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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Was ist eine Fabel?
  3. 3 Die Ideen der deutschen Aufklärung
  4. 4 Die Gattung Fabel in Poetiken des 18. Jahrhunderts
    1. 4.1 Entstehung und Ausfüllung eines Gattungsbegriffs
    2. 4.2 Lessings Fabeltheorie
  5. 5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum
  6. 6 Fazit
  7. 7 Anhang
    1. 7.1 Zur Geschichte der Fabel im Schulunterricht
    2. 7.2 Zitierte Fabeln
  8. 8 Literatur
    1. 8.1 Primärtexte
    2. 8.2 Sekundärtexte

[28. Januar 2007]

5 Lessings Fabeln und das aufgeklärte Bürgertum

Ein in Lessings Fabeln häufig auftretendes Motiv ist das der Selbstbescheidung. In Zeus und das Pferd[127] wird erzählt, wie unzufrieden das Pferd mit seiner natürlichen Konstitution sei. Es habe zu kurze Beine, einen zu kurzen Hals, einen zu schmalen Brustkorb. Ferner könne es einen fest angewachsenen Sattel gut gebrauchen. Als Zeus ihm schließlich vorführt, dass es so den Körper eines hässliche[n] Kamel[s] bekäme, fährt es schaudernd zurück und begnügt sich mit seinen natürlichen Anlagen. Auf ähnlichen Motiven baut die Fabel Zeus und das Schaf[128] auf. Auch hier wünscht das Tier sich eine andere körperliche Eigenschaft, explizit diejenige, stärker zu sein. Als Zeus ihm Veränderungen anbietet, scheut es jedoch zurück, diese zu akzeptieren, da ihm vor dem Ergebnis graut. Fühlt es sich auch zu schwach, so fürchtet es noch mehr, anderen schaden zu müssen. In beiden Fällen tritt die Selbstbescheidung zusammen mit einem unausgegorenen Wunsch auf. Unausgegoren ist dieser, da er geäußert wurde, bevor über ihn und die Konsequenzen seiner Erfüllung reflektiert wurde. Man könnte auch sagen, die Tierprotagonisten hätten sich nicht ihres Verstandes bedient, wären dafür einer idée fixe gefolgt. Die in den Fabeln enthaltene Lehre könnte mithin heißen: Besinne dich, ob du alles bedacht hast, ehe du der Erfüllung deiner Wünsche nachgehst. Zugleich wird in beiden Fabeln, in Zeus und das Pferd ziemlich direkt, in Zeus und das Schaf eher indirekt, ein Erziehungsvorgang beschrieben. Die Tiere werden unterrichtet und nehmen die Unterweisung augenscheinlich an. So wird nicht allein durch das Postulat, vernünftig zu sein und nachzudenken, sondern auch durch die augenscheinliche Absicht, aufzuzeigen, dass aus dem Fehlverhalten anderer gelernt werden kann, ein Zug der Zeit Lessings aufgegriffen: Gebrauche deinen Verstand und entwickle deine geistigen Möglichkeit durch Belehrungen weiter.[129]

Betrachtet man die beiden Fabeln hinsichtlich ihres formalen Aufbaus, so fällt zunächst ins Auge, dass Lessing den Texten kein Pro- oder Epimythion vorangestellt beziehungsweise angehängt hat. Der Leser wird dadurch gezwungen, ihnen ihren Sinn selbständig zu entnehmen, er wird zur geistigen Anstrengung aufgefordert.[130] Zugleich sollten ihm die Charaktere der handelnden Figuren leicht, also ohne große interpretatorische Mühen zugänglich sein. Das Pferd wird dem Kamel gegenübergestellt, um die Unförmigkeit und Fremdartigkeit des zweiten noch zu betonen. Das Schaf trägt neben anderen ihm stereotyp zugeschriebenen Eigenschaften wie Naivität und Gehorsam auch die der Schwäche, welche in der betrachteten Fabel in den Vordergrund rückt. Den Gott Zeus wählt Lessing wohl, um die schöpferischen Eigenschaften eines Gottes für seine Erzählung verwenden zu können. Nun könnte man einwenden, er hätte genauso gut Gott schreiben können, wodurch die Figur dem deutschen Kulturkreis noch näher stünde und somit dem Leser zugänglicher wäre. Gleichwohl gibt es einen Grund für die Wahl Lessings. Denn die die Figuren in der Fabel dienen nicht allein der Typisierung; sie erfüllen darüber hinaus eine Verfremdungsfunktion. Dadurch, dass Lessing nicht Gott, sondern Zeus auftreten lässt, bekommt der Leser nur die unbedingt nötigen Eigenschaften der Figur vermittelt, ohne eine emotionale Bindung ihr gegenüber zu haben und vielleicht an geistige Traditionen erinnert zu werden, die hier nichts zur Sache tun. Er, der Leser, kann sich also auf den Inhalt der Handlung konzentrieren, über den Lessing die Lehre des Textes zu transportieren gedenkt. So wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf das fokussiert, worum es dem Erzähler tatsächlich geht. Ferner wirkt der implizierte moralische Zeigefinger nicht so bedrohlich für ihn, als wenn der Autor den Gott auftreten ließe, der im 18. Jahrhundert höchste Autorität genoss. Kurzum: Die Figuren sind vor sich selbst klar[131] und können intuitiv erfasst werden; deswegen die Wahl.

Wie aber hängt das Fabelmotiv der Selbstbescheidung mit der damaligen gesellschaftlichen Konstitution zusammen? Im 18. Jahrhundert begann sich im staatlich immer noch zersplitterten Deutschland allmählich eine industrielle und bürgerliche Elite herauszubilden.[132] Daneben – undenkbar ohne die gewachsene Finanzkraft bürgerlicher Käufer und Mäzene – erfuhr der literarische Markt und somit auch das Druckwesen einen erheblichen Aufschwung.[133] Die Person des Journalisten betrat die Bühne[134], der Anfang für einen Strukturwandel der Öffentlichkeit[135] war gemacht. Mit der wachsenden wirtschaftlichen Potenz des bürgerlichen Standes und dem Entstehen einer spezifisch bürgerlichen Zeitschriftenkultur wuchs im Bürgertum das Gefühl, einem eigenständigen, wertvollen, weil leistungsfähigen Stand anzugehören. Man begriff sich gegenüber der höfischen Welt nicht mehr als defizitär. Ein Pathos, wie es in der (literarischen) Bewegung der Empfindsamkeit durchweg anzutreffen ist, ist in diesem Zusammenhang als Form der Selbstvergewisserung und Selbstaufwertung, als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins zu verstehen; aber auch als ein Akt der Aufklärung der Gefühle. Empfindsame Freundschaftszirkel und tränenreiche Zusammenkünfte dürfen nicht als naive, unreflektierte Gefühlsduselei abqualifiziert werden. Sie sind vielmehr Ausdruck einer neuen Selbstbewusstheit des Individuums und des Willens, literarischen und moralischen Vorbildern nachzueifern, sie sind Teil der Aufklärung.[136] Dass das Bürgertum als Stand satisfaktionsfähig und darüber hinaus Adressat literarischer Produktionen geworden war, schlägt sich auch darin nieder, dass die ersten, dezidiert bürgerlichen Trauerspiele geschrieben werden (das erste deutsche war Lessings Miss Sara Sampson von 1755). Nicht mehr allein der Adel, sondern auch das Bürgertum wird als wahrhaft leidensfähig gewürdigt. Nimmt man all dies zusammen, so ist es nur folgerichtig, dass das Streben nach Annäherung an den Adelsstand nicht mehr so ausgeprägt war wie noch in vorhergehenden Jahrhunderten.

Das Bürgertum jedoch gibt es nicht und gab es nie. Wenn ich im Folgenden dennoch vereinfachend von dem Bürgertum spreche, dann soll hiermit ein gemeinsamer Wertekanon gemeint sein. Darüber hinaus ist es keineswegs so, dass dieses Bürgertum als Alleinvertreter aufklärerischer Werte angesehen werden sollte. Ganz im Gegenteil spielte in der aufklärerischen Bewegung der Adel und die Adelsherrschaft eine oft nicht unwesentliche Rolle.[137] Wo die bürgerliche Moral im absolutistischen Staatsgebilde zu verorten ist, zeigt Reinhart Koselleck an der Staatsphilosophie Thomas Hobbes’:[138] Der absolute Staat stelle von seiner Konstruktion her bereits einen Ansatzpunkt für die Aufklärung bereit, indem in ihm das private Gewissen dem politischen Willen des Fürsten überantwortet werde. Der Verzicht auf die Durchsetzung der persönlichen moralischen Vorstellungen und die daraus folgende Trennung von Gewissen und Tat[139] suspendierte Konflikte, die auf dem Boden differierender moralischer Überzeugungen erst entstanden waren. Solche (religiös-dogmatischen) Konflikte prägten die Kriege des 17. Jahrhunderts entscheidend mit. Indem aber nun die Staatsführung über Handlungen und Taten ihrer Bürger entscheide und deren individuelle Überzeugungen nicht mehr an die Oberfläche politischen Handelns treten lasse, befriede sie die Gesellschaft. Der Staat werde zum vernünftigen Richter der unvernünftigen Menschen[140]. Der Mensch werde gleichsam in eine öffentliche und eine private Hälfte zerlegt – ein Motiv, das man später, zum Beispiel bei Kant, wiederfinden kann. In der Sphäre des Privaten können sich unter anderem Phänomene wie die oben angesprochene Empfindsamkeit als Ausdruck individueller Moralvorstellungen, aber auch persönliche religiöse Überzeugungen frei entfalten. Die öffentliche Seite, die Seite des Staates und ihre Zielvorstellungen aber sind ganz von dieser Welt. Die Neutralisierung des Gewissens durch die Politik leistet der Verweltlichung der Moral Vorschub.[141] Durch diese Operation wird Moral also schon in der Theorie des absoluten Staates zu etwas Profanem, das nicht mehr allein dogmatisch, sondern auch rational diskutiert werden kann. Und dennoch wird dem Individuum trotz der im politischen Feld uneingeschränkten Macht des Fürsten ein immenser Freiraum überlassen: der Freiraum der inneren Gesinnung. Denn, so Golo Mann: Was der [absolute] Staat dem Bürger sichern soll, ist gerade seine Privatheit im altrömischen wie im modernen Sinn des Wortes[142]. Hier setzte die Aufklärung an, hier entstanden ihre Ideen, von hier aus verbreiteten sie sich. In Anbetracht dieser Überlegungen könnte man, wie ich denke, zugespitzt gar von einer Geburt der Aufklärung aus dem Geiste des Absolutismus sprechen.

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[127] In Lessing Fabeln: S. 115 u. Kap. 7.2.

[128] In ebd.: S. 132 u. Kap. 7.2.

[129] Siehe dazu Kap. 3.

[130] Hier folgt Lessing Rousseaus Forderung, die Lehre müsse aus dem Text selbst erkannt und dürfe nicht explizit ausformuliert werden (vgl. Rousseau Emil: S. 255–256).

[131] Vgl. Kap. 4.2.

[132] Vgl. Habermas 1990: S. 56, Stephan 1994: S. 122.

[133] Vgl. zur Lesekultur Habermas 1990: S. 13–14, S. 77–85 u. S. 99–102, Stephan 1994: S. 126–127.

[134] Vgl. zur Bedeutung des Gazettenwesens und der Moralischen Wochenschriften Barudio 1981: S. 245 bzw. Stephan 1994: S. 123–124.

[135] Vgl. Jürgen Habermas’ gleichnamigen Titel (Habermas 1990).

[136] Vgl. Habermas 1990: S. 115–116 u. zur Empfindsamkeit Schweikle 1990 u. Sauder 1993. Die Empfindsamkeit ist kein rein bürgerliches Phänomen; auch der Adel machte sich die neue affektive Norm zu eigen (Sauder 1993: S. 204).

[137] Vgl. Bauer 2004: S. 66–67.

[138] Vgl. Koselleck 1973: S. 18–32.

[139] Ebd.: S. 22.

[140] Ebd.: S. 25.

[141] Ebd.: S. 31.

[142] Mann 1964: S. 354.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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