
[30. April 2002]
Die Auswahl der unter Kap. 2 dargestellten Forderungen von Opitz soll nun anhand einer seiner Dichtungen in ihrer Realisierung überprüft werden. Beispieltext, an dem die regelgerecht Anwendung seiner Forderungen kurz überprüft werden soll, ist ein Auszug aus seiner lyrischen Transkription des Hohen Liedes, die 1638, vierzehn Jahre nach dem Erstdruck der Poeterey, erstmals erschien. Besprochen werden hier Das Erste Liedt, Das dritte Lied und Das Siebende Liedt.[37]
Die Elision des Schluss-e verwendet Opitz in den untersuchten 208 Versen 22-mal korrekt. Das heißt genau so, wie er es in der Poeterey gefordert hat. Hier zwei Beispielverse, in denen er zweimal eine Schluss-e-Elision vornimmt:
“Ich must’ jhnen stets verwachenJhre Berg’ vnd jhren Wein;[38]
Einmal elidiert er ein Schluss-e vor einem mit >h< beginnenden Wort dessen zweiter Buchstabe ein Vokal ist:
“So ich für dich pfleg’ heilig auffzuheben.[39]
Opitz’ Auffassung aus der Poeterey folgend ist dieses Vorgehen als korrekt anzusehen, resultiert aber, wie schon oben erwähnt, aus der irrigen Annahme, die im Französischen richtige Forderung der Nichtbeachtung eines >h< am Wortanfang, sei auch auf das Deutsche zu übertragen.
Auffallend häufig tritt im Text die Bildung unreiner Reime auf. Ganze 19-mal bildet Opitz Reime, die, der hochdeutschen Lautung folgend, nicht stimmig sind. Dass Opitz dies nicht absichtlich tat und es auch kaum vermeiden konnte, wurde bereits oben diskutiert. Ein Beispiel:
“Könte mein Gemüth auch jrren?Mein Hertzliebster kompt mir fürAls ein Büschlein frischer MyrrhenZwischen meiner Brüste Zier /Als die Trauben welche stehenAuff deß Flecken Engadts Höhen.[40]
Umlaut und Vokal stimmen in keinem der drei Reime miteinander überein. Dass Opitz [iː] auf [yː] reimt kommt sogar ganze sechsmal im untersuchten Text vor und ist damit das häufigste lautliche Vergehen in Reimen des untersuchten Textes. Alle auftretenden lautlichen Gleichsetzungen, ausgehend von der hochsprachlichen Lautung, sind:
| Lautgleichsetzungen | Textstellen |
|---|---|
| [iː] = [yː] | sechsmal; liegen : vergnügen[41], Zier : für[42], für : Zier[43], allhier : darfür[44], geübet : verliebet[45], blüht : sieht[46] |
| [eː] = [øː] | dreimal; Seele : Höle[47], stehen : Höhen[48], erhöht : geht[49] |
| [y] = [ɪ] | dreimal; erfüllen : stillen[50], jrren : Myrrhen[51], Küssen : wissen[52] |
| [oː] = [ɔ] | zweimal; wol : voll[53], Libanon : Bettethron[54] |
| [a] = [aː] | einmal; an : gethan[55] |
| [ɪ] = [iː] | einmal; hin : ziehn[56] |
| [ø] = [ɛ] | einmal; Reheböcken : wecken[57] |
| [yː] = [y] | einmal; Wüste : Brüste[58] |
| [yː] = [ɪ] | einmal; blühst : ist[59] |
In mehreren Fällen kommt es darüber hinaus im Rahmen der Verskonstruktion zu Tonbeugungen. Ausgehend davon, dass Opitz grundsätzlich alternierende Verse schreiben wollte, lassen sich unnatürliche Betonungen feststellen, die ich an neun ausgewählten Beispielen festmachen möchte:[60]
1)
[61]
Zum einen tritt der Artikel die
, der beileibe nicht bedeutungstragend ist, in diesem Beispiel in die Hebung und zum anderen wird Jungfrawen
fälschlicherweise auf der zweiten Silbe betont.
2)
[62]
Hier müsste die Betonung eigentlich auf dem bedeutungstragenden Prädikat Sucht’
liegen. Aus dem Schema der vorhergehenden und nachfolgenden Verse lässt sich jedoch erschließen, dass von Opitz das ich
betont worden ist.
3)
[63]
Die Präposition in
rückt in gehobene Position und das Wort heimbringen
wird fälschlich auf der zweiten Silbe betont.
4)
[64]
Erneut ist das bedeutungstragende Prädikat in der Senkung und stattdessen eine Präposition in der Hebung. Das Wort Wüsteney
, welches dem natürlichen Sprachfluss entsprechend ein Anapäst (◡ ◡ –) sein müsste, wird von Opitz in Form eines Kreticus (– ◡ –) verwendet.
5)
[65]
Wie in Beispiel 1) ist Jungfrawen
auf der zweiten Silbe betont. Dem Wort doch
wurde hinsichtlich der Betonung dem Vorzug gegenüber dem Imperativ Kompt
gegeben, gleichwohl dieser bei weitem mehr Bedeutung trägt.
6)
[66]
Abgeht
wird von Opitz hier als Jambus interpretiert, obwohl es sich um einen Trochäus handelt.
7)
[67]
Das den natürlichen Wortbetonungen folgende Versschema müsste folgendermaßen aussehen:
– ◡ ◡ – – ◡ ◡ – ◡ –.
An kaum einer anderen Stelle ist Opitz sein radikal alternierendes Prinzip mehr im Wege als an dieser.
8)
[68]
Die siebte Silbe du
beinhaltet ein mehr an Bedeutung als der vorangehende Artikel dem
und ist deswegen im ungebundenen Sprachfluss betont. Opitz hat seine Betonung gewiss verlagert, um einen Hebungsprall zu vermeiden.
9)
[69]
Das erste Komm
und das Wort laß
müssten eine Betonung tragen.
Aus all diesen Beispielen dürfte deutlich geworden sein, dass sich die Deutsche Sprache nur schwerlich in die Zwangsjacke des rein alternierenden Verses nötigen lässt. Allzu oft widersprechen sich in Opitz’ Versen natürliches Sprachempfinden und Versbetonung. Zwar weist die überwiegende Mehrheit der untersuchten Verse keine Tonbeugungen auf, doch zeigen die Ausnahmen, dass vor allem mehrsilbige Wörter in diesem Dichtungskonzept Probleme bereiten können (so z. B. Jungfrawen
oder heimbringen
).
[37] Text in Opitz 1995, S. 5–11.
[46] Ebd., S. 11, V. 45 u. 46.
[49] Ebd., S. 10, V. 17 u. 18.
[53] Ebd., S. 8, V. 104 u. 106.
[58] Ebd., S. 10, V. 11 u. 12.
[59] Ebd., S. 10 und 11, V. 21 u. 22.
[60] Die metrischen Umschreibungen sind aus dem Zusammenhang erschlossen, in dem die herausgelösten Verse im Gedicht stehen, und fußen auf der Opitz’schen Forderung, nur alternierende Verse zu verwenden.
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