TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  2  3  4  5  |6|  7  8

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen
    1. 2.1 Morphologische Forderungen
    2. 2.2 Syntaktische Forderungen
    3. 2.3 Phonologische Forderungen
    4. 2.4 Prosodische Forderungen
  3. 3 Opitz gemessen an Opitz
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Nicht verwandte Titel, Quellen und Darstellungen

[30. April 2002]

3 Opitz gemessen an Opitz

Die Auswahl der unter Kap. 2 dargestellten Forderungen von Opitz soll nun anhand einer seiner Dichtungen in ihrer Realisierung überprüft werden. Beispieltext, an dem die regelgerecht Anwendung seiner Forderungen kurz überprüft werden soll, ist ein Auszug aus seiner lyrischen Transkription des Hohen Liedes, die 1638, vierzehn Jahre nach dem Erstdruck der Poeterey, erstmals erschien. Besprochen werden hier Das Erste Liedt, Das dritte Lied und Das Siebende Liedt.[37]

Die Elision des Schluss-e verwendet Opitz in den untersuchten 208 Versen 22-mal korrekt. Das heißt genau so, wie er es in der Poeterey gefordert hat. Hier zwei Beispielverse, in denen er zweimal eine Schluss-e-Elision vornimmt:

Ich must’ jhnen stets verwachen
  Jhre Berg’ vnd jhren Wein;[38]

Einmal elidiert er ein Schluss-e vor einem mit >h< beginnenden Wort dessen zweiter Buchstabe ein Vokal ist:

So ich für dich pfleg’ heilig auffzuheben.[39]

Opitz’ Auffassung aus der Poeterey folgend ist dieses Vorgehen als korrekt anzusehen, resultiert aber, wie schon oben erwähnt, aus der irrigen Annahme, die im Französischen richtige Forderung der Nichtbeachtung eines >h< am Wortanfang, sei auch auf das Deutsche zu übertragen.

Auffallend häufig tritt im Text die Bildung unreiner Reime auf. Ganze 19-mal bildet Opitz Reime, die, der hochdeutschen Lautung folgend, nicht stimmig sind. Dass Opitz dies nicht absichtlich tat und es auch kaum vermeiden konnte, wurde bereits oben diskutiert. Ein Beispiel:

Könte mein Gemüth auch jrren?
  Mein Hertzliebster kompt mir für
  Als ein Büschlein frischer Myrrhen
  Zwischen meiner Brüste Zier /
  Als die Trauben welche stehen
  Auff deß Flecken Engadts Höhen.[40]

Umlaut und Vokal stimmen in keinem der drei Reime miteinander überein. Dass Opitz [iː] auf [yː] reimt kommt sogar ganze sechsmal im untersuchten Text vor und ist damit das häufigste lautliche Vergehen in Reimen des untersuchten Textes. Alle auftretenden lautlichen Gleichsetzungen, ausgehend von der hochsprachlichen Lautung, sind:

Lautliche Gleichsetzungen von Opitz
Lautgleich­setzungen Textstellen
[iː] = [yː] sechsmal; liegen : vergnügen[41], Zier : für[42], für : Zier[43], allhier : darfür[44], geübet : verliebet[45], blüht : sieht[46]
[eː] = [øː] dreimal; Seele : Höle[47], stehen : Höhen[48], erhöht : geht[49]
[y] = [ɪ] dreimal; erfüllen : stillen[50], jrren : Myrrhen[51], Küssen : wissen[52]
[oː] = [ɔ] zweimal; wol : voll[53], Libanon : Bettethron[54]
[a] = [aː] einmal; an : gethan[55]
[ɪ] = [iː] einmal; hin : ziehn[56]
[ø] = [ɛ] einmal; Reheböcken : wecken[57]
[yː] = [y] einmal; Wüste : Brüste[58]
[yː] = [ɪ] einmal; blühst : ist[59]

In mehreren Fällen kommt es darüber hinaus im Rahmen der Verskonstruktion zu Tonbeugungen. Ausgehend davon, dass Opitz grundsätzlich alternierende Verse schreiben wollte, lassen sich unnatürliche Betonungen feststellen, die ich an neun ausgewählten Beispielen festmachen möchte:[60]

 
1) [Betonungsschema von »Vnd dich lieben die Jungfrawen.«][61]
 

Zum einen tritt der Artikel die, der beileibe nicht bedeutungstragend ist, in diesem Beispiel in die Hebung und zum anderen wird Jungfrawen fälschlicherweise auf der zweiten Silbe betont.

 
2) [Betonungsschema von »Sucht’ ich mein edles Liecht /«][62]
 

Hier müsste die Betonung eigentlich auf dem bedeutungstragenden Prädikat Sucht’ liegen. Aus dem Schema der vorhergehenden und nachfolgenden Verse lässt sich jedoch erschließen, dass von Opitz das ich betont worden ist.

 
3) [Betonungsschema von »Ich must’ jhn doch biß in jhr Hauß heimbringen«][63]
 

Die Präposition in rückt in gehobene Position und das Wort heimbringen wird fälschlich auf der zweiten Silbe betont.

 
4) [Betonungsschema von »Kömpt auß der Wüsteney«][64]
 

Erneut ist das bedeutungstragende Prädikat in der Senkung und stattdessen eine Präposition in der Hebung. Das Wort Wüsteney, welches dem natürlichen Sprachfluss entsprechend ein Anapäst (◡ ◡ –) sein müsste, wird von Opitz in Form eines Kreticus (– ◡ –) verwendet.

 
5) [Betonungsschema von »Kompt doch herauß / kompt her doch / jhr Jungfrawen«][65]
 

Wie in Beispiel 1) ist Jungfrawen auf der zweiten Silbe betont. Dem Wort doch wurde hinsichtlich der Betonung dem Vorzug gegenüber dem Imperativ Kompt gegeben, gleichwohl dieser bei weitem mehr Bedeutung trägt.

 
6) [Betonungsschema von »Dem niemals Tranck vnd süsser Wein abgeht;«][66]
 

Abgeht wird von Opitz hier als Jambus interpretiert, obwohl es sich um einen Trochäus handelt.

 
7) [Betonungsschema von »Hier wo der Weg hin nach Damascus geht:«][67]
 

Das den natürlichen Wortbetonungen folgende Versschema müsste folgendermaßen aussehen:

– ◡ ◡ – – ◡ ◡ – ◡ –.

An kaum einer anderen Stelle ist Opitz sein radikal alternierendes Prinzip mehr im Wege als an dieser.

 
8) [Betonungsschema von »Das edle Haar mit dem du / Liebste / blühst /«][68]
 

Die siebte Silbe du beinhaltet ein mehr an Bedeutung als der vorangehende Artikel dem und ist deswegen im ungebundenen Sprachfluss betont. Opitz hat seine Betonung gewiss verlagert, um einen Hebungsprall zu vermeiden.

 
9) [Betonungsschema von »Komm / Hertze / komm; laß vns zu Felde bleiben«][69]
 

Das erste Komm und das Wort laß müssten eine Betonung tragen.

 

Aus all diesen Beispielen dürfte deutlich geworden sein, dass sich die Deutsche Sprache nur schwerlich in die Zwangsjacke des rein alternierenden Verses nötigen lässt. Allzu oft widersprechen sich in Opitz’ Versen natürliches Sprachempfinden und Versbetonung. Zwar weist die überwiegende Mehrheit der untersuchten Verse keine Tonbeugungen auf, doch zeigen die Ausnahmen, dass vor allem mehrsilbige Wörter in diesem Dichtungskonzept Probleme bereiten können (so z. B. Jungfrawen oder heimbringen).

|6|

Tags: , , , , , , , ,

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

Zum Seitenanfang springen