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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

Gottsched und Breitinger halten es hingegen eher mit Aristoteles, der die Fabel unter die Überzeugungsmittel, die allen Redegattungen gemeinsam sind[84], subsumiert. Dabei entwirft der antike Philosoph folgende Taxonomie:

[Taxonomie der «Überzeugungsmittel, die allen Redegattungen gemeinsam sind»]

Bei Aristoteles war die Fabel mithin Zweckgattung, der die Aufgabe der Überzeugung im Zuge einer Rede zukam, weswegen er sie auch in seiner Rhetorik und nicht in der Poetik behandelt hat. Dadurch erhält sie eher den Charakter eines rhetorischen Kniffes als einer selbständigen Dichtungsgattung.

Christian Fürchtegott Gellert[85], der wohl meistgelesene Dichter des 18. Jahrhunderts, beruft sich in seiner Dissertation über Theorie und Geschichte der Fabel von 1744 allerdings auf einen antiken Philosophen, den man an dieser Stelle nicht so ohne weiteres vermutet hätte. Gellert betont, in gleicher Weise wie Gottsched und Breitinger, dass eine gute Fabel nutzt indem sie vergnügt[86], und zitiert Platon herbei, der zwar alle Dichter aus seinem idealen Staat ausgeschlossen habe, denen Fabeldichtern [aber] in demselben einen sehr angesehenen Platz eingeräumet [hat].[87] Lessing, dessen Fabeltheorie ich unten en bloc behandeln werde, erwähnt diese angebliche Äußerung Platons ebenfalls.[88] Dabei geben weder Gellert noch Lessing noch irgendeiner der Kommentatoren der von mir herangezogenen Textausgaben die Schrift an, in der Platon sich zu dieser Ausnahme habe hinreißen lassen.[89] Nun kann ich mich zwar nicht rühmen, das Gesamtwerk Platons vollkommen zu überschauen, doch lässt sich im 10. Buch der Politeia, in welchem Platon Sokrates die Stellung der Dichter im idealen Staat erörtern lässt, eine Äußerung, die direkt in die beschriebene Richtung weist, nicht ausmachen. Vielmehr steht am Ende der Überlegungen von Sokrates der Beschluss:

Wir verzichten also auf sie [die Dichter, wie man sie kennt], da man sich nicht ernstlich mit einer solchen Art von Poesie befassen soll, als hätte sie mit der Wahrheit etwas zu tun und als wäre sie eine ernstliche Sache[90].

In seinem Dialog Phaidon, den Platon an dem Tag spielen lässt, an dem Sokrates den Schierlingsbecher trinken muss, lässt er diesen allerdings Fabeln von Äsop in Verse fassen.[91] Das merkwürdige Verhalten Sokrates’ (auch seine Schüler wundern sich) kann aber meines Erachtens keinesfalls als ein teilweiser Widerruf der scharfen Ablehnung der Dichtung aufgefasst werden, wie sie in der Politeia postuliert wurde. Denn die beiden Gründe (siehe unten), aus denen die Dichtung im idealen Staat nicht erwünscht sind, werden hier von Platon nicht wieder aufgegriffen, geschweige denn relativiert. Sokrates gibt als Grund für die Umdichtung der äsopischen Fabeln vielmehr einen Traum an, der ihn dazu gedrängt habe. Denn, so Sokrates, es sei doch sicherer, nicht zu gehen [d. h. nicht eher zu sterben], bis ich mich auch so vorgesehen und Gedichte gemacht, um dem Traum zu gehorchen.[92] Gleichsam wie eine Bestätigung der oben von mir zitierten rigorosen Ablehnung der Dichtung klingt denn auch die Bemerkung Sokrates’, dass ein Dichter nicht vernünftige Reden, sondern Fabeln dichten müsse.[93] Wird Dichtung hier als Negation zu den vernünftigen Reden (man darf wohl ergänzen: der Philosophen) aufgefasst, so wird damit impliziert, dass sie an dieser Vernunft keinen Anteil habe, dass sie mit der Wahrheit nichts zu tun habe und keine ernstliche Sache sei.[94]

Ich möchte nicht weiter darüber rechten, ob in den oben erwähnten Aufsätzen Lecke von Lessing und Lessing von Gellert unkritisch abgeschrieben haben; vielmehr verdient dieser Umstand eines genaueren Hinsehens, weil sich hinter den Äußerungen Gellerts und Lessings eine poetologische Aussage versteckt. Um diese aufzudecken, muss ich ein wenig detaillierter auf die Gründe eingehen, die Platon dazu veranlassten, dem Dichter das Existenzrecht in seinem idealen Gemeinwesen zu verweigern.

Zwei Gründe führt Platon an. Der erste lässt sich als ontologischer oder epistemologischer Grund bezeichnen, denn er verweist auf die platonische Ideenlehre.[95] Dieser zufolge handle es sich bei der Welt, wie wir sie wahrnehmen, nur um ein Abbild der hinter ihr stehenden Ideen. Ein Tischler verfertige beispielsweise ein Bett nach der Idee des idealen Bettes, sodass dieses von ihm geschaffene Bett nur als Nachahmung bezeichnet werden dürfe. Kommt jetzt aber ein Künstler daher, zum Beispiel ein Maler, der das vom Handwerker gebaute Bett zeichne, so habe er sich noch um einen Grad weiter von der ursprünglichen Wahrheit des Gegenstands und somit von der Wahrheit der hinter der sichtbaren Welt ruhenden Ideen entfernt.[96] Wurde die Idee durch die Kopierarbeit des Handwerkers zur Nachahmung, so durch die (sekundäre) Kopierarbeit des Künstlers zum Schattenbild. Diese Überlegungen konsequent weitergedacht, kann Platon den Dichtern vorwerfen, ihre Werke hätten nichts mit der Wahrheit zu tun und müssten folgerichtig vor den Toren eines idealen Staates bleiben. Tatsächlich trägt auch die Sprachtheorie Platons zu dieser Überzeugung einiges bei. Im Kratylos wird ein deutlicher Unterschied zwischen der Nachahmung von Bildern und der von Wörtern gemacht:

Nämlich eine solche Verteilung beider Nachahmungen, der Bilder sowohl als der Wörter, nenne ich richtig, die der Wörter aber zugleich auch wahr; die andere aber, welche Unähnliches einander gibt und beilegt, nenne ich unrichtig, und wenn sie mit den Wörtern vorgeht, zugleich falsch.[97]

Das Wort kann somit nicht nur unrichtig sein, sondern vollkommen fehlen. Und dieses grundsätzliche Falschsein, das heißt, zu weit von dem Idealbild entfernt sein, ist es, was Platon die Dichtung ganz im Allgemeinen suspekt werden lässt. Sie, die Dichtung, fehlt in ontologischer Hinsicht.

Der zweite, nicht so bekannte Grund, der gleichwohl für diese Arbeit von höchster Bedeutung ist, lässt sich mit dem Wort sittlich apostrophieren. So wirft Platon den Dichtern vor, sie sprächen vornehmlich einen Teil im Innern des Menschen an, der der Vernunft fern stehe. Überhaupt lasse sich die vernunftgemäße und ruhige Gemütsart […] weder leicht nachahmen, noch ist die Nachahmung [von ihr] so ohne weiteres verständlich[98]. Der zweite Vorwurf lautet demnach, dass die Dichtkunst nur eine Unterhaltungsfunktion erfülle und nicht zur (sittlichen) Erziehung des Menschen beitrage. Sie sei keineswegs als ernstliche Sache zu bezeichnen.

Platon schränkt, soviel ist wahr, diese vehemente Ablehnung der Dichtkunst insofern ein, als er den Dichtern den Zugang zu seinem Staat gewährt, sobald der Dichtkunst der Nachweis gelänge, daß sie in einem gutverwalteten Gemeinwesen unentbehrlich ist[99]. Unentbehrlich macht sie sich aber erst, wenn sie sich nicht nur als ergötzlich erwiese, sondern auch als nützlich.[100] Diese letzte Relativierung seiner Ablehnung in Verbindung mit der Beobachtung, dass selbst Sokrates vor seinem Tod Fabeln geschrieben haben soll, dürfte Gellert und Lessing dazu bewogen haben, zu meinen, Äsop sei im platonischen Gemeinwesen willkommen, da die Nützlichkeit von Fabeln aus ihrer Sicht, so darf man wohl schließen, doch unwiderleglich bestehe.[101] Ferner fällt auf, dass die Ansicht Platons in den Dichtungstheorien von Breitinger und Gottsched eine weitere Entsprechung hat: Die Dichter können zwar auch Platons Meinung nach entweder nützen oder gefallen; dem Nutzwert von Dichtung jedoch wird der Vorrang gegenüber ihrem Unterhaltungswert eingeräumt, genauso wie bei Breitinger und Gottsched.

Zurück zu Gellert und Lessing, die im Rahmen ihrer Fabeltheorie Platon aufgegriffen haben. Die poetologische Aussage, die sich hinter den Dikta Gellerts und Lessings versteckt, ist die unwiderlegliche Nützlichkeit der Fabeldichtung für ein Gemeinwesen, das auf Vernunft und nicht auf triebhaften Regungen basiert. Mit diesem Heraufbeschwören der Vernunfts- und Erziehungskomponente der Fabeldichtung bekennen sich Gellert und Lessing implizit zu Fundamentalideen der Aufklärung: nämlich dem Primat des Vernunftgebrauchs und der Erziehung des Menschengeschlechts.[102] Bei Gottsched findet sich der Hinweis auf die vernünftigen Ziele von Dichtung ebenfalls. Wie bereits oben erwähnt, hält er die in eine Dichtung integrierte Moral für sich genommen für zu mager und trocken, um von der großen Masse aufgenommen zu werden. Denn, so Gottsched weiter, die Schärfe von Vernunftschlüssen ist nicht vor den gemeinen Verstand unstudierter Leute.[103] Dass er sogleich im Anschluss die Vernunft ins Spiel bringt, zeigt, dass die von ihm in Dichtungen geforderten Sittenlehre[n] Vernunftlehren sind. Im Kapitel Von dem Wunderbaren und dem Wahrscheinlichen seiner Critischen Dichtkunst kommt Breitinger zu dem Schluss, dass das Wunderbare, also das, was mit unsren gewöhnlichen Begriffen zu streiten scheinet, uns gerade deswegen unterhalte, weil wir mit unserm Verstand durch den reizenden Schein der Falschheit durchgedrungen, und in dem vermeinten Widerspruch ein geschicktes Bild der Wahrheit und eine ergezende Uebereinstimmung gefunden haben.[104] Das Phantastische berausche die Sinne also nicht ob seiner Deviation, sondern ob der Provokation des Lesers, sich seines Verstandes bedienen zu müssen. In gleicher Weise bezieht Breitinger sich auf die äsopische Fabel: Die Allegorie der Fabel beschäftige den Geist des Menschen auf angenehme Weise, und indem er [der Mensch] entdecket, was einigermaassen verhüllet war, hält er sich selbst auf gewisse Weise vor den Erfinder dessen, was man ihm verborgen hatte.[105]

Bevor ich mich nun Lessing und seinen theoretischen Schriften zur Fabel zuwende, möchte ich noch einmal kurz zusammenfassen, wohin dieser alles andere als umfassende Überblick über die poetologischen Schriften zur Fabel im 18. Jahrhundert geführt hat. Der Begriff der Fabel schwankte (1.) zunächst noch unbestimmt zwischen der allgemeinen Bezeichnung für den Handlungsstrang eines dichterischen Werkes und der in dieser Arbeit behandelten literarischen Gattung. Im 1811 von Johann Christoph Adelung veröffentlichten Wörterbuch hatte sich das Bild schon gewandelt: Die einzelnen Bedeutungsschichten, werden von Adelung exakt gesondert: 2) In engerer Bedeutung, eine jede erdichtete Erzählung, ein Mährchen. […] 4) In der engsten Bedeutung, begreift man unter diesem Nahmen die Erzählung einer allegorischen Handlung, welche Thieren und geringern Dingen beygeleget wird[106]. Fabel als literarischer Gattungsbegriff war etabliert. Ferner sticht (2.) die hervorgehobene Bedeutung der Lehrhaftigkeit von Fabeln ins Auge. Das Ergötzen an literarischer Schönheit erscheint in dieser Hinsicht nur noch als sekundär. Die Vermittlung der inhärenten Moral avanciert zur eigentlichen Absicht der Dichtung. Schließlich bekommen die Fabeln (3.) einen besonderen Wert deswegen zugesprochen, weil sie den Vernunftgebrauch des Lesers herausfordern oder, weniger kämpferisch ausgedrückt, den Leser anregen, sich seines Verstandes zu bedienen – womit ein wesentlicher Aspekt aufklärerischen Gedankenguts beschworen wird.

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[84] Aristoteles Rhetorik: II, 20 (S. 121).

[85] Vgl. zur Person Jung 1993: S. 104–106.

[86] Gellert Fabel: S. 50.

[87] Ebd.: S. 50–51.

[88] Vgl. Lessing Fabeln: S. 213.

[89] So auch Lecke 1999: S. 301.

[90] Platon Staat: X, 8 (607b–608b).

[91] Platon Phaidon: 60c–61b; es ist in der Forschung nicht ganz klar, was zuerst entstand, die Politeia oder der Phaidon; zumindest gehören beide derselben Epoche an.

[92] Ebd.: 61a–b. Hinter dieser Äußerung steht die antike Vorstellung, dass sich die Götter den Menschen im Traum offenbaren. Mithin gehorcht Sokrates so den Göttern.

[93] Ebd.: 61b.

[94] Vgl. Platon Staat: X, 8 (607b–608b).

[95] Vgl. hierzu das Höhlengleichnis am Anfang des 7. Buchs von Der Staat.

[96] Hier hinkt Platons Überlegung übrigens, denn er gibt keinen Grund an, warum ein Maler das Bild eines Bettes nicht auch nach der ursprünglichen Idee desselben anfertigen könnte, wodurch er sich auf derselben Wirklichkeitsstufe wie ein Handwerker befände.

[97] Platon Kratylos: 430d.

[98] Platon Staat: X, 6 (604b–605c).

[99] Ebd.: X, 8 (607b–608b).

[100] Ebd.

[101] Es bleibt im Übrigen noch die Frage zu klären, ob Äsop aus Sicht Platons überhaupt zu den Dichtern zu rechnen war. Platons Schüler, Aristoteles, hat ihn ja offenbar eher als Rhetor denn als Poet betrachtet.

[102] Siehe Kap. 3; Lessing schrieb einen Text, sein philosophisches Hauptwerk, mit diesem Titel.

[103] Gottsched Dichtkunst: S. 102.

[104] Breitinger Dichtkunst: S. 129–130.

[105] Ebd.: S. 178–179.

[106] Adelung Fabel: Sp. 3. Die erste von Adelung identifizierte Bedeutungsschicht (1) Ein jedes allgemeines Gespräch und der Gegenstand desselben; Sp. 2) ist heute verloren gegangen.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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