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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Einleitung
  2. 2 Darstellung der Opitz’schen Forderungen im Einzelnen
    1. 2.1 Morphologische Forderungen
    2. 2.2 Syntaktische Forderungen
    3. 2.3 Phonologische Forderungen
    4. 2.4 Prosodische Forderungen
  3. 3 Opitz gemessen an Opitz
  4. 4 Schlussbemerkung
  5. 5 Literaturverzeichnis
    1. 5.1 Quellen
    2. 5.2 Darstellungen
    3. 5.3 Nicht verwandte Titel, Quellen und Darstellungen

[30. April 2002]

4 Schlussbemerkung

Dass das Buch von der Deutschen Poeterey im 17. Jahrhundert und noch am Beginn des folgenden überschwängliches Ansehen genossen hat, machen nicht nur die beiden von mir in der Einleitung gegebenen Zitate deutlich. Auch die Auflagenzahl von Opitz’ Kompendium verdeutlicht diesen Umstand. So wurden bis 1639 bereits sechs Auflagen und bis 1690 noch einmal sechs herausgegeben.[70]

Der umwerfende Erfolg liegt wohl darin begründet, dass Opitz nur Forderungen aufstellte, die in ihrer Anlage schon vorhanden oder bereits zuvor in anderen Ländern gestellt worden waren. Somit hielten sich die veritablen Neuheiten, welche Opitz anbrachte, in engen Grenzen. Sein Verdienst nun aber liegt darin, dass er diese Ansätze in knapper Form zusammengefasst und an die im deutschsprachigen Raum herrschenden Bedingungen angepasste hatte.

Darüber hinaus muss angemerkt werden, wie einfach das Opitz’sche Konzept ist. Keine der vorher erdachten Dichtungstheorien[71] hatte derart leicht erlernbare Grundprinzipien. Die Grundlage aller Forderungen, nämlich die Wörter ihrer natürlichen Betonung folgend und alternierend in Versform zu bringen, dürfte Opitz’ Zeitgenossen keine weitergehenden Schwierigkeiten bereitet haben. Sie waren, wie gesagt, sowieso schon in ihrer Anlage vorhanden und bedurften nur noch der ausdrücklichen Darlegung, auf die man sich dann stützen konnte.

Auch darf nicht verschwiegen werden, dass die Poetik von Opitz eine Poetik für die intelligente Schicht der Bevölkerung war. Weite Teile der Landbevölkerung und die Unterschicht der Stadtbevölkerung behielt in ihren Volksliedversen die aus dem 16. Jahrhundert überkommenen Dichtungsprinzipien bei.[72] Die hohe Zahl der Auflagen der Poeterey ist also in dieser Hinsicht täuschend.

Bereits in den 1640er Jahren erhielt Opitz’ Buch durch Augustus Buchner ihre erste grundlegende Modifikation. Schrieb Opitz noch, dass vornehmlich Jamben und Trochäen in der Dichtung Verwendung finden sollten und der Daktylus eigentlich außen vor zu bleiben habe – gleichwol [er] auch kan geduldet werden / wenn er mit vnterscheide gesatzt wird[73] –, so änderte sich dies mit Buchner. Die nach einem Diktum von Philipp von Zesen benannte Buchner-ahrt[74] sollte die Inhalte von Opitz’ Poeterey jedoch nicht grundlegend antasten.

Ein wahrhaftiger Umschwung trat erst mit dem Erscheinen Klopstocks in der deutschen Dichtung ein:

Nun sollte aber die Zeit kommen, wo das Dichtergenie sich selbst gewahr würde, sich seine eignen Verhältnisse selbst schüfe und den Grund zu einer unabhängigen Würde zu legen verstünde.[75]

Das Geniedenken ist Opitz und seiner Zeit fern gewesen. Ihnen galt die klar erfassbare und berechenbare Eigenschaft von Dichtung als höchster Wert. Nach Opitz konnte sich diese Berechenbarkeit nicht nur auf die formelhafte Bildsprache, sondern auch auf das Innenleben der Verse ausdehnen. Dass die Sprache durch ein zu enges Korsett, wie Opitz es mit seiner Alternationsregel forderte, nur verliert, dürfte aus der Adaption des Hohen Liedes deutlich geworden sein: das mehrsilbige Wort ist nur schwer in alternierende Zusammenhänge zu fügen und wird darum zunehmend vermieden, geht verloren.

In der Vorrede zur Poeterey schrieb Opitz:

[…] bin ich doch solcher gedancken keines weges / das ich vermeine man könne iemanden durch gewisse regeln vnd gesetze zu einem Poeten machen.[76]

Dabei war gerade die Beherrschung der Form Opitz’ Stärke. Dass seine dichterische Inspiration und sein Wortschatz bisweilen zu wünschen übrig ließen, lässt sich an nahezu seinem gesamten Œuvre zeigen.[77] So darf abschließend gesagt werden, dass die Bedeutung von Opitz als Theoretiker und Wegbereiter einer neuen Dichtung angemessen zu würdigen ist. Dichter jedoch gab es im 17. Jahrhundert größere als Martin Opitz von Boberfeld.

Nico Dorn, 2002

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[70] Vgl. Sommer 1991, S. 109.

[71] Z. B. die an lateinischen Quantisierungsprinzipien anknüpfende Prosodie von Johann Clajus (Vgl. Wagenknecht 1971, S. 16–19).

[72] Vgl. Meid 1986, S. 5.

[73] Opitz 1991, S. 50.

[74] Vgl. Meid 1986, S. 21.

[75] Goethe 1991, S. 425 u. 426.

[76] Opitz 1991, S. 11.

[77] Vgl. Alewyn 1962, S. 46f. Die zitierten Alexandriner aus dem Aristarchus bilden im Übrigen eine angenehme Ausnahme.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

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