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[28. Januar 2007]
Ziel meines Aufsatzes ist es zwar nicht, einer allgemeingültigen Definition des Fabelbegriffs nachzustellen. Ich will mich, wie gesagt, vielmehr um eine Darstellung des Gattungsbegriffs bemühen, wie er im philosophischen und literarischen Kontext des 18. Jahrhunderts, dem Zeitalter der Aufklärung, aufgefasst wurde. Dennoch halte ich es für angebracht, einleitend einige kurze Bemerkungen über die Abgrenzung zu anderen literarischen Gattungen einzuschieben, sodass eine Gattungsdefinition, wie ich sie verstehe, in ihren Grundzügen für den weiteren Fortgang des Aufsatzes herangezogen werden kann.
Lidija Vindt beginnt ihren Aufsatz Die Fabel als literarisches Genre mit der allgemeinen Bemerkung, dass sich die Bestimmung eines literarischen Genres nicht aus seinen Einzelwerken, sondern allein im komplexen Zusammenspiel aller Werke einer Epoche erschließen lasse.[6] Ungleich schwerer dürfte es fallen, eine Literaturgattung, die auf eine mittlerweile über dreitausendjährige Geschichte[7] zurückblicken kann, auch nur grosso modo zu erfassen. Ist doch im Zuge der Zeit noch jede traditionelle Überzeugung, jede kulturelle Eigentümlichkeit modifiziert worden; und somit auch die Auffassung darüber, welche Funktion einer literarischen Gattung zugeschrieben wird und welche formalen Prinzipien sie zu erfüllen habe.
Feststellen lässt sich gleichwohl, dass die Fabel eng mit Parabel und Gleichnis verwandt ist; beides Gattungen, die, wie sie, auf parabolischer Rede fußen, die zwischen Bild- und Sachhälfte unterscheiden und einen Vergleichspunkt, ein tertium comparationis, haben, das als Nexus zwischen den unterschiedlichen Teilen fungiert. Wird literarische Rede verschlüsselt, so legt dies die Vermutung nahe, dass etwas gesagt werden soll, was entweder nicht gesagt werden darf, nicht gesagt werden kann oder indirekt gesagt werden will. Hinter der Kodierung einer Fabel steht folglich der Appell, sie zu dekodieren, und hinter diesem vom Autor initiierten Akt des Dekodierens steht der Wunsch, dass der Leser das Entschlüsselte inniger, intensiver aufnehme. Gleichnishafte Rede will lehren. Der Niederschlag dieser Lehre in einer eigens ausgewiesenen Moral scheint für Fabeln eher sekundär zu sein, wenngleich dieses Phänomen eine lange Tradition hat. Die relative Kürze, welche häufig von einer reduzierten, unprätentiösen Sprache und Aussparungen begleitet wird, scheint dementgegen eher zum Kern der Gattungsdefinition zu zählen. Aussparungen betreffen hier vor allem die zeitliche und örtliche Situierung sowie das Personal der erzählten Welt. Ferner zeigt sich eine Dominanz von Figuren aus der Tier- und Götterwelt, wobei auch in dieser Hinsicht die Gattung relativ offen ist. Gleiches gilt für die Gruppierung um eine Konfliktsituation, die nicht notwendigerweise in hochdramatischer, sondern auch in verspielt-humoristischer Art und Weise aufgelöst werden kann.[8]
Bleibt noch die Frage nach der Abgrenzung zu den Schwestergattungen Parabel und Gleichnis zu stellen. Erwin Wäsche sieht den Unterschied zwischen Fabel und Parabel darin begründet, dass die Parabel total ist und den ganzen Lebenshorizont nach seiner Höhe und Tiefe umgreift
, sich rational und im Klartext nur sehr schwer, manchmal überhaupt nicht formulieren
[9] lasse. Ich halte jedoch Positionen anderer Forscher, die eine solche Unterscheidung als künstlich
[10] bezeichnen, für eher zutreffend. Die Übergangszonen zwischen den Gattungen sind zu breit, als dass sie sich definitorisch derart eingrenzen ließen, wie Wäsche es versucht.
[6] Vgl. Vindt 1977: S. 98.
[7] Lecke 1999: S. 313 und Dithmar 1997: S. 235 erwähnen, dass die erste uns bekannte Fabel sich auf einer ägyptischen Schülertafel findet, die um 1100 v. Chr. beschrieben wurde.
[8] Vgl. Coenen 2000: S. 10–31, Dithmar 1997: S. 163–205, Vindt 1977: S. 99, Ziesenis 2001a: S. 34–37.
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