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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen
    1. 2.1 Morphologische Forderungen
    2. 2.2 Syntaktische Forderungen
    3. 2.3 Phonologische Forderungen
    4. 2.4 Prosodische Forderungen
  3. 3 Opitz gemessen an Opitz
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Nicht verwandte Titel, Quellen und Darstellungen

[30. April 2002]

2.2 Syntaktische Forderungen

Dieser Bereich ist vor allem in Prosatexten von Bedeutung und spielt in der Lyrik, auf die Opitz meistenteils abzielt, nach meinem Dafürhalten nur eine untergeordnete Rolle. Gleichwohl sollen zwei Punkte nicht verschwiegen werden, an denen sich der Zustand der damaligen (Prosa-)Dichtung ablesen lässt.

Die […] verkehrung der worte stehet bey vns sehr garstig[16], schreibt Opitz im sechsten Kapitel der Poeterey. Er gibt sofort im Anschluss auch zwei Beispiele, was er mit verkehrung meint. Beim ersten (Den sieg die Venus kriegt[17]) handelt es sich um eine Inversion, die sich in dieser Form wahrlich seltsam ausnimmt. Grund ist, dass die Abfolge von Subjekt und Prädikat bei gleichzeitiger Voranstellung des Akkusativobjekts beibehalten wurde. Wäre die Umstellung wie folgt durchgeführt worden: Den sieg kriegt die Venus, so ergäbe sich eine durchaus akzeptable Satzstruktur mit Betonung auf der Tatsache des erlangten Sieges der Venus. Opitz hat hier offenbar ein besonders krasses Beispiel gewählt, um seiner Forderung mehr Nachdruck zu verleihen. Dass solche Voranstellungen für gewöhnlich nachgestellte Satzglieder durchaus vorkamen, beweist ein kleiner Auszug aus der Schrift Kurtzer Bericht der Fruchtbringenden Gesellschafft Zweck und Vorhaben von Ludwig von Anhalt-Köthen:

Ist also zu wissen / daß im Jahr 1617. bey einer vornehmen / wie wol traurigen Fürstlicher und Adelicher Personen zusammenkunfft / zu ergetzung vorgangenen Leids / […] erwehnung geschehen[18].

Das Genitivattribut Fürstlicher und Adelicher Personen ist dem Subjekt des Gliedsatzes (zusammenkunfft) vorangestellt, was die Satzstruktur wesentlich schwieriger verständlich macht, da das Bezugswort des Attributs nicht direkt bei dessen erster Nennung klar ersichtlich ist. Eine Häufung derartiger Konstruktionen belastet den Leser weitaus mehr, als es bei einer Nachstellung der Fall wäre. Da das gewählte Beispiel darüber hinaus aus einem die Grenze zur Unverständlichkeit überschreitenden Wirrwarr aus Gliedsätzen und Parenthesen besteht – der von mir nur unvollständig zitierte Satz umfasst 141 (einhunderteinundvierzig!) Wörter –, sollten solche Konstruktionen erst recht vermieden werden (wenn man denn ohne Schwierigkeiten verstanden werden will; aus ästhetischer Sicht sind solche Konstruktionen evtl. akzeptabel).

Auch in diesen Zusammenhang gehört die Forderung, Attribute vor das zugehörige Substantiv zu stellen:

Wie denn auch sonsten die epitheta [Attribute] bey vns gar ein vbel außsehen haben / wenn sie hinter jhr substantiuum gesetzet werden[19].

Damit wendet er sich gegen eine latinisierende oder französierende Konstruktionsweise im Deutschen, denn in diesen Sprachen ist die typische, bzw. häufig anzutreffende Stellung eines Adjektivs direkt hinter dem zugehörigen Substantiv. Die Voranstellung macht im Deutschen insofern Sinn, als dadurch das Attribut zwischen Artikel und Substantiv gleichsam eingebettet wird und somit semantische Bezüge klarer zutage treten. Diese Forderung liegt begründet im kulturellen Umfeld zur Entstehungszeit der Poeterey. Einer Schreibkultur, die noch derart stark dem Latein verhaftet war, kann nicht oft genug angemahnt werden, doch zu beachten, dass die deutsche Sprache eben nicht gleich lateinischer Sprache, sondern eigenständig ist.

Darüber hinaus sollten die epitheta nicht in allzu großer Häufung verwendet werden. Opitz hat nämlich in diesem Fall den Verdacht, dass solches bloß zue außfüllung des verses dienet.[20] Meines Erachtens urteilt er hier zu rigide, denn gerade die Häufung einer Wortart kann einem Gedicht einen besonderen Charme verleihen. Durch diese Norm begrenzt Opitz nur die Vielfältigkeit der Ausdrucksmöglichkeiten deutschsprachiger Lyrik. Entspringen mag sie aus dem Wissen der hohen Komplexität des durchschnittlichen deutschen Satzes am Anfang des 17. Jahrhunderts.

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