
[8. März 2006]
Wo hoher Ton ist, ist die Parodie nicht weit. Parodistische Umdichtungen schillerscher Werke gab es bereits früh. Dass die Haltung der Familie Schlegel gegenüber Schiller persönlich[28] und auch mitunter gegenüber seinem Werk mitunter durchaus kritisch war, habe ich oben schon gezeigt. Die von Caroline Schlegel getadelten Humboldeschen Weiblichkeiten
[29] in Schillers Musenalmanach sind eine Anspielung auf Schillers Gedicht Würde der Frauen, das in dem Almanach, über den Schlegel sich mokiert, abgedruckt war.[30] Anhand der folgenden Parodie auf das Gedicht wird deutlich, warum sich Schillers Werke so gut dazu eigneten, persifliert zu werden. Zunächst der Text Schillers:
“Würde der Frauen
Ehret die Frauen! Sie flechten und webenHimmlische Rosen ins irrdische Leben,Flechten der Liebe beglückendes Band.Sicher in ihren bewahrenden HändenRuht, was die Männer mit Leichtsinn verschwenden,Ruhet der Menschheit geheiligtes Pfand.
Ewig aus der Wahrheit SchrankenSchweift des Mannes wilde Kraft,Und die irren Tritte wankenAuf dem Meer der Leidenschaft.Gierig greift er in die Ferne,Nimmer wird sein Herz gestillt,Rastlos durch entlegne SterneJagt er seines Traumes Bild.
Und nun die Parodie von August Wilhelm Schlegel, die in seinem Nachlass entdeckt und 1846 zum ersten Mal gedruckt wurde:[31]
“Schillers Lob der Frauen
Parodie.Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,Flicken zerrißene Pantalons aus;Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,Halten mit mäßigem Wochengeld haus.
Doch der Mann, der tölpelhafteFind’t am Zarten nicht Geschmack.Zum gegohrnen GerstensafteRaucht er immerfort Taback;Brummt, wie Bären an der Kette,Knufft die Kinder spat und fruhUnd dem Weibchen, nachts im Bette,Kehrt er gleich den Rücken zu. u.s.w.[32]
Schlegels Parodie ist eine Eins-zu-eins-Nachbildung der Struktur des Gedichts von Schiller. Sowohl die Reime als auch das Versmaß werden beibehalten. Den Schwere, Erhabenheit und Würde symbolisierenden Daktylen aus der ersten Strophe stehen die beweglicheren und dadurch auch leichter und beschwingter wirkenden Trochäen der zweiten Strophe gegenüber. Inhaltlich bleibt auch in der Parodie die erste Strophe dem weiblichen und die zweite dem männlichen Part vorbehalten. Die Parodie ergibt sich aus der Kontrastierung dieser elaborierten Struktur und dem großen inhaltlichen Anliegen (Ehret die Frauen!
) des Originaltextes mit der grobschlächtigen Wirklichkeit. Schlegel übernimmt beispielsweise das Bild der Handarbeit, das bei Schiller metaphorisch gebraucht wird, und überführt es in seinen eigentlichen Bedeutungsbereich. Analog wird das hochfliegende Streben des Mannes im Gedicht von Schiller (Jagt er seines Traumes Bild
) zu einer geschmacklosen Sauftour, an deren Ende ein übel gelaunter, gewalttätiger und liebloser Kerl steht. Der hohe Ton und das große Anliegen Schillers werden mit dem Boden der Tatsachen
konfrontiert. Dieser krasse Gegensatz macht die Parodie.[33] Und weil sich solche Gegensätze in Schillers Werk permanent finden, weil Schiller nahezu immer den höchstmöglichen Ton wählte[34] – auch während der Deklamation seiner eigenen Texte, was schon seine Zeitgenossen konsternierte[35] –, eignet sich sein Werk so gut zur Parodie.
In Anbetracht all dessen kann man sagen, dass sich Schillers Art zu schreiben, (zumindest partiell) gegen ihn kehrte. Der oftmals hohe Ton seiner Dichtung, bot Anlass zur Parodie (Caroline Schlegel 1799 über die Glocke: Die ließe sich herrlich parodiren
[36]). Und die Möglichkeit, sinnvolle Sprüche aus seinen Texten zu exzerpieren, leistete der Anwendung auf beliebige außerliterarische Gegenstände Vorschub. Der Hinweis von Rolf-Peter Janz, dass eine Parodie nicht unbedingt das Werk Schillers, sondern vielleicht auch die Art der Rezeption zu treffen beabsichtigt, scheint mir in diesem Zusammenhang durchaus bedenkenswert.[37] Denn die außerordentliche sprachliche Fähigkeit, knappe und eingängige Sentenzen zu finden, ermöglichte die Zerstückelung von Schillers Werktexten. Diese Zerstückelung führte schließlich dazu, kleinste Exzerpte seiner Dichtung für Bestrebungen zu instrumentalisieren, die sich aus dem Text nicht ohne weiteres ergeben – wenn man ihn denn im Werkkontext betrachtet. Die Möglichkeit, Textschnipsel zu exzerpieren, dürfte wiederum ein wesentlicher Anreiz im Prozess der Klassikerwerdung Schillers gewesen sein, konnte sein Werk doch mithilfe dieses Verfahrens immer wieder aktualisiert werden. Eine Parodie kann also auch gegen solche Zerlegungen und Nutzanwendungen gerichtet sein; nicht nur gegen das Original. Interessanterweise finden sich auch unter Schillers Zeitgenossen schon Vorwürfe, Schiller sei für diese Applikation seiner Texte mitverantwortlich. Und zwar durch seinen spezifischen, populistischen Stil, Dramen zu schreiben. Das zumindest moniert Ludwig Tieck: […] diese Monologe, Schilderungen und lyrischen Ergüsse
würden zu einer isolierten Deklamation
nachgerade auffordern.[38] Ganz gleich, wie es dazu kam. Die Tatsache, dass eine isolierte Deklamation
feststellbar ist, kann willkommener Anlass für eine Parodie sein.
[28] Caroline Schlegel äußerte sich pikiert, nachdem sie einige der Xenien von Goethe und Schiller gelesen hatte: Ich kan Dir sagen, daß mir das Ding [die Xenien] immer weniger gefällt, und ich Schiller (ganz unter uns) seitdem nicht gut bin, denn das glaub, fünf Sechstel [der beleidigenden Epigramme] rühren von ihm her, und nur die lustigen und unbeleidigendern von Göthe.
(Schlegel 1923: S. 133) Verstimmungen gab es im darauf folgenden Jahr auch von Schillers Seite. Schiller beschwerte sich heftig über die harte Kritik, die Friedrich Schlegel gegenüber seinen Horen geübt hatte. Er habe den Umgang mit August Wilhelm Schlegel aufgekündigt, da er nicht zugleich der Freund Ihres Hauses und der Gegenstand von den Insulten Ihres Bruders seyn könne.
(Zit. n. Schlegel 1923: S. 141, Fußnote 1)
[30] Wilhelm von Humboldt hatte zwei Aufsätze über den Geschlechtsunterschied
geschrieben (vgl. Schlegel 1923: S. 126, Fußnote 3).
[31] Entstanden ist der Text wohl schon zur Zeit des Xenien-Kampfes
(vgl. Seidel 2005: S. 599).
[32] Beide Texte zit. n. Janz 1996: S. 190–191.
[33] Schillers Gedicht sollte man meines Erachtens nicht per se frauenfeindlich interpretieren, schließlich erhöht es ihr Tun beträchtlich. Da es aber Geschlechterstereotype zu zementieren scheint, ist es verständlich, warum Schlegel dem Text kritisch gegenüberstand.
[34] Es gibt natürlich Ausnahmen. So ist das familiäre Gespräch in der ersten Szene von Kabale und Liebe dem sozialen Umfeld weitgehend angemessen, wenngleich Schiller auch hier keine natürliche Sprache findet wie Goethe in seinem Götz von Berlichingen.
[35] Vgl. z. B. Safranski 2004: S. 146 über Schillers Lesung seines in Entstehung begriffenen Fiesko.
[37] Vgl. Janz 1996: S. 193.
[38] Zit. n. Gerhard 1998: S. 758.
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