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[28. Januar 2007]
Aufklären, das ist zunächst ein Bild. Es beschwört die Vertreibung der Dunkelheit und das Eintreten in eine helle, in jeder Hinsicht klare Welt. Dieser Akt ist aufs Engste mit dem Gebrauch des Verstandes verknüpft. So kann ein unbekannter Autor, der über die Dunckelheit derer Gedancken
[11] schreibt, schon 1734 fordern: So weit demnach die Kräfte unsers Verstandes reichen, müssen [d. h. dürfen] wir bei dunckeln Begriffen nicht stehen bleiben
[12]. Diese Grundhaltung, die Reichweite des Verstandes voll auszumessen, war das verbindende Merkmal der Aufklärung über alle europäischen Länder hinweg.[13] Die große Ausdehnung der Bewegung, die nationale und religiöse Grenzen einerseits überschritt, von ihnen andererseits aber auch geprägt wurde, macht es schwer von der Aufklärung par excellence zu sprechen.[14] Es bestünde zwar durchaus die Möglichkeit zum Beispiel das Denken Kants und das Voltaires einander gegenüber- und ihre Gemeinsamkeiten herauszustellen. Doch benötigte ich für dieses Vorhaben solch äußerlich zunächst sehr verschieden anmutender Personen wie Voltaire, der sich als junger Mann, in der Pariser Gesellschaft bald den Ruf eines ebenso geistreichen wie leichtsinnigen Spötters zuzog
[15], also Mann von Welt war, und den Königsberger Professor, der das nähere Umfeld seiner Stadt nie verlassen hat, Raum, den ich hier nicht habe. Dass das Denken der Aufklärungsphilosophen selbst in den einzelnen Nation nur schwerlich auf einen Nenner zu bringen ist (vgl. z. B. die Beziehung zwischen Voltaire und Rousseau), wäre dabei noch gar nicht berücksichtigt. Ferner soll dieses Kapitel nicht für sich stehen, sondern im Folgenden verdeutlichen helfen, welche Diskurse der Fabeldichtung Lessings zugrunde lagen. Darum werde ich mich erstens weitgehend auf die deutsche Aufklärung beschränken und zweitens vor allem auf die philosophischen Überzeugungen der Bewegung konzentrieren. Diese Entscheidungen bringen es mit sich, dass zahlreiche Bereiche wie zum Beispiel die Volksaufklärung, die konfessionell gebundenen Aufklärungen oder die Haskala[16], die jüdische Aufklärung, nicht differenziert betrachtet werden. Der hier verwendete Aufklärungsbegriff ist folglich ein geglätteter, der die Disparität der einzelnen Strömungen und Länder nicht berücksichtigt. Dies halte ich für gerechtfertigt. Denn es geht mir mehr um Grundüberzeugungen, die sich mal stärker, mal schwächer in allen Aufklärungen
niederschlugen, und weniger um das Erfassen aller ihrer Spielarten. Inge Stephan machte den Versuch, die intellektuellen Maßstäbe aufgeklärten Denkens mithilfe weniger Schlagwörter zu umreißen. Von diesen werde ich im Folgenden ausgehen.[17]
Vernunft als Maßstab des persönlichen und gesellschaftlichen Handelns. Der an jeden Menschen gerichtete Appell, sich seiner Vernunft zu bedienen, kann als das Kennzeichen der Aufklärung schlechthin gelten. Kant hat dieser Überzeugung in vielen seiner Aufsätze Ausdruck verliehen. In seinem 1786 erschienen Essay Was heißt: sich im Denken orientieren? schreibt er:
“Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. i. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.[18]
Der Vernunftgebrauch ist mithin eine Abkehr von tradierten Autoritäten; an deren Stelle rückt das Individuum als Initiator der Entscheidungsfindung und Träger der daraus folgenden Handlungen. Dabei, so Kant weiter, sei Aufklärung nicht Anhäufung von Wissen (Kenntnisse
); denn derjenige, welcher über ein umfangreiches Wissen verfüge, müsse nicht zwangsläufig aufgeklärt sein. Das Selbstdenken
, eigenverantwortliche Überwinden der selbstverschuldeten Unmündigkeit
[19] steht im Zentrum des kantischen Denkens.
Diese Überlegungen Kants muten wie eine Reminiszenz der viel zitierten Äußerung Lessings aus Eine Duplik (1778) an. Lessing stellt dort nämlich fest:
“Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen.[20]
Denn durch die Anstrengung, die Wahrheit zu finden, erweiterten sich die Kräfte des Menschen, wohingegen die Überzeugung, sie bereits zu besitzen, träge mache. Der Vernunftgebrauch wird somit nicht als Mittel zum systematischen Erfassen der Welt, sondern als Form der Ausbildung der Fähig- und Fertigkeiten des Individuums betrachtet. Die Möglichkeit, einen Zugang zu dem zu eröffnen, was man als Wahrheit bezeichnet, spricht Lessing ihm nicht zu. Der Vernunftgebrauch sollte folglich nicht zu einer empirisch fundierten Aufstellung von Wahrheiten oder Glaubenssätzen führen. Er ist – und das haben Lessing und Kant gemeinsam – eine Bewegung die in jedem einzelnen Individuum beheimatet ist, das, wie Kant sagt, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst
suchen sollte, wenn es aufgeklärt denkt, wenn es selbständig denkt. Darum kann Lessing das Ziel der Aufklärung auch nicht lokalisieren. Dergleichen wäre schlicht unmöglich. Denn hinter seiner Denkbewegung steht die grundlegende Überzeugung, dass der Akt des Denkens Räume eröffne, die immer wieder neue Türen haben, durch die man sich in die dahinterliegenden Räume weiterdenken kann und wird. Darum schreibt Lessing auch:
“[…] nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine [des Menschen] Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht.[21]
Die aufgeklärte Vernunft zeichnet sich somit nicht durch einen fest umrissenen geistigen Inhalt, sondern durch den Geistesgebrauch an sich aus.[22] Dieses Moment konstituiert ebenso wie die Fokussierung auf das denkende Individuum als letzte Entscheidungsinstanz einen Bruch mit althergebrachten Überzeugungen. Die Konsequenz dieser Denkbewegung ist nämlich, dass tradierte Dogmen nicht notwendigerweise Bestand haben müssen. Denn sie erlangen erst dann Gültigkeit, wenn sie durch Selbstdenken
, was ja laut Kant das Wesen der Aufklärung ist, bestätigt wurden. Der Denkstil der Aufklärung selbst erzeugt mithin die für diese Zeit typische Kritik an der feudalen Standesgesellschaft und den christlichen Lehrsätzen, deren öffentliche Diskussion bisher nicht zugelassen wurde, aber nun eingefordert wird. Der Denkstil der Aufklärung ist somit, wenn er denn konsequent in die Sphäre des Handelns übertragen wird, eine Herausforderung der Obrigkeit.
Dass diese Form der Herausforderung angemessen ist, begründet Lessing indirekt mit einem literarischen Bild, das er seinen oben zitierten Überlegungen folgen lässt. Das immerwährende Streben, die Perfektibilität wird in diesem Bild nämlich zu einer typisch menschlichen Eigenschaften stilisiert.[23] Vielleicht kann man, vielleicht muss man sogar sagen, dass sie die Substanz des Gattungsbegriffs Mensch bildet, wird der Besitz von Wahrheit hier doch als etwas apostrophiert, das ihm eigentlich fremd ist.
“Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte; Vater gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein![24]
Das Rechte gibt die Rechte. Das ruhelose, von Fehlschlüssen begleitete Suchen wird hier zu einer fast schon hingebungsvoll angenommenen Lebensform.[25]
[11] Zedler Dunckelheit: Sp. 1596.
[12] Ebd.: Sp. 1597–1598. Gleichzeitig zieht er eine scharfe Grenze zu den Bereichen, zu denen die Erkenntnisfähigkeit des Menschen keinen Zutritt habe: in so fern uns hingegen GOtt die Dinge verbergen wollen, muß unser Hochmuth nicht verleiten eine thörichte und unmögliche Untersuchung anzustellen
(Sp. 1598). Die Forderung an sich eröffnet gleichfalls einen kritischen Zugriff auch auf den Raum der Metaphysik. Vgl. zu dieser Grenze außerdem Cassirer 1998: S. 15 u. unten im Kap. die Interpretation der Passage aus Lessings Eine Duplik.
[13] Genauso Cassirer 1998: S. 5: Wenn das achtzehnte Jahrhundert diese Kraft bezeichnen, wenn es ihr Wesen in einem Wort einfangen will: so greift es hierfür nach dem Namen der
.
Vernunft
. Die Vernunft
wird ihm zum Einheitspunkt und Mittelpunkt
[14] Vgl. Borgstedt 2004: S. 1: Die
Aufklärung […] ist eine vereinheitlichende, Widersprüche bereinigende und glättende Etikettierung.
[16] Vgl. zur Haskala Borgstedt 2004: S. 48–53.
[17] Vgl. Stephan 1994: S. 122. Bei den folgenden, kursiv gesetzten Absatzüberschriften handelt es sich um wörtliche Zitate aus dem Aufsatz Stephans, die ich nicht mehr gesondert ausweisen werde.
[18] Kant Aufklärung: S. 60–61, Anm. 1.
[22] Vgl. Cassirer 1998: S. XI, S. 7–9 u. Störig 1993: S. 385. Parallel dazu die Vernunft, die nach Thomas Hobbes den absoluten Staat konstituiert (vgl. Kap. 5). Nicht im Inhalt, sondern im Prinzip äußert sie sich. Oder mit Kosellecks Worten: Vernünftig ist in solchem Staat [wie ihn Hobbes beschreibt] nur die formale Gesetzmäßigkeit der Gesetze, nicht ihr Inhalt, vernünftig ist das formale Gebot der politischen Moral, den Gesetzen unabhängig von ihrem Inhalt zu gehorchen.
(Koselleck 1973: S. 25)
[23] Dasselbe findet sich z. B. auch bei Rousseau Abhandlung 2: S. 45, wenn er als den fundamentalen Unterschied zwischen Mensch und Tier die Fähigkeit, sich zu vervollkommnen, eine Fähigkeit, die mit Hilfe der Umstände nacheinander alle anderen Fähigkeiten entwickelt und die uns ebenso als Gattung wie als Individuen innewohnt
findet.
[25] Cassirer 1998: S. 15–16 fasst diese Haltung als einen typischen Wesenszug des 18. Jahrhunderts auf, auch indem er auf Lessing (S. 17) rekurriert.
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