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[28. Januar 2007]
Lessing publizierte seine 1759 erschienene, aus drei Büchern bestehende und 80 Texte umfassende Fabelsammlung zusammen mit seinen Abhandlungen über die Fabel. Er betrachtete seine theoretischen Überlegungen und Dichtungen folglich als aufs Engste miteinander verwoben. Zwar hatte er auch schon in den Jahren zuvor Fabeln veröffentlicht, doch folgten diese noch anderen Vorbildern (wie dem französischen Fabeldichter Jean de La Fontaine); Vorbildern, die er später ablehnen sollte. Ein deutliches Zeichen hierfür ist, dass die älteren Fabeln durchweg in Versen verfasst wurden, wohingegen es sich bei den neueren um Prosafabeln handelt.
In der ersten seiner fünf Abhandlungen (Von dem Wesen der Fabel[107]) scheidet er bereits in den beiden einleitenden Absätzen die Gattung eindeutig von der allgemeineren Bedeutung des Fabelbegriffs und verweist darauf, dass sein Gegenstand die Äsopische Fabel
[108] sei. Als Lessing seine Überlegungen anstellte, musste er also nicht mehr mit den oben beschriebenen Abgrenzungsproblemen kämpfen, die noch dreißig Jahre zuvor das Bild der intellektuellen Auseinandersetzung um die Gattung Fabel bestimmten. Den Ertrag dieser ersten und bedeutendsten Abhandlung fasst Lessing wie folgt zusammen:
“Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt, so heißt diese Erdichtung eine Fabel.[109]
Der moralische Satz
, auf den Lessing hier verweist, ist der Kern einer jeden Fabel, nicht nur weil sie sich um ihn herum konstituiert. Er sei auch ihr Endzweck
[110]. Um diesen Endzweck
zu erreichen, müsse eine Fabel aus einer Handlung
bestehen, die wiederum als Folge von Veränderungen
beschrieben werden könne. Wichtig ist Lessing, dass in die Fabelhandlung nur Elemente einfließen, die dazu dienlich erscheinen, den moralischen Lehrsatz
zu verdeutlichen.[111] Die Selbstbeschränkung des Dichters auf das allein Nötige für den Transport einer Moral lässt sich als wesentliches Prinzip der lessingschen Theorie ausmachen, zumal er des Öfteren die schnörkel- und umweglose Struktur von Fabeln fordert. In der vierten Abhandlung, Von dem Vortrage der Fabeln, klingt das dann so:
“Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen, denn ohne sie würde sie noch kürzer sein können[112].
Lessing verweist in seiner Schrift selbst darauf, dass seine Fabel Der Besitzer des Bogens[113] als Metafabel gelesen werden sollte.[114] Gerichtet ist sie gegen Ausschmückungen von Fabelerzählungen mit nicht sachdienlichen Inhalten, also nicht für den Transport der Moral, um die herum eine Fabel komponiert sein sollte, unbedingt nötigen Ausführungen. Hatte in der erwähnten Fabel zunächst der Besitzer des Bogens eine Waffe, mit der er sein Ziel, erfolgreich auf die Jagd zu gehen, hervorragend erreichte, wurde er, der Bogen, durch die auf ihm eingeschnitzten Ornamente, die allein der Ergötzung des Betrachters dienen sollten, unbrauchbar. Beim ersten Versuch, ihn seiner Bestimmung gemäß zu verwenden, brach er entzwei. Der eigentliche Zweck der Fabel aber ist es, Lessings Überlegungen folgend, Menschen zu treffen und mit einer Sittenlehre zu impfen. Diesen Zweck kann sie nicht erfüllen, wenn sie nicht direkt auf ihn zugeht, sondern den Leser durch Schönheiten am Wegesrand ablenkt, wie es manche Fabeldichter und besonders La Fontaine gemacht haben, die allzu sehr an eine künstlerische Gestaltung und allzu wenig an die Zweckbestimmung ihres Geschriebenen gedacht hätten.[115] Sie würde ebensowenig ihre Bestimmung erfüllen können wie der mit Zierraten überhäufte Bogen und an ihren Verzierungen zerbrechen.
Ist der zentrale moralische Satz für die Fabel gefunden, so muss der Dichter diesen auf einen besondern Fall zurückführen
. Im Zuge dieser Forderung verweist Lessing wieder auf seine zuvor umrissene Bestimmung des Handlungsbegriffs.[116] Lessing hatte nämlich über die bereits erwähnte Definition hinaus bestimmt, dass von einer Handlung nur dann zu sprechen sei, wenn eine Fabel nur einen einzigen anschauenden Begriff
erwecke. Bekäme der Leser mehrere Begriffe vermittelt, so liege mehr als ein moralischer Lehrsatz
[117] vor. Solch eine Überfrachtung einer Fabel dürfte Lessing besonders aus dem Grund abgelehnt haben, weil die Fabel hierdurch wieder an Kürze eingebüßt und an konstruktiver Komplexität gewonnen hätte.
Wurde der allgemeine Lehrsatz nun auf einen besonderen Fall zurückgeführt, so müsse ferner beachtet werden, dass dieser als wirklich vorgestellt
[118] werde. Die Wirklichkeit erteilt wird dem Einzelfall aber dadurch, dass eine individuell handelnde Figur eingeführt wird. Eine Gemeinschaft, eine Allgemeinheit handeln zu lassen, würde bedeuten, dass keine Fabel, sondern ein Beispiel oder eine Parabel vorliege.[119] Wirklichkeit soll hier mithin nicht ein allgemeines Realitätsverständnis bezeichnen. Was stattdessen gemeint ist, lässt sich am besten an einer kurzen Fabel Lessings, Das Ross und der Stier, zeigen.[120] Dort heißt es:
“Auf einem feurigen Rosse floh stolz ein dreuster Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu: Schande! von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!
Unsere Erfahrung von Wirklichkeit zeigt, dass Pferde und Rinder nicht miteinander reden können. Wir würden gar bezweifeln, ob sie zu Überlegungen, wie sie in dieser Fabel angestellt werden, überhaupt fähig wären. Gleichwohl sieht Lessing der Fabel die Wirklichkeit erteilt, da nicht abstrakte Gesellschaften, sondern konkrete Individuen in ihr agieren. Er schreibt nämlich nicht, dass Pferde für gewöhnlich Menschen auf ihren Rücken trügen, was die Stiere doch als allzu lächerlich betrachteten, worauf die Pferde usw. Vielmehr skizziert er ein Handlungsbild, das konkret und fasslich vor die Augen des Lesers tritt: Da sprengt nämlich ein bestimmtes, wenngleich namenloses, Pferd mit einem bestimmten, wenngleich namenlosen, Jungen durch eine nicht genauer spezifizierte Gegend und trifft einen bestimmten, wenngleich namenlosen, Stier. Lessing entwirft also, um die Fabelhandlung als wirklich erscheinen zu lassen, eine Geschichte, die allerdings nicht ausufert, sondern durch ihre zahlreichen Aussparungen – wir erfahren beispielsweise nichts über Ort oder Zeit, an dem respektive zu der sich das Geschehen ereignete – immer noch dem Gebot der Kürze gerecht wird. So ist die Fabelhandlung zugleich allgemein, wie es ihr inhärenter Lehrsatz sein soll, und besonders, da einzelne Wesen in ihr handeln. Als Grund für die Forderung, nicht in allgemeinen, sondern besonderen Begriffen zu reden, denen die Wirklichkeit erteilt wurde, gibt Lessing seiner Ansicht Ausdruck, dass das Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloße Mögliche.
[121] So zielt denn dieses Postulat ebenso wie die Forderung nach Kürze auf die Wirkung der Fabel.
Auch die Bestimmung, man möge den allgemeinen Satz der Moral anschauend
erkennen, verweist auf die gewollte Wirkung der Fabeln. Lessing greift mit dem Begriff der anschauenden Erkenntnis auf die Philosophie Christian Wolffs zurück. Für diesen war die anschauende Erkenntnis das Zurückführen, die Reduktion eines deduktiven, also allgemeinen Lehrsatzes auf ein konkretes Beispiel. Dabei darf der Begriff der anschauenden Erkenntnis nicht allein als reduzierte und erst dadurch allgemein fassbare Form des Weltseins begriffen werden. Wolff betont vielmehr, dass jegliches Denken, von ihr seinen Ausgang nehme.[122] In seiner Philosophia practica universalis von 1738 schreibt Wolff ferner, dass der in einer Fabeldichtung enthaltene Lehrsatz intuitiv verstanden werde und gerade deswegen für jedermann zugänglich sei.[123] Wolff sieht Fabeln also ebenso wie Lessing als eine Erzählgattung an, mit deren Hilfe eine moralische Lehre effektiv, weil jedermann verständlich, verbreitet werden kann. Aus Lessings Sicht eröffnet die anschauende Erkenntnis im Sinne einer Zurückführung des allgemeinen, komplexen Lehrsatzes auf ein konkretes Beispiel dem Leser die Möglichkeit, ihn, den Lehrsatz, sofort in toto erkennen zu können. Denn: Die anschauende Erkenntnis ist vor sich selbst klar.
[124] Darüber hinaus habe die anschauende Erkenntnis auch einen weit größern Einfluß in den Willen
[125], als wenn der Dichter allein mit Symbolen arbeitete.
Knapp zusammengefasst und auch ein wenig reduziert lässt sich Lessings Fabeltheorie folglich als radikal wirkungsorientiert beschreiben. Die Fabel soll dem Leser eine Lehre mit auf den Weg geben. Darum wird alles abgelehnt, was dem Erfassen der fabelinhärenten Lehre entgegenstehen könnte. Um die Lehrwirkung zu unterstützen, benutzt Lessing in seinen Fabeln Tierfiguren. Denn er sieht im Gegensatz zu Breitinger den Grund für die Verwendung von Tiercharakteren in Fabeln nicht in der dadurch hervorgerufenen wunderbaren Stimmung der Erzählung. Vielmehr bedient er sich ihrer, um so kurz als möglich Charaktereigenschaften zu umreißen, was deswegen funktioniert, weil die Nennung von Tiernamen die allgemein bekannte Bestandheit der Charaktere
[126] von ihnen beim Leser aktiviere. Eine langatmige Charakterisierung der Fabelfiguren entfällt, die Fabel selbst wird kürzer, sie kann leichter vom Leser überschaut und aufgenommen werden. So dienen auch die Tiere der zu vermittelnden Lehre.
[107] In Lessing Fabeln: S. 154–185.
[111] Vgl. ebd.: S. 166–167.
[113] In ebd.: S. 138 sowie in Kap. 7.2.
[114] Vgl. ebd.: S. 212–213.
[115] Vgl. auch ebd.: S. 173: Zu einer vollkommenen Fabel
könne eine Erzählung nicht werden, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte, als den Lehrsatz anschauend zu machen nötig ist.
[116] Vgl. auch ebd.: S. 177.
[119] Vgl. ebd.: S. 180.
[120] In ebd.: S. 117 u. Kap. 7.2.
[122] Vgl. Harth 1978: S. 48.
[123] Vgl. Wolff Philosophia: S. 40.
[126] Ebd.: S. 189 (in der zweiten Abhandlung Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel).
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