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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen
    1. 2.1 Morphologische Forderungen
    2. 2.2 Syntaktische Forderungen
    3. 2.3 Phonologische Forderungen
    4. 2.4 Prosodische Forderungen
  3. 3 Opitz gemessen an Opitz
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Nicht verwandte Titel, Quellen und Darstellungen

[30. April 2002]

2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen

2.1 Morphologische Forderungen

Die wichtigste Forderung in diesem Bereich, nämlich die Elision des Schluss-e im Vers und dessen Ersetzung durch ein Apostroph, hat Opitz bereits in seiner Schrift von 1617 (Aristarchus sive de contemptu linguae teutonicae) gestellt. Nachweislich hatte er jedoch zuvor davon in der Poetik des Franzosen Ronsard gelesen.[3] In der Poeterey drückt Opitz sich folgendermaßen aus:

Das e / wann es vor einem andern selblautenden Buchstaben zue ende des wortes vorher gehet / es sey […] nicht geschrieben vnd außgesprochen[4].

Die Bedingungen, unter denen diese Einsparung vorgenommen werden sollten, obliegen nicht dem Gutdünken des Dichters. Vielmehr werden sie von Opitz eindeutig umrissen. Dass der Sinn der Vermeidung des Hiatus gilt, dem glottalen Verschlusslaut also, der beim direkten Aufeinandertreffen zweier Vokale an einer Wortgrenze entsteht, ist offensichtlich, wenn Opitz dies auch nicht ausdrücklich sagt. Aus der Einschränkung, dass die Elision allein vor selblautenden Buchstaben[5] stattfinden darf, wenn auff das e ein Consonans oder mitlautender Buchstabe folget[6], lässt es sich zum einen erschließen. Zum anderen wird diese morphologische Norm durch die Bestimmung, das Schluss-e in einsylbige[n] wörter[n][7] nicht zu elidieren, unterstrichen. Opitz meint mit ihnen Wörter, die nicht auf schwachtonigem >e< enden. Beispiele von ihm sind: Schnee / See / wie / die[8]; in Lautschrift also: [ʃneː], [zeː], [viː], [diː]. Keines dieser Wörter weist im Auslaut ein [ə] auf und fällt deswegen auch nicht unter die Rubrik der Wörter, deren Auslaut unter den oben angegebenen Bedingungen elidiert werden darf.

Opitz macht im Folgenden allerdings den Fehler beim anlautenden >h< mit darauf folgendem Vokal[9], beide Möglichkeiten, also Elision des Schwa oder deren Ausbleiben, als regelgerecht einzustufen. Durch die mehrfach nachgewiesene Anlehnung an französische Poetiken[10] und der in diesem Bereich zu unreflektierten Übernahme ihrer Inhalte, ist dieser Fehler von Opitz wahrscheinlich zu erklären.

Im Zusammenhang mit der e-Apokope muss auch das Verbot des willkürlichen Anhängens des Graphen >e< an Wortausgänge gesehen werden. Opitz schreibt:

Ferner soll auch das e denen wörtern zue welchen es nicht gehöret vnangehencket bleiben[11].

Bemerkenswert ist, dass Opitz einige Absätze zuvor in einem seiner Beispiele eben diesen Fehler begeht. Im dritten der vier dort zu findenden Alexandriner schreibt er: der Monde trinckt die Sonnen[12]. Dass das Wort Mond auch zu Opitz’ Zeiten regulär nicht Monde geschrieben oder [moːndə] gesprochen worden ist, sondern das Schluss-e vielmehr der Feder des Dichters entspringt, lässt sich an der Etymologie des Worts zeigen. In mittelhochdeutscher Zeit schrieb es sich noch mân oder mâne. Der Zwischenstufe Mon wurde dann erst in frühneuhochdeutscher Zeit der Graph >d< angefügt. Das zusätzliche >e< kann ergo nicht zum damaligen Sprachstandard gehören.[13] Der Grund, dass Opitz dennoch Monde schreibt, liegt auf der Hand. Er vermeidet durch die Einfügung des Schwas in seinen Beispielversen einen Hebungsprall nach der zweiten Silbe. Darum schreibt er also:[14]

»der Monde trinckt die Sonnen«

anstatt

der Mond trinckt die Sonnen.

Opitz hat die Forderung der Schluss-e-Elision unter bestimmten Bedingungen durchaus mit Bedacht gestellt. In den Dichtungen des 16. Jahrhunderts grassierte die willkürliche Auslassung schwachtoniger Vokale, um Silben einzusparen und mittels dieser Volte Verse sozusagen passend zu streichen. Ein durchaus typisches Beispiel der damaligen Dichtung zitiert Wagenknecht:

So lang als Natur mit jhr macht
Vnd grossen kräfften hat gemacht
All jrrdisch ding vnd Element,
Auch dr Welt gelegt wars Fundament,
Kein Mann so muhtig vnverzagt
Gesehn wordn, der sich hett gwagt
Vff d’Spitz des Bergs, des Höhe böbt
An dr Wolcken vnd am Himmel schwebt:
Wie kompt es dann, daß man jetzt sicht
So vil holdseeliger Engell Gsicht?
Die sich daselbst herumb thun schwingn,
Alß woltens etwas groß anbringen,
Vnd singen von schön newen Gschichten
Damit groß frewde anzurichten.[15]

In diesen vierzehn Versen finden sich sage und schreibe zwei Synkopen eines starktonigen >e< (dr), drei Zusammenziehungen (wars, d’Spitz, woltens) und sechs Synkopen eines schwachtonigen >e< (Gesehn, wordn, gwagt, Gsicht, schwingn, Gschichten). Diese Veränderungen sind darauf zurückzuführen, dass der Verfasser seine Verse metrisch passend machen wollte, wobei die Silbenzahl trotz der rüden Maßnahmen pro Vers zwischen sieben und neun schwankt und somit dennoch keine Regelmäßigkeit erkennbar ist.

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[3] Vgl. Szyrocki 1974, S. 25.

[4] Opitz 1991, S. 44.

[5] Gemeint sind natürlich Vokale.

[6] Opitz 1991, S. 45.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Er erwähnt den Folgevokal nicht ausdrücklich, doch wird diese Bedingung aus seinen Beispielen (vgl. Opitz 1991, S. 47) ersichtlich.

[10] Vgl. z. B. Entner 1984, S. 22–42.

[11] Opitz 1991, S. 47.

[12] Ebd., S. 46.

[13] Vgl. Kluge 1999, s. v. Monat und Mond.

[14] Ich bin mir bewusst, dass die hier gewählte Notation von Hebung () und Senkung () für gewöhnlich den antiken quantisierenden Sprachen zugewiesen ist. Aus technischen Gründen und aufgrund der leichteren Zuordnung beim Lesen habe ich sie dennoch gewählt. Einem metrischen System, das zwischen drei Betonungsgraden unterscheidet (z. B. mit Nebenbetonung auf der mittleren Silbe eines dreisilbigen Wortes: Wértìgkeit), wird sie natürlich nicht gerecht. Ein solches System war Opitz und seinen Zeitgenossen jedoch fremd und wird daher von mir nicht verwendet.

[15] Zit. n. Wagenknecht 1971, S. 67.

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