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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

Eine Fabel, in der Lessing die Herrschaftsverhältnisse im Gegensatz zum antiken Vorbild tatsächlich relativiert, ist Der Wolf und das Schaf[161]. Wie bei Äsop[162] treffen sich die beiden Tiere zufällig an einem Fluss. Das Schaf ist bei Lessing nicht etwa in einer stärkeren, dafür in einer geschützten und folglich gleichwertigen Position, welche es ermutigt, den Wolf verbal zu attackieren. Die Vergehen, die der Wolf dem Schaf bei Äsop als Scheinrechtfertigungen seines mörderischen Tuns vorwirft, werden für das Schaf hier zu Mitteln, den Wolf zu reizen. Dieser betont sodann hochmütig, Wölfe hätten generell Geduld mit Schafen. Welche Lehre verbirgt sich in diesem Text? Ich denke sie könnte heißen: Der Stärkere versucht noch in der schwächeren Position sein Verhalten mit Scheingründen zu rechtfertigen. So verhält sich zwar das Schaf durchaus in einer Weise, die, wie ich weiter unten zeigen werde, in anderen Fabeln Lessings gegeißelt wird. Doch steht im Zentrum dieser Fabel der Wolf, folglich die Figur in der höheren Position. Und das Verhalten der Figur in dieser gehobenen Stellung ist und bleibt nicht zu rechtfertigen; ob sie nun in der eindeutig stärkeren Position ist, wie bei Äsop, oder schon in einer geschwächten und nur noch gleichwertigen, wie bei Lessing.

Ferner fällt auf, dass Lessing die Bereiche, in denen sich Schaf und Wolf bewegen, klar voneinander scheidet. Man könnte diese Fabel darum zum einen als Ausdruck der Emanzipation des Schwächeren in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts verstehen. Zum anderen als Formulierung eines weiteren Zugs der Zeit, den Kant so formuliert: Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik.[163] Die Lage hat sich nicht grundsätzlich geändert, aber sie eröffnet neue Möglichkeiten, neue Handlungsräume. Ein Attribut dieser neuen Handlungsmöglichkeiten ist die (moralische) Kritik, die sich hier in der Form des Spotts äußert. Die Verhaltenskritik korreliert mit einer Selbsterhöhung und dem Bewusstsein, dass diese Aufwertung weiter, über den Moment hinaus reicht. Das Schaf, der Bürger hat sich emanzipiert. Wichtig ist, dass Emanzipation im damaligen Wortsinn aus Sicht des Bürgers ein passiver Akt gewesen ist. Emanzipation wird seitens der herrschenden Eliten gewährt und nicht aktiv erkämpft. Somit besteht gar nicht der Wille, in die Position des Stärkeren aufzurücken oder, schwächer ausgedrückt, diese Position in ihrer aktuellen Ausformung zu übernehmen. Denn das Streben nach Partizipation an der Macht, welches sich durchaus gleichzeitig entwickelte, kleidete sich vor allem in den bürgerlichen Wunsch, eine verfassungsmäßige Ordnung zu haben.[164] Allein der Tausch gesellschaftlicher Plätze wurde nicht angestrebt. Das Schaf tritt nicht an die Stelle des Wolfs, es verspottet ihn. Ebenso verhält sich dies in Lessings Fabeln. In Zeus und das Schaf erschrickt das Schaf gar, wenn es vor die Wahl gestellt wird, mit Reißzähnen und Raubtierklauen bewehrt zu werden. Es erscheint ihm nicht als erstrebenswert, die Position eines Höhergestellten einzunehmen, da es nichts mit den reißenden Tieren gemein haben wolle. Denn es ist, wie schon oben zitiert, besser Unrecht leiden als Unrecht tun.[165]

Dass die Fabeln – trotz aller in ihnen propagierten Selbstbeschränkung – dennoch eine gesellschaftskritische Stoßrichtung haben, verweist darauf, dass es in ihnen um ein ganz anderes Gesellschaftssystem geht – nämlich ein durch eine Konstitution geregeltes, das Partizipation ohne Verleugnung der eigenen Herkunft ermöglicht. Auf die Aufklärungsphilosophie bezogen würde man sagen, die wesentliche Änderung ist, dass die tradierten Autoritäten, ob in Gesetzesform (als Dogma) oder in Form einer Person, die eine Institution repräsentiert, nicht mehr auf alle Zeiten hinaus ihre Stellung behalten müssen. Denn folgt man der Setzung Kants, dass keine für alle nachfolgenden Generationen verbindlichen Beschlüsse gefasst werden dürften, fielen auch gesellschaftsstrukturelle Verbindlichkeiten, wie sie bisher bestanden. Und auf dieses Moment des gesellschaftlichen Revirement scheinen auch die bis hierher besprochenen Fabeln zu verweisen. So wäre das in ihnen gestaltete bürgerliche Ethos in sich widersprüchlich: Einerseits wird die Beschränkung auf den gesellschaftlichen Raum, dem man angehört, propagiert. Andererseits bietet sich die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung wie nie zuvor, und diese greift über den eigenen gesellschaftlichen Raum hinaus. Eine solche Dialektik, die sich zwischen den Polen Gesellschaft und Individuum aufspannt, ist es, die sich in ihrer Synthese für die bürgerliche Welt in der Zukunft positiv wenden sollte. Die ambivalente Stellung des Bürgers könnte nämlich als Vorschule für die Übernahme der Macht verstanden werden, die in Deutschland allerdings erst mit dem Ende des wilhelminischen Kaiserreichs teilweise und dann weitestgehend durch (man traut es sich ja kaum zu sagen) die nivellierenden Tendenzen im Nationalsozialismus und schließlich die Bonner Demokratie der Nachkriegszeit erlangt wurde. Zu Lessings Zeiten ist aber noch klar, wer im Falle einer direkten Konfrontation derjenige ist, der sich durchsetzt. Nicht etwa der, der sich vernünftig und bescheiden beschränkt, sondern die rohe Gewalt, die schiere Macht der mit Waffen bewehrten Eliten.[166] Diese fortdauernde Unterlegenheit steht aber, das ist der Witz dieser Dialektik, nicht in toto im Gegensatz zu den Interessen des Bürgertums. Denn es wird die Macht aus der wachsenden Stärke seiner eigenen Sphäre übernehmen; und nicht durch Okkupation des entgegengesetzten, adeligen Gesellschaftsbereichs.[167]

Direkter als in Der Wolf und das Schaf wird die Absetzung gegenüber der Sphäre des Hofes in Der Tanzbär[168] gestaltet. Im Epimythion charakterisiert der Erzähler den Hofmann als eine Person, die sich allein durch Schmeichelein und listiges Gebaren auszeichne. Der Hofmann ist jemand, der nicht aufgrund persönlicher Eigenschaften, sondern allein durch Intrigen (Kabalen) seine Position am Hofe verändern kann. Kontrastiert wird diese Charakterisierung mit Witz, also geistiger Beweglichkeit, und Tugend, also moralischer Integrität. Die rhetorische Frage in den beiden letzten Versen, ob ein solcher Hofmann zu loben oder zu tadeln sei, lässt sich aus der Charakterisierung unumwunden zuungunsten des Hofmanns beantworten. Auffällt an dieser nicht in den drei Fabelbüchern Lessings erschienen Fabel, dass bei ihr, im Gegensatz zu den in den Büchern enthaltenen, der Bildteil vom Erzähler gedeutet wird. Und zwar auf eine Weise, die zweifeln lässt, ob all dies auch ohne die Hilfe des Erzählers dem Fabeltext selbst hätte entnommen werden können. Betrachtet man allein den Bildteil, könnte die in ihm liegende Lehre vielleicht lauten: Verleugnest du deine Wurzeln, wirst du ein Raub der Lächerlichkeit. Oder: Verstand und Selbstbescheidung schützen vor Sklaverei und Gedankenlosigkeit. Der Hofmann, der ja offensichtlich Sachhälfte zum Bild des Tanzbären sein soll, deckt sich mit diesem allein hinsichtlich der Eigenschaften, sich höfisch geziert und somit unnatürlich zu benehmen. Als schmeichlerisch oder listig möchte man den Bären allerdings nicht bezeichnen. Dagegen figuriert der alte Bär durchaus als jemand, der sich tugendhaft verhält und seinen Verstand gebraucht, also die nötigen Kontrasteigenschaften besitzt. Der Verstandesgebrauch, der hier der intriganten Attitüde des Hofmanns entgegengesetzt wird, wird auch in anderen Fabeln Lessings als wünschenswert hervorgehoben. Eher indirekt zum Beispiel in Der Stier und der Hirsch[169]. Der Hirsch geht mit dem Stier deswegen kein Bündnis gegen den Löwen ein, weil er sich selbst vom Löwen nicht als akut bedroht betrachtet. Gegen ihn zu kämpfen, wäre zwecklos, fliehen könne er vor ihm dementgegen leicht. Eine vernünftige Analyse der Situation, so könnte man diese Fabel abstrahieren, vermag einem die Richtschnur für das eigene Verhalten zu geben. In Die Hunde[170] wird eine ähnliche Situation beschrieben. Ein weitgereister Pudel berichtet in dieser Fabel, dass die Hunde in Indien viel tapferer und darum besser seien als die in Deutschland. Sie würden sogar Löwen anfallen. […] überwinden sie ihn denn auch, den Löwen?, hinterfragt ein einheimischer Jagdhund die Darstellung des Pudels. Der Pudel kann nur verneinen. Und eben darum seien sie auch nicht ein Stück besser als die heimischen Hunde, aber ein gut Teil dümmer, schließt der Jagdhund. Wie in Der Stier und der Hirsch das Bündnisangebot vom Hirsch nicht ohne es zunächst abzuwägen angenommen wird, so akzeptiert der Jagdhund in Die Hunde nicht einfach die Einschätzung des berichtenden Pudels. Zunächst wird kritisch geprüft. Lessings Fabeln gehören auch deswegen deutlich in die Zeit der Aufklärung, weil sie oftmals Situationen schildern, die dem aufklärerischen Postulat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen[171], folgen. Und indem sie diese Forderung transportieren, gehorchen sie der Wirkungsästhetik, die Lessing in seiner Fabeltheorie entworfen hat.[172]

Der Appell zum Vernunftgebrauch ist implizit auch in der literarischen Struktur der Prosafabeln enthalten. Taucht in den Prosafabeln auch mitunter ein Wechsel der Bildebene am Ende des Textes auf, hat dieser Wechsel doch nie den Charakter einer Moral, die ein weiteres Nachdenken über die Bedeutung des Bildes überflüssig machte. Ein Beispiel hierfür bietet die Fabel Der Affe und der Fuchs[173]. Der Affe prahlt in ihr gegenüber dem Fuchs mit seinem Nachahmungsgeschick und fordert ihn auf, ein Tier zu nennen, das er nicht nachzuahmen verstehe. Der Fuchs aber erwidert, der Affe solle ihm ein Tier nennen, das es sich angelegen sein lassen würde, ihn, den Affen, nachzuahmen. Mit dem Nachsatz – Epimythion möchte ich es nicht nennen, da die Lehre aus ihm nicht klar ersichtlich ist – deutet Lessing an, auf welche Sachhälfte die Fabel bezogen werden könnte: Schriftsteller meiner Nation! – – Muß ich noch deutlicher erklären? Der Erzähler prangert durch seinen Ausruf die Nachahmungslust der deutschen Schreiber an und behauptet, dass sie bei all ihrem Schaffen doch nicht die Klasse hätten, selbst als Inspirationsobjekt für Schreiber aus fremden Nationen dienen zu können. In Lessings Theorie heißt eine Fabel wie Der Affe und der Fuchs zusammengesetzte.[174] Eine zusammengesetzte Fabel liegt nämlich dann vor, wenn die Fabel auf ein wirkliches Geschehen angewandt wird, also in einem konkreten, nachvollziehbaren Handlungskontext steht und nicht nur eine Bildhälfte präsentiert. Lessing betont, dass ein und dieselbe Fabel sowohl einfach als auch zusammengesetzt sein könne. Ließe man bei Der Affe und der Fuchs die oben zitierte Apostrophe weg, so handelte es sich um eine einfache Fabel. Gerade weil die Bedeutung des Bildes aber in einem konkreten Zusammenhang aktualisiert wird, muss man sie schließlich als zusammengesetzte bezeichnen. Doch ob nun zusammengesetzt oder einfach; von eigener Interpretationsarbeit befreit Lessing seine Leser auch hier nicht. Beide Formen zielen auf den Verstandesgebrauch des Rezipienten.

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[161] In Lessing Fabeln: S. 153 u. Kap. 7.2.

[162] Vgl. Äsop Fabeln: Der Wolf und das Lamm (S. 91–92 u. Kap. 7.2).

[163] Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Zit. n. Bauer 2004: S. 42–43. Diese Kritik muss sich nicht auf Abstrakte Ideale beschränken. In den Institutionen der Kunstkritik, Literatur-, Theater- und Musikkritik einbegriffen, organisiert sich das Laienurteil des mündigen oder zur Mündigkeit sich verstehenden Publikums. (Habermas 1990: S. 103.)

[164] Vgl. Bauer 2004: S. 41–45.

[165] Sozialkonservative Haltungen des Bürgertums sind mitunter noch in der Frühphase des Konstitutionalismus Anfang des 19. Jahrhunderts zu beobachten (vgl. Bauer 2004: S. 68).

[166] So in Der Esel und der Wolf (in Lessing Fabeln: S. 123 u. Kap. 7.2).

[167] Vgl. hierzu v. a. Koselleck 1973: S. 68–86. Das Bestreben der Freimaurer, die Macht im Staat schleichend zu übernehmen, geht von der eigenen Stärke und der eigenen gesellschaftlichen Sphäre aus. Die Macht wüchse so aus der eigenen Sphäre heran und würde nicht durch Okkupation einer fremden erlangt. Damit wäre sie letztlich auch von anderer Natur.

[168] In Lessing Fabeln: S. 80 u. Kap. 7.2.

[169] In ebd.: S. 123 u. Kap. 7.2.

[170] In ebd.: S. 120 u. Kap. 7.2.

[171] Kant Aufklärung: S. 20 (in Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?).

[172] Vgl. Kap. 4.2.

[173] In Lessing Fabeln: S. 116 u. Kap. 7.2.

[174] Vgl. ebd.: S. 154–155.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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