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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

Lessings Fabeln – Kampfmittel der Aufklärung?

Eine Untersuchung zur Fabeldichtung Lessings und ihrer gesellschaftlichen und philosophischen Basis im 18. Jahrhundert

Abstract
Nie erfreuten sich Fabeln in der deutschen Literatur größerer Beliebtheit als im Zeitalter der Aufklärung. Alles, was Rang und Namen hatte, schrieb Fabeln. Diese aus heutiger Sicht, die die Fabel intuitiv der Kinderliteratur zuordnet, seltsame Beliebtheit hängt eng mit den historischen Umständen zusammen. Anhand von Lessings Fabeln zeige ich, wie sie unter der Hand des Dichters zu einem Ort wurden, an dem sich philosophische Überzeugungen und die Moral eines erwachenden Bürgertums kreuzten.

1 Einleitung

Einen der kleinen, wahrscheinlich im Herbst 1920[1] entstandenen Texte Franz Kafkas, den er in dessen Nachlass gefunden hatte, überschrieb Max Brod mit den Worten Kleine Fabel[2]. Eine Maus hetzt es in ihm umher, gefangen zwischen Mauern, getrieben durch Zimmer, die so kahl sind, dass kein weiteres Wort über sie verloren wird. Schließlich in den Winkel des letzten Raumes vordringend, das jähe Ende des Weges erkennend, plötzlich gefangen, dort, wo ihr nur noch der Rückweg offen steht, verschließt auch dieser sich – von höhnischen Worten begleitet.

Äonen scheinen zwischen der Verzweiflung und Ausweglosigkeit, die aus diesem Text spricht, und dem nach vorne gewandten, auf Weiterentwicklung des Menschen zielenden Bild der Aufklärung zu liegen. Das positive Welt- und Geschichtsbild der Aufklärung, für das auch Lessings Fabeldichtung steht, wird in Kafkas Anti-Fabel nachgerade verspottet: Die Vorstellung von einer steten Verbesserung des menschlichen Daseins verwandelt sich in ihr in eine Aporie, in der das rasende Leben in Ausweglosigkeit und die Leere eines endgültigen Stillstands mündet. Kafkas Fabelwelt kennt kein Vorwärts und kein zurück, sie reduziert sich auf ein hoffnungsloses Jetzt. Hätte Lessing jemals eine derart desillusionierende Fabel schreiben können?

Nicht nur das im Wesentlichen positive Weltbild der Aufklärungsepoche ist seit dem 18. Jahrhundert verloren gegangen; auch die Bedeutung der Gattung selbst scheint schon Anfang des 20. Jahrhunderts im Nirgendwo verschwunden. Als eine europäische Zentralgattung[3], wie es Theo Elm und Peter Hasubek formulierten, wirkte sie in allen Ländern Westeuropas noch zu Lessings Zeiten, als Aschenbrödel auf das Gebiet der Kinderliteratur verwiesen[4] steht ihr Otto Weddigen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts gegenüber. Und diese Stellung scheint sie heute noch oder, wenn man so möchte, heute wieder innezuhaben. Scheint es doch kaum vorstellbar, dass ein zeitgenössischer Dichter von Rang eine Fabelsammlung publizierte.

Die aus heutiger Sicht merkwürdige Beliebtheit der Textgattung Fabel im 18. Jahrhundert wirft einige Fragen auf, denen ich im Folgenden nachgehen möchte. Was machte die Fabel damals so populär? Auf welchen gesellschaftsphilosophischen Ideen gründete diese Popularität? Und wie verwirklichten sich diese Ideen in den Fabeln Lessings? Schließlich: Wenn diese Literaturgattung so typisch für jene Zeit war, lassen sich Lessings Fabeln dann als Kampfmittel der Aufklärung apostrophieren?[5]

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[1] Vgl. Kafka Erzählungen: S. 405.

[2] In ebd.: S. 320. Ob es sich hierbei wirklich um eine Fabel handelt, ist durchaus diskussionswürdig, soll aber nicht weiter thematisiert werden. Der Text findet sich auch im Anhang in Kap. 7.2.

[3] Elm/Hasubek 1994: S. 9.

[4] Zit. n. Dithmar 1997: S. 124.

[5] Im Anhang (Kap. 7.1) findet sich zusätzlich, vom Rest des Textes unabhängig, ein kurzer Abriss über die Rezeption und Bearbeitung der Textgattung Fabel in der Schule.

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