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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung: Das Problem
  2. 2 Fachwissenschaftliche Betrachtung
  3. 3 Didaktische Betrachtung
  4. 4 Lehrwerk-Betrachtung
  5. 5 Schlussbemerkung: Die Lösung?
  6. 6 Literaturverzeichnis
    1. 6.1 Quellen
    2. 6.2 Lehrwerke
    3. 6.3 Darstellungen

[15. Februar 2004]

Ein kurzer Blick auf das Problem der Stellungsfelder im DaF-Unterricht

Abstract
Ein spezifisches Problem beim Erlernen der deutschen Sprache ist die Klammerstellung analytischer Verben und die durch sie geschaffenen Stellungsfelder. Meine Arbeit geht der Frage nach, wie sich das Problem für DaF-Lerner darstellt und wie ihm eventuell abgeholfen werden kann.

1 Einleitung: Das Problem

Die Satzklammer ist eine Eigenart des Deutschen, die es von vielen anderen Sprachen der indogermanischen Sprachenfamilie abhebt.[1] Somit stellt sie sowohl für den Fremdsprachenlerner aus einem verwandten Sprachraum als auch für denjenigen ein Problem dar, der schon profunde Kenntnisse in einer anderen stammverwandten Sprache erlangt hat. Beredtes Beispiel für die sich beim Erlernen dieser Satzstruktur ergebenden Schwierigkeiten ist und bleibt die Polemik The Awful German Language des amerikanischen Romanciers Mark Twain. In seinem Text geißelte er unter anderem den Hang des Deutschen, Sätze komplex zu verschachteln und dem Leser die dringend benötigten Information darüber, welches Verb das Verhältnis der vielen im Satz genannten Gegenstände genauer bestimmt, bis zum weit entfernten Ende des Satzes vorzuenthalten.[2] Der Zwang, Verbpräfixe unter bestimmten Bedingungen abzutrennen, verwirrte ihn[3] und der Häufung der infiniten Verbteile am Ende eines Satzes stand er mit Unverständnis gegenüber[4].

Natürlich übertrieb Mark Twain in seinem Text maßlos, neigte der Gattung entsprechend dazu, die Dinge komisch überspitzt zu zeichnen. Doch im Kern sind seine Schwierigkeiten dieselben, mit denen auch heute noch Fremdsprachenschüler zu kämpfen haben. Ein Schüler, dessen Muttersprache Englisch ist, steht bereits in frühen Stadien des Lernens vor dem Problem, seine Sätze nach einem ungewohnten Schema konstruieren zu müssen.[5] Wie ungewohnt die Stellung der Prädikatsteile im Deutschen einem nativen Englischsprecher anmuten muss, versinnbildlicht der folgende Beispielsatz, in dem die Bestandteile des Prädikats von mir in deutscher Manier platziert wurden:

*E. A. Poe has The Tell-Tale Heart in 1843 written.

Aus der ausnehmenden Anordnung der Prädikatsteile im Deutschen ergibt sich über dieses Problem hinausgehend ein komplexeres Stellungsfeldergeflecht als in anderen Sprachen. Stellt sich im Englischen anfänglich nur die Frage, ob man eine Satzkonstituente vor oder hinter dem Prädikat platziert, muss im Deutschen gefragt werden, ob sie vor dem Prädikat (Vorfeld), zwischen den Prädikatsteilen (Mittelfeld) oder hinter der geschlossenen Satzklammer (Nachfeld) stehen kann oder zu stehen hat. Das Problem erweitert sich, wenn man vom Prädikat einmal absieht, noch dahingehend, dass das deutsche Kasussystem stärker als beispielsweise im Englischen oder Italienischen ausgeprägt ist. Weil die syntaktisch-semantische Funktion der Konstituenten im deutschen Satz oft auch aufgrund ihrer grammatischen Form oder ihres Begleiterfeldes und nicht nur aufgrund ihrer Stellung bestimmt werden kann, ergeben sich weitere, in anderen Sprachen nicht vorhandene Wortstellungsmöglichkeiten. Ein Beispiel:

Den Sohn hat die Mutter geboren.
*The son has born the mother.
*Il figlio ha partorito la madre.
*Le fils a enfanté la mère.

Sind englischer, italienischer und französischer Satz hier auch grammatisch korrekt, stellen sie doch semantische Paradoxa dar.[6]

Das angerissene Problem konstituiert die Frage, die in dieser Arbeit ausgelotet werden soll: Wie ist mit den dargestellten Schwierigkeiten im DaF-Unterricht zu verfahren?

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[1] Vgl. Hentschel/Weydt 1994: S. 383, Dürscheid 2000: S. 106.

[2] Mark 2003: S. 10.

[3] Can any one conceive of anything more confusing than that? (Ebd.: S. 16.)

[4] In der abschließenden deutschen Rede seiner Polemik heißt es: Wenn aber man kann nicht meinem Rede verstehen, so werde ich ihm später dasselbe übersetzt, wenn er solche Dienst verlangen wollen haben werden sollen sein hätte. (I don’t know what wollen haben werden sollen sein hätte means, but I notice they always put it at the end of a German sentence – merely for general literary gorgeousness, I suppose.) (Ebd.: S. 62–64.)

[5] Dieses erklärt sich zum einen aus den mannigfachen Konstruktionen, die im Deutschen Satzklammern konstituieren, und zum anderen aus einer Vorliebe deutscher Sprecher, analytische Tempora zu verwenden. So wird in gesprochenen Kontexten das Perfekt dem Präteritum vorgezogen (Vgl. hierzu Storch 1999: S. 29) und der Konjunktiv vor allem mit würde gebildet.

[6] Im Deutschen gibt es solche Zweideutigkeiten ebenfalls, weil z. B. bei Feminina die Formen im Singular Akkusativ und Nominativ sowie im Genitiv und Dativ homomorph sind. Ein vielzitiertes Beispiel: Die Ratte hat die Katze gefressen (Vgl. Hentschel/Weydt 1994: S. 394). Mit Satzakzent auf Ratte hingegen wäre der Satz wieder eindeutig.

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