
[8. März 2006]
Anstelle einer klassischen Schlussbetrachtung möchte ich meine kurze Darstellung der Rezeptionsgeschichte Schillers noch einmal in der Form einer thesenhaften Zuspitzung Revue passieren lassen.
Extraoperale[119] Rezeption im 19. Jahrhundert. Die Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts zeichnete sich durch die Auswahl eingängiger Sentenzen und ihre Loslösung aus dem Werkkontext aus. Adaptiert wurde ein solcher, in leicht verdauliche Häppchen gestückter Schiller in Deutschland einerseits im Zusammenhang mit nationalen Einheitsbestrebungen und andererseits auf dem Boden einer bürgerlichen Moralvorstellung. Die werkferne Aufnahme und die simplifizierte Anwendung von schillerschen Sentenzen wie auch der durchgängig hohe, pathetische Stil des Dichters forderten bereits früh Kritik heraus. Extraoperal ist diese Form der Rezeption deshalb, weil sie Aussprüche aus Schillers Werk herauslöst und in neue Zusammenhänge stellt. Dies ist deswegen möglich, weil Schiller das einzigartige Vermögen hatte, etwas knapp und eingängig auf den Punkt zu bringen. Sein spezifischer sprachlicher Stil liegt dieser Rezeptionsart folglich zugrunde.
Superoperale Rezeption Anfang des 20. Jahrhunderts. Die besondere Begabung Schillers, komplexe Sachverhalte sprachliche zu komprimieren, wendete sich auch im 20. Jahrhundert dialektisch gegen ihn. Denn die allzu knappe Form, die auf den ersten Blick überaus treffend wirkt, ermöglicht es dem Interpreten, freischwebend über Werk und Dichter zu philosophieren, weil die Kürze es eben doch nicht immer trifft, sondern mannigfache Leerstellen eröffnet. Dies führte sowohl zu der in Kap. 3 beschriebenen Monumentalisierung von Dichter und Werk als auch zu einer Enthistorisierung von Schillers Schaffen. Eine Form der Deutung, die in der Zeit des Nationalsozialismus einen traurigen Höhepunkt erreichte. Im Rückblick auf diese Zeit lässt sich also eine Entkoppelung von Werk und Person konstatieren. Obgleich Aspekte der Rezeption des 19. Jahrhunderts immer noch vorhanden sind (beispielsweise Instrumentalisierung für werkferne politische Absichten), möchte ich diese Rezeptionsweise superoperal nennen: Sie schwebt über dem Werk, gleichsam schwerelos; der Halt, den die Werkfragmente dem Rezipienten im 19. Jahrhundert noch boten, gibt es nicht mehr.
Exoperale Rezeption nach 1945. Zeichenhaft für diese Weise der Rezeption sind Theaterinszenierungen nach
Schiller, die unter dem Namen Regietheater
firmieren. Zwar findet eine Rückbesinnung auf das eigentliche sprachliche Material in Schillers Dramen statt. Doch fungiert dieses Originalmaterial oftmals nur als Basis, auf der man relativ beliebig gewählte Signifikate drapieren kann. Exoperal nenne ich diese Lesart, weil sie vom Werk ausgeht, aber nicht in seinem Umfeld bleibt. Das Sprachmaterial ist dieser ikonoklastischen Vorgehensweise ein Ausgangs-, aber kein Ruhepunkt. Die Kategorie exoperale Rezeption ist allerdings besonders problematisch. Denn auf die germanistische Forschung zu Schillers Werk lässt sie sich zum Beispiel nicht anwenden. Darum gilt für diese letzte begriffliche Fassung von mir noch mehr als für die beiden vorhergehenden, dass sie aus der Konzentration auf bestimmte Aspekte der Rezeption entstanden ist. Meine Begriffe verweisen meines Erachtens zwar auf feststellbare allgemeine Tendenzen in der Rezeption; ihre Gesamtheit vermögen sie jedoch in keinem Fall zu umschreiben.
Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass es vor allem Schillers Sprache gewesen ist, die den Angelpunkt einer jeden Rezeptionsform bildete. Sie ist das Material von dem eigene Assoziationen ihren Ausgang nehmen; sie eröffnet die Leerstellen, die die extravagantesten enthistorisierenden Deutungen zulassen; sie ist der Stoff, der rezitiert und auf neue Zusammenhänge appliziert werden kann. Schon Thomas Mann rief entzückt aus: Schillers Sprache! Es käme ihr eine eigene Betrachtung und eingehende Studie zu, angefangen mit seinen hochpointierten Schlüssen
[120]. Das immer wieder verwundernde des Ausdrucks und die sprachliche Massierung in seinen Werken ist immer noch das, was auch zeitgenössische Autoren an Schiller besonders interessiert. Elfriede Jelinek zeigt sich in einem Essay von der Sprech-Wut der Personen
[121] in Schillers Dramen, von den bis zum Bersten vollen Textkörper[n] der beiden Großen Frauen
[122] in Maria Stuart begeistert. Die Dramen Schillers wirken auf sie wie ein fortwährendes Sprechen, das auch das Schweigen noch vertonen müsse. Vielleicht verweist dieses Interesse Jelineks darauf, dass auch in Zukunft vor allem die Art, wie Schiller in seinen Werken Sprache verarbeitete, im Fokus der Rezeption stehen wird.
Nico Dorn, 2006
[119] Die Neologismen stammen von mir. Für alle diejenigen, die des Lateinischen nicht mächtig sind: operal
habe ich abgeleitet von lat. opus, das (Kunst-)Werk
. Die präfigierten Präpositionen verweisen auf die jeweilige Form des Umgangs mit Schillers Werktext.
[120] Zit. n. Oellers 1976: S. 395.
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