
[15. Februar 2004]
Eingangs soll jedoch eine fachwissenschaftliche Betrachtung der Stellungsfeldertheorie Klarheit über die Schwierigkeiten verschaffen, die ich in der Einleitung bereits angesprochen habe. Wie ich schon anmerkte, ist das Problem der Stellungsfelder im Deutschen ein komplexes, weswegen es an diesem Ort nicht Ziel sein kann, sich aller Details, jedweder Fährnisse, die es bereithält, anzunehmen.
Die Stellungsfelder ergeben sich in deutschen Sätzen aus der Stellung der Prädikatsteile. Grundsätzlich gilt, dass ein finites Verb in Erst-, Zweit- oder Endstellung im Satz auftauchen kann.[7] Aus diesen drei Verbstellungen ergeben sich wiederum drei Satztypen: der Stirnsatz, der Kernsatz und der Spannsatz.[8] Die infiniten Teile des Prädikats stehen in der Regel am Ende des Satzes, wobei auch hinter ihnen unter gewissen Bedingungen Satzelemente auftauchen können. Die berühmt-berüchtigte Satzklammer wird also im deutschen Hauptsatz aus den Prädikatsteilen gebildet und erschließt drei Felder, in denen die weiteren Satzkonstituenten stehen können: das Vorfeld, das Mittelfeld und das Nachfeld. Drei Beispiele zur Veranschaulichung:
| Vorfeld | li. Klammer | Mittelfeld | re. Klammer | Nachfeld | |
|---|---|---|---|---|---|
| Stirnsatz | Gibt | er ihr das Salz? | |||
| Kernsatz | Er | gab | ihr das Salz. | ||
| Spannsatz | dass | er ihr das Salz | gab. |
Im Gliedsatz finden sich alle – das heißt auch die finiten – Prädikatsteile am Ende des Satzes, wobei auch hier gilt, dass unter gewissen Bedingungen Satzelemente hinter ihnen auftauchen können. Der linke Teil der Satzklammer wird hier nicht mehr vom Finitum, sondern von den nebensatzeinleitenden Subjunktionen, Relativpronomen oder Interrogativpronomen gebildet.[9] Im Gegensatz zum Hauptsatz mit Verbzweitstellung gibt es im Gliedsatz kein Vorfeld.
Kompliziert wird dieses Modell durch die umfangreichen Möglichkeiten, Satzkonstituenten in den einzelnen Feldern zu positionieren. Am einfachsten, wenngleich auch hier zahlreiche Regularitäten bestehen, gestaltet sich die Beschreibung von Vor- und Nachfeld. Für das Vorfeld gilt die Faustregel, dass in ihm nur ein Satzelement stehen darf.[10] Dabei darf nicht übersehen werden, dass zugehörige Attribute eines Satzelements aufgrund der engen Verbindung mit diesem ins Vorfeld gezogen werden.[11] Ferner können Partikeln wie doch, aber oder freilich, die den Anschluss an einen Vorsatz herstellen, zum Vorfeldelement hinzutreten.[12] Christa Dürscheid spricht in diesem Zusammenhang von einem Vor-Vorfeld
[13]. Im Nachfeld stehen vornehmlich umfangreiche Satzglieder, Glied- und Infinitivsätze, die in einem Bezug zu bereits genannten Elementen stehen.[14] Rücken solche Satzglieder oder Satzgliedteile ins Nachfeld, spricht man von Ausklammerung.
Im Mittelfeld stehen die meisten Satzkonstituenten, woraus sich Schwierigkeiten hinsichtlich ihrer Stellung zueinander ergeben. Die wohl wichtigsten Regeln für einen Fremdsprachenlerner sind folgende: (1) Die Grundreihenfolge ist Subjekt vor Dativobjekt vor Akkusativobjekt[15], (2) wird das Dativ- oder Akkusativobjekt pronominalisiert, tritt das pronominalisierte Element vor das nicht-pronominalisierte[16], (3) werden alle Objekte pronominalisiert, kehrt sich ihre Reihenfolge so um, dass das Akkusativ- vor dem Dativobjekt steht[17]. (4) Gesprächspartikeln wie wohl oder halt stehen tendenziell am Anfang des Mittelfeldes, aber hinter dem Subjekt[18] und (5) Präpositionalgefüge tendieren, dem Gesetz der wachsenden Glieder
[19] folgend, dahin, am Ende des Mittelfeldes zu stehen.
Aus dem bisher Gesagten und in Anlehnung an eine Auflistung von Elke Hentschel und Harald Weydt[20] ergibt sich folgende Grundreihenfolge der Satzglieder im deutschen Hauptsatz mit Verbzweitstellung:
| Vorfeld | Konnektoren – Quasiattribute – Linksattribute – Subjekt – Rechtsattribute – Quasiattribute |
|---|---|
| linke Klammer | finiter Prädikatsteil |
| Mittelfeld | Gesprächspartikeln – temporale Adverbialbestimmung – kausale Adverbialbestimmung – lokale Adverbialbestimmung – modale Adverbialbestimmung – instrumentale Adverbialbestimmung – Dativobjekt – Akkusativobjekt – Genitivobjekt – Präpositionalobjekt |
| rechte Klammer | infiniter Prädikatsteil |
| Nachfeld | Vergleichsergänzungen – Präpositivergänzungen – Infinitivsätze – andere umfangreiche Satzglieder |
Im Nebensatz werden die Vorfeldelemente am Anfang des Mittelfeldes eingebunden und der finite Prädikatsteil bildet in der rechten Klammer einen Prädikatskomplex. Betrachtet man diese nur kursorisch aufgeführten Regularitäten, gilt jedoch:
“Für sämtliche hier angeführten Grundregeln mit Ausnahme derer für Pronomina gilt, daß sie hinter der inhaltlichen Gliederung des Satzes zurücktreten, da das Deutsche nicht primär syntaktisch, sondern semantisch gliedert[21].
Ein weiteres Problem, das nur die rechte Satzklammer betrifft, sei hier zumindest erwähnt: Die Abfolge der infiniten Teile bei Prädikaten bedarf einer detaillierten Regelung.[22]
[7] Vgl. z. B. Dürscheid 2000: S. 73, Sitta 1998: S. 814–815.
[8] Vgl. ebd.
[9] Ich folge hier der Meinung von Dürscheid 2000: S. 94 und Engel 1994: S. 184, die davon ausgehen, dass die Satzklammer immer bestehe. Horst Sitta bezieht die Position, dass im Nebensatz die linke Klammer durchaus fehlen könne (Sitta 1998: S. 818). Und das mit gutem Grund. Denn ein Relativpronomen kann im Gliedsatz eine Satzgliedfunktion einnehmen. Dennoch sollte im Fremdsprachenunterricht davon die Rede sein, dass diese nicht-konjunktionalen einleitenden Wörter oder Wortgruppen die linke Satzklammer bilden. Erfüllen sie auch eine Satzgliedfunktion, sind sie hinsichtlich ihrer Position im Gliedsatz eindeutig festgelegt: Sie stehen immer an erster Stelle.
[10] Vgl. z. B. Hentschel/Weydt 1994: S. 382, Engel 1994: S. 191.
[11] Vgl. Engel 1994: S. 195. Engel erwähnt nur präpositionale Attribute und Adjektive, doch gilt diese Regel auch für Relativsätze oder Genitivattribute: Die Waffe, die dem Bankräuber gehörte, wurde gefunden./Die Waffe des Bankräubers wurde gefunden.
[12] Ulrich Engel spricht in diesem Zusammenhang von Quasiattributen
: Es handelt sich bei den Quasiattributen vor allem um Gradpartikeln, die im Mittelfeld in gewissem Rahmen verschiebbar sind: Sogar Oskar hat für mich gestimmt. / Oskar freilich hat sich enthalten
(Engel 1994: S. 195).
[14] Vgl. Dürscheid 2000: S. 104–106, Engel 1994: S. 196–197, Sitta 1998: S. 820–821.
[15] Vgl. Dürscheid 2000: S. 77. Beispiel: Die Mutter hat dem Kind das Schulbuch gekauft.
[16] Vgl. ebd.: S. 78. Beispiel: Die Mutter hat es dem Kind gekauft./Die Mutter hat ihm das Schulbuch gekauft.
[17] Vgl. ebd.: S. 102. Beispiel: Die Mutter hat es ihm gekauft.
[18] Vgl. ebd.: S. 103. Beispiel: Die Mutter hat wohl dem Kind das Schulbuch gekauft. Aber: *Die Mutter hat wohl es ihm gekauft.
[19] Ebd.: S. 102. Das Gesetz besagt, dass kürzere meist vor längeren Satzgliedern stehen. Es ist wohl auch auf Nachfeldelemente anzuwenden. Diese bestehen, wie oben erwähnt, in der Regel aus längeren Satzgliedern oder Satzgliedteilen und stehen wohl auch deswegen weiter hinten im Satz.
[20] Vgl. Hentschel/Weydt 1994: S. 387.
[21] Ebd.: S. 389. Zu pragmatischen Bedingungen der Satzgliedstellung fasst Andreas Lötscher in Lötscher 1984: S. 118 die Grundregeln zusammen, die er aus gängigen Handbüchern
erstellt haben will. Wie er in seinem Aufsatz zeigt, sind diese nicht immer en détail begründbar, doch haben sie nach meinem Dafürhalten durchaus didaktischen Wert.
[22] Vgl. hierzu Hentschel/Weydt 1994: S. 383–384.
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