiver Medien in das Unterrichtsgeschehen aus heutiger Sicht nur befürwortet werden. Sie sind aus dem modernen Fremdsprachenunterricht kaum noch wegzudenken, zumal er in einer Gesellschaft, in der vieles visualisiert wird und visualisiert werden muss, um noch rezipiert zu werden, beheimatet ist.

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[20] Vgl. zu den beiden Methoden Funk/Koenig 1995: S. 41–48, Heyd 1991: S. 26–29, Huneke/Steinig 2002: S. 167–170, Neuner 2003: S. 228–229, Neuner/Hunfeld 2001: S. 45–69.

[21] Gouin, Vertreter der Reformmethode, hatte bereits 1880 Vorläufer dieser pattern drills vorgeschlagen. (Vgl. Neuner 2003: S. 228)

[22] Zit. n. Funk/Koenig 1995: S. 44.

[23] Portmann 1991: S. 56.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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