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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

6 Fazit

Die Fabeltheorie Lessings ist radikal wirkungsorientiert. Dabei wird die Wirkung der Fabel nicht danach beurteilt, ob die literarischen Ausschmückungen bezaubern oder die Sinne berauschen. Vielmehr besteht sie in einer Aufforderung an den Leser, den fabelinhärenten Sinn selbständig zu entschlüsseln. Das Ziel ist nicht nur die zu erkennende Moral. Der Weg, sie zu erlangen, ist aus Sicht Lessings unverzichtbar. Die Entschlüsselungsarbeit am Text und die fabelhaften Auftritte der Tiercharaktere sollen sie dem Leser ans Herz legen, auf dass er sie verinnerliche und nicht mehr vergesse. Keineswegs geht es ihm um stures Auswendiglernen einer Lehre, sondern um Erziehung durch eigenständige Auseinandersetzung mit dem Gegenstand, um Erziehung durch Vernunftgebrauch. In dieser Hinsicht ist Lessing ein Kind seiner Zeit. Denn der Blick auf verschiedene Poetiken des 18. Jahrhunderts hat deutlich gezeigt, dass sich bei Unterschieden im Detail doch eine Konstante feststellen lässt: die Essenz der Fabel, ihr Ziel wird überall in der in ihr enthaltenen Moral erblickt. Und diese Moral wird als für den Leser nutzbringend verstanden. Bei Breitinger, Gellert usw. rückt sie so weit in den Vordergrund, dass sie das horazische Delectare fast vollständig verdrängt. Die genuin literarische Gestaltung hat nur noch unterstützende Funktion. Genauso ist es bei Lessing: Die Fabel soll den Leser wie ein Pfeil treffen, überflüssige Verzierungen machen sie unbrauchbar, ihre Wirkung verpufft.[175] Ihre Güte zeigt sich deshalb daran, ob sie ihre Moral präzise und wirkungsvoll zu transportieren vermag.

Und diese Moral ist bei Lessing von einem spezifischen bürgerlichen Ethos erfüllt. Die Ideen hinter den Fabeln, sind die Ideen der Selbstbeschränkung auf den eigenen, als wertvoll betrachteten Wirkungsbereich. Das Bürgertum begreift sich in ihnen als emanzipiert und versucht darum nicht die Grenzen einzureißen, die es von der adligen Sphäre trennen. Dabei erliegt es der Illusion, das gesellschaftliche System könne in seiner Struktur erhalten bleiben, obwohl man fortwährend an den Standesschranken rüttelt. Darum findet sich in Lessings Fabeln auch immer nur die Idee der Beschränkung auf den bürgerlichen Wirkungsbereich. Die Ständegesellschaft zu verändern, eine Revolution anzustreben, propagieren sie nie, wenngleich sie eng in das Bedingungsgefüge einer sich allmählich ändernden Gesellschaft verwoben sind.

Insofern sind in den Ideen, die hinter Lessings Fabeln stehen, das heißt die Ideen der Aufklärung, immer präsent. Die Fabeln üben Kritik an den gesellschaftlichen Grenzen, wollen sie aber nicht überschreiten.[176] Die Gleichheit, hier vor allem die Gleichwertigkeit der Menschen, egal welcher gesellschaftlichen Schicht sie angehören, wird hervorgehoben. Aber auch diese Kritik zielt in Lessings Fabeln nie auf eine Modifikation des Systems an sich. Schließlich kann die Struktur beziehungsweise der Inhalt von Lessings Texten als ein Appell an die Vernunft des Lesers verstanden werden – und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen wird der Rezipient zur Genügsamkeit aufgefordert, er wird ermutigt, sich vernünftigerweise mit dem zufriedenzugeben, was er bereits besitzt. Zum anderen fordert ihn die Konstruktion der Texte heraus, sich seines eigenen Verstandes zu ihrer Entzifferung zu bedienen. Das Ergebnis ist die Erziehung des Lesers. Hinter diesem Ziel aber liegt ein umfassenderes: die Erziehung des Menschengeschlechts.

All dies machte die Fabel als Gattung im 18. Jahrhundert so populär: die erzieherische Wirkung, die man ihr zugesprochen hat, die Kürze und Eingängigkeit der Texte und der ihnen innewohnende Appell, sich geistig anzustrengen. Kaum ein literarisches Genre wäre besser geeignet, all die Grundüberzeugungen des 18. Jahrhunderts derart knapp und effektiv zu bündeln. Können der Zustand einer Gesellschaft und die philosophischen Überzeugungen eines Autors auch in Dramen, Romanen usw. literarisch gestaltet werden – die strukturellen Vorteile der Knappheit, der Überschaubarkeit und des durch die Verfremdungseffekte provozierten Appells, im Allgemeinen und nicht nur an den Einzelfall zu denken, den Vorteil, dabei nicht epigrammatisch abstrakt, sondern anschaulich zu sein, besitzt nur die Fabel. In einer Gesellschaft, in der noch um 1800 drei Viertel der Menschen Analphabeten waren,[177] in der die Literatur also der Anschaulichkeit sowie des Vorlesens oder der Nacherzählung bedarf, um ihre Wirkungsbasis zu verbreitern, müssen Fabeltexte den wirkungsorientierten Aufklärungsliteraten ganz besonders attraktiv erschienen sein. Die Ideen der Aufklärung suchten nach einem ihnen entsprechenden literarischen Genre und fanden es in der Fabel.

Ferner muss bedacht werden, dass im Gewand der Fabel, weil sie als parabolische Gattung das Moment des uneigentlichen Sprechens per definitionem in sich trägt, über Dinge geredet werden kann, die anders nicht gesagt werden können oder nicht gesagt werden dürfen. Die Aufklärung und ihre Ideen sowie die Emanzipation des Bürgertums entfalteten sich in absolutistischen Staaten, die ein hoch entwickeltes Zensursystem besaßen.[178] Unter einem derartigen Zensurdruck stehend beschritten Literaten zu allen Zeiten den Ausweg, ihre Gedanken zu verkleiden, sich einer Bildsprache, einer Ausdrucksweise zu bemächtigen, die erst entschlüsselt werden muss. Die daraus resultierende im Ungefähren bleibende Meinungsäußerung kann dann nicht mehr gegen sie verwendet werden. So musste Lessing zum Beispiel seine Auseinandersetzung mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze um das bibelkritische Werk Hermann Samuel Reimarus’ zunächst aufgeben, nachdem er 1772 vom braunschweigischen Herzog Publikationsverbot bekommen hatte. Nicht umsonst verwendete Lessing in Eine Parabel, eine seiner theologischen Streitschriften aus dem Jahre 1778, eine Schwestergattung der Fabel, um die Kritik an den Ansichten Goezes indirekt zum Ausdruck zu bringen und seine eigene Position darzustellen, ohne sich dabei selbst zu denunzieren. Schließlich verlagerte er den Streit geschickt auf die Bretter, die – hier wortwörtlich – die Welt bedeuten, und schrieb ein Drama, in dem er seiner Haltung Ausdruck gab: Nathan der Weise (1779). Auch darum kann man sagen, dass Fabeln als Kampfmittel der Aufklärung dienten. Nämlich insofern, als sich in ihnen zum einen eine neue Bewusstheit des Bürgertums manifestierte und zum anderen Aussagen und Appelle möglich wurden, die anders aus Zensurgründen nicht hätten gemacht werden können. Fabula docet, und das im Gewande der Unschuld.

Nico Dorn, 2007

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[175] Vgl. dazu Lessings Metafabel Der Besitzer des Bogens (in Lessing Fabeln: S. 117 u. in Kap. 7.2).

[176] Vgl. dazu Kants Gehorsamspostulat in Kap. 3.

[177] Vgl. Stephan 1994: S. 123.

[178] War die Zensur im deutschen Absolutismus auch mitunter gelockert worden, so griffen die Fürsten in dem Moment, in dem der kritische Druck zu groß wurde, auch auf dieses Instrument der Gedankenkontrolle zurück. Vgl. zur Zensur im Preußen Friedrichs II. Barudio 1981: S. 244–248.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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