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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen
    1. 2.1 Morphologische Forderungen
    2. 2.2 Syntaktische Forderungen
    3. 2.3 Phonologische Forderungen
    4. 2.4 Prosodische Forderungen
  3. 3 Opitz gemessen an Opitz
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Nicht verwandte Titel, Quellen und Darstellungen

[30. April 2002]

2.3 Phonologische Forderungen

Den Schwerpunkt der phonologischen Forderungen stellt die Reimfindung und -bildung dar. Eingangs beschreibt Opitz, was eigentlich ein Reim ist. Als Negativbeispiel gibt er die sich nicht reimenden Wörter verkehren und hören[21] an. Zweierlei lässt sich daran erkennen.

Als erstes wird sichtbar, dass Opitz den Reim tatsächlich als ein lautliches Phänomen aufgefasst hat.[22] Die zum Wortausgang hin identische Schreibweise der Beispielwörter (-ren) ist ihm noch lange kein Grund, sie reimen zu müssen. Vielmehr geht er, was durchaus korrekt ist, von der letzten betonten Silbe aus. Seine Argumentation lautet wie folgt:

So schicken sich auch nicht zusammen […] verkehren vnd hören weil das ö von vnns als ein ε / vnnd mitlere sylbe im verkehren wie mit einem η gelesen wirdt.[23]

Zum zweiten verdeutlicht sich hier, dass Opitz in dieser Beziehung aus Sicht der schlesischen und nicht der hochdeutschen Aussprache argumentierte.[24] Folgende Aussprache ergibt sich aus den Vergleichen mit den griechischen Buchstaben:

Vergleich der Aussprache
  Opitz heutiger Standard
verkehren [fəɐkɛːrən] [fəɐkeːʀən]
hören [heːrən] [høːʀən]

Die betonten Vokale entsprechen durchaus nicht dem heutigen Standard, sind dafür aber eindeutig schlesisch respektive sächsisch gefärbt. Daraus ergibt sich die Feststellung, dass Opitz gar nicht mit Gewissheit erkennen konnte, ob ein Reim nur im Schlesischen oder auch in anderen Mundarten rein klingt.

Ferner widerspricht Opitz sich selbst, da er zuvor schrieb:

Damit wir aber reine reden mögen / sollen wir vns befleissen deme welches wir Hochdeutsch nennen besten vermögens nach zue kommen[25].

Ein allzu großer Vorwurf kann ihm hier dennoch nicht gemacht werden, da es zu Zeiten von Opitz noch kein Hochdeutsch in heutigem Sinne gab. Zwar orientierten sich im 17. Jahrhundert die meisten deutschen Sprachgelehrten hin zur Aussprache des Meißnischen, doch war man noch weit davon entfernt, eine Standardsprache zu haben. Opitz konnte demnach dessen kaum gewahr werden, wie deutlich er durch die oben genannte Erklärung zeigte, dass er nicht nur Schlesier war, sondern auch schlesisch sprach. Helmut Henne bringt den Umstand des Fehlens einer Hochsprache auf den Punkt:

Die Literatur des früheren 17. Jahrhunderts ist erst einmal hochsprachliche Übung. Daß sie in manchem danebengreift, zeigt nur das noch nicht an.[26]

Mit noch nicht ist hier gemeint, dass zwar durchaus das Bestreben zu erkennen war, Hochdeutsch zu reden, doch damalige Postulate, vergleichbar mit dem zitierten von Opitz, sich noch mehr auf der Ebene des hehren Vorhabens, denn auf der der angehenden Verwirklichung bewegten.

Auffällt, dass Opitz sich, in Bezug auf die Differenz zwischen Standardvarietät und Dialekt, nicht nach seinem Vorbild Ronsard richtete. Dieser forderte nämlich, im Gegensatz zu Opitz, dass möglichst auch Regionalismen in der Dichtung Aufnahme finden sollten.[27] Opitz erkannte deutlich, dass in Frankreich in dieser Hinsicht vollständig andere Bedingungen herrschten. Dort konnte der Dichter sich durch solche von Ronsard vorgeschlagenen Maßnahmen als Behüter der Dialekte sehen, die durch allzu starke Zentralisierung in ihrer Existenz gefährdet waren. Im Deutschland des 17. Jahrhunderts jedoch gab es keine zentrale Macht und erst recht keine allgemeingültige Standardvarietät. So erkannte Opitz, dass es vornehmliche Aufgabe sein müsse, hinsichtlich eines Hochdeutsch übereinzukommen, ehe man überhaupt daran denken konnte Dialekte zu bewahren.

Die letzte hier besprochene Forderung, welche die lautliche Ebene betrifft, formulierte Opitz wie folgt:

Vnd letztlich wird der reim auch falsch / wann in dem einen verse das letzte wort einen doppelten consonantem; vnnd das in dem andern einen einfachen hat[28].

Als Beispiel gibt er direkt im Anschluss harren und verwahren an. Opitz scheint hier zu übersehen, dass die Tatsache, hier keinen Reim vorzufinden, nicht etwa an der Anzahl der Konsonanten liegt. Man darf wohl annehmen, dass Opitz verstanden hat, dass sich die beiden Wörter deswegen nicht reimen, da sie unterschiedlich klingen. Doch verfehlt er in seiner Argumentation das Ziel, da er nicht wie oben aus phonologischer, sondern graphematischer Sicht schlussfolgert. Tatsächlich reimen sich harren und verwahren nicht, da in ersterem ein kurzes [a] und in letzterem ein langes [aː] gesprochen wird. Die Konsonantenhäufung in harren ist nurmehr die schriftliche Verdeutlichung der Vokalkürze. Opitz’ Erkenntnis ist richtig, die Begründung falsch.

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[21] Opitz 1991, S. 44.

[22] Er schreibt dies auch am Anfang des siebten Kapitels mit den Worten: EIn reim ist eine vber einstimmung des lautes der syllaben […] zue ende zweyer […] verse (ebd., S. 43).

[23] Ebd., S. 44.

[24] Vgl. Entner 1984, S. 31.

[25] Opitz 1991, S. 32.

[26] Henne 1966, S. 15.

[27] Vgl. Entner 1984, S. 37.

[28] Vgl. Opitz 1991, S. 48.

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