
[30. April 2002]
Die ersten von Opitz verfassten und uns überlieferten Alexandriner finden sich in dessen Jugendschrift Aristarchus sive de contemptu linguae teutonicae von 1617. Die einleitenden Verse lauten:
“O Fortun / o fortun / stieffmutter aller frewden /Anfeinderin der lust / erweckerin der noth /Du todtes leben / ja du lebendiger Todt /Durch welcher grimm sich mus manch trewes hertze scheiden.[29]
Diese Verse sind aufgrund eines klar erkennbaren prosodischen Konzepts entstanden. Vers 1 und Vers 4 haben beide dreizehn Silben, eine weibliche Kadenz und reimen miteinander. Vers 2 und Vers 3 sind zwölfsilbig, mit männlicher Kadenz und reimen ebenfalls miteinander. Alle Verse weisen an Position der sechsten Silbe eine Hebung auf. Die beiden ersten haben hinter der sechsten Silbe gar eine, durch einen Virgel zusätzlich verdeutlichte, Zäsur. In allen Versen ist die zwölfte Silbe ein Hebung. Die Füllungen sind frei, also noch nicht dem alternierenden Konzept verpflichtet, das Opitz später vehement einforderte:[30]
– ◡ – / – ◡ – / – ◡ ◡ – ◡ – ◡ /
– ◡ ◡ ◡ ◡ – / ◡ – ◡ ◡ ◡ – /
◡ – ◡ – ◡ / – – ◡ – ◡ ◡ – /
◡ – ◡ – ◡ – ◡ – ◡ – ◡ – ◡.
Wir finden in dieser Opitz’schen Jugenddichtung das Konzept eines Alexandriners, das sich eindeutig und regelgerecht an die französische Dichtungstradition anlehnt, ja sie mustergültig in die deutsche Sprache überträgt. Die von mir gegebene Beschreibung der oben zitierten Verse stimmt haargenau mit der französischen Dichtungstheorie des Alexandriners überein.[31]
Inwiefern aber unterscheidet sich nun das Dichtungsverständnis des Martin Opitz von 1617 und das des Martin Opitz von 1624? Der Silbenzahl, Kadenz und Zäsur (im Alexandriner) nach änderte sich nichts:
“Der weibliche verß hat dreyzehen / der männliche zwölff sylben; […]. Es muß aber allezeit die sechste sylbe eine cæsur oder abschnitt haben / vnd masculinæ terminationis, das ist / entweder ein einsylbig wort sein / oder den accent in der letzten sylben haben[32].
Epochemachendes hat sich jedoch in Opitz Verständnis dahingehend geändert, wie die Füllung des Verses auszusehen habe. Die wohl berühmteste und zurecht am häufigsten zitierte Passage aus der Poeterey zeigt dies überdeutlich:
“Nachmals ist auch ein jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen / welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzet soll werden.[33]
Drei für die deutsche Prosodie bis heute bahnbrechende Punkte stecken in diesem Diktum. Erstens erkennt Opitz, dass die deutsche Prosodie von den alten Sprachen grundverschieden ist. Dort, in den alten Sprachen, ist die grösse
(i. e. die Quantität) und hier, im Deutschen, der accent
(i. e. die Akzentuierung) grundlegendes Merkmal der Behandlung der Wörter im Vers. Zweitens stellt Opitz fest, dass die Akzente (welche sylbe hoch vnnd welche niedrig
) eines Wortes anhand der natürlichen Aussprache, dem thone
, festzustellen seien. Drittens dekretiert er, dass es nunmehr nur noch zwei Arten von Versfüßen in der deutschen Dichtung geben könne: den Jambus (iambicus
) und Trochäus (trochaicus
). Demzufolge muss jeder Vers alternierend sein, also eine regelmäßige Abfolge von Hebung und Senkung aufweisen; entweder mit Auftakt (Jambus) oder ohne Auftakt (Trochäus). Dies ist der zentralste Punkt der Opitz’schen Reform. Keiner der im Vorfeld genannten kann ihn auch nur annährend an Bedeutung erreichen, denn gerade durch die Erkenntnis, dass die deutsche Sprache akzentuierend ist, gewinnt sie gegenüber anderen Sprachen, wie den romanischen oder antiken, an Eigenständigkeit und eigenem Wert.
Doch muss auch gesagt werden, dass Opitz, in Hinsicht des alternierenden akzentuierenden Systems, das Rad nicht neu erfunden hat. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts formulierte Sidney in seiner Apologie for Poetrie: wee doe not observe quantity, yet wee observe the accent very precisly.
[34] Ferner hat der niederländische Dichter und Poetikschreiber Daniel Heinsius das alternierende akzentuierende System ebenfalls vor Opitz angewandt. Anhand einiger Übersetzungen der Dichtungen von Heinsius konnte Opitz sich darin intensiv üben. Dazu Heinz Entner:
“Er mag die Verse, um mit ihrer Struktur vertraut zu werden, oft laut gelesen haben, bis ihm ihr jambisch-alternierender Gang regelrecht im Ohr lag.[35]
Nicht zu vernachlässigen ist gleichwohl auch, dass die Tendenz zu jambischen Versen in der deutschsprachigen Dichtung, trotz aller Unbestimmtheit der Metrik des 16. Jahrhunderts, Anfang des 17. Jahrhunderts schon klar zu erkennen war.[36]
[30] Nebenbetonungen sind hier als Senkung (◡) aufgeführt.
[31] Vgl. z. B. Wagenknecht 1971, S. 20.
[34] Zit. n. Szyrocki 1974, S. 62.
[36] Vgl. ebd., S. 81f.
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