
[8. März 2006]
Ein Beispiel für die Instrumentalisierung, sprich: Nutzanwendung der Dichtung Schillers, wie sie sich auch in den oben (Kap. 1) erwähnten Sentenzensammlungen niederschlug, sind die größten Feierlichkeiten, die Schiller bis heute zuteil wurden: die zu seinem hundertsten Geburtstag von 1859. In mindestens 440 deutschen und 50 ausländischen Städten wurden Festprogramme zu Ehren des 1749 geborenen Dichters organisiert. In einigen kam es zu nachgerade riesigen Festumzügen: 40–50.000 Menschen in Berlin, 17.000 in Hamburg, 10.000 in Leipzig… Symptomatisch für die im vorhergehenden Kapitel beschriebene Art der Rezeption des dichterischen Werks ist, dass der enthusiasmierte Festbesucher auch adäquate Devotionalien erstehen konnte: Schiller-Tassen, Schiller-Zigaretten, Schiller-Seifen… Möglichkeiten, sich der Präsenz des Dichters überall zu erfreuen.
Gegenüber den von großem Pathos getragenen Feierlichkeiten verhielten sich die staatlichen Behörden allerdings reserviert. Warum? Nun, weil die Umzüge einen gesellschaftspolitischen Charakter anzunehmen drohten. Und diesen hatten sie letztlich auch: Hinter der Geburtstagsfeier stand der auf einer breiten Basis fußende Versuch, Schiller als deutschen Nationaldichter zu instrumentalisieren und ihn zu einem Genius zu stilisieren, der die nationale Einheit Deutschlands vorgedacht habe. Die skurrilen Details, die im Schlepptau dieser Feierlichkeiten auftauchten, verweisen, wenn man die politische Bedeutung der Feier berücksichtigt, auf eine ernst zu nehmende Funktion, die die Omnipräsenz von Schiller, gedacht als Avantgardisten einer nationalen Einheitsbestrebung, übernahm. Ute Gerhard spricht von der Möglichkeit einer notwendigen neuen kulturellen Integration der sich im neunzehnten Jahrhundert weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft
[39], die durch ein solches kulturelles Verhalten gegeben wird. Das integrative Moment der steten Bezugnahme auf Schillers Dichtung und Person besteht also nicht nur auf einer makropolitischen Ebene: dem Wunsch, staatliche Einheit zu erlangen. Auch sozialpolitisch wird versucht eine gesellschaftliche Einigung zu befördern, indem jedermann ein und denselben Bezugspunkt hat. Schillers Sprache wird zu einer gemeinsamen, allgemeingültigen Sprache. Schillers Denken wird zu einem gemeinsamen, allgemeingültigen Denken.
Abb. 1: Die Grenzen des Deutschen Bundes
von 1815 [Quelle]
Um die Aspirationen national gesinnter bürgerlicher Kreise besser zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, wie die politische Situation 1859 in Deutschland aussah. Nach den so genannten Befreiungskriegen, die die napoleonische Ära in Europa 1815 beendeten, stellte sich die Frage, wie dieses territorial und politisch durcheinandergewürfelte Europa neu geordnet werden sollte. Infolge der Beschlüsse des Wiener Kongresses wurden die deutschen Staaten 1815 im Deutschen Bund zusammengefasst. Dieser Bund besaß sogar eine zentrale politische Institution: der Bundestag in Frankfurt unter Vorsitz Österreichs. Wichtig ist aber (1.), dass es sich bei dem Bundestag nicht um eine Volksvertretung handelte. Der Bund konnte zwar in die politischen Belange der deutschen Einzelstaaten eingreifen, diese blieben aber weitestgehend souverän. Ferner gehörten (2.) nicht alle deutschen Staaten mit ihrem gesamten Territorium dem Deutschen Bund an: im Falle Preußens West- und Ostpreußen sowie Posen, im Falle Österreichs Ungarn, Galizien usw. Schließlich zählten (3.) zu den 35 Fürsten, die dem Bund angehörten, auch die Könige von Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden. Dass der Deutsche Bund politisch höchst uneinheitlich war, dürfte in Anbetracht dieser Konfiguration nicht weiter verwundern. In den Einzelstaaten des Bundes herrschten weiterhin Fürsten, die zwar in einigen Fällen am Anfang der Restaurationszeit Verfassungsversprechen äußerten, diese aber oft nicht einhielten. Das sich allmählich emanzipierende Bürgertum erhielt somit keinen Zugang zur politischen Macht in den Einzelstaaten. Ganz im Gegenteil kam es zu massiven Einschränkungen der Pressefreiheit (1819 Karlsbader Beschlüsse) und einer verschärften Unterdrückung nationalstaatlicher Bestrebungen, wie sie zum Beispiel während des Hambacher Fests von 1832 lautstark geäußert wurden. Die Märzrevolution von 1848, die eine reelle Chance auf eine weiterführende Einigung, ja vielleicht gar Einheit der deutschen Staaten eröffnete, scheiterte: Im März 1849 lehnte Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, die ihm angetragene Kaiserwürde ab; Begründung: an ihr hafte der Ludergeruch der Revolution
. Im Juni desselben Jahres wird das Stuttgarter Rumpfparlament mit militärischer Gewalt gesprengt. Der mittlerweile festverwurzelte Wunsch nach nationaler Einheit, besteht im Bürgertum allerdings fort.
Dieser Wunsch wurde im Rahmen der Schillerfeiern von 1859 erneut deutlich vernehmbar geäußert. Um diese politische Haltung zu verdeutlichen, möchte ich ein Gedicht von Wilhelm Raabe zitierten, das dieser anlässlich der Schillerfeiern in Wolfenbüttel (bei Braunschweig) schrieb:
“Zum Schillerfest
I
Die Zeit ist schwer! Dumpf grollt des Volkes Klagen:Will nie der Morgen ob den Wassern tagen?Die Zeit ist schwer! Wann kommt der Strahl der Sonnen?Wann haben wir den neuen Tag gewonnen?
Die Zeit ist schwer! In Millionen HerzenBewegt sich neu das alte Wort der Schmerzen:O Vaterland – so klingt es fort beständig –,Nicht tot bist du und bist doch nicht lebendig!
Wird nie ein Retter kommen diesem Lande?Wird kein Befreier lösen unsre Bande?Wird der Messias nie erscheinen in der Welt?Wird nie der Baum blühn auf dem Walserfeld?
So geht es um in aller Städte Mauern,In Wald und Feld, bei Bürgern und bei Bauern,Bei reich und arm, bei Männern und bei Frauen –Tiefinnre Hoffnung und geheimstes Grauen!
Schwer ist die Zeit, doch hat sie gute Zeichen;Es will die Nacht dem lichten Morgen weichen.Nicht stets gehört die Zeit den Neidern und den Hassern,Denn Gottes Geist, der schwebt ja auf den Wassern!
II
Es galt in unserm Volk einst diese Sitte:Ward in Gefahr ein Fürst gewählet in der MitteDer Besten, hob man ihn laut jauchzend auf den SchildUnd zeigte so in ihm dem Volk des Volkes Bild.
Und so auch jetzt! In diesen bösen TagenWard neu die Art der alten Heldensagen:Der Freiheit Sänger auf den Schild gehoben,Wie hält das Vaterland so hoch, so stolz ihn droben!
Um einen Führer scharen sich die Stämme,Die Schranken fallen ein, gebrochen sind die Dämme;Der Franken Herz, das Herz der Schwaben, Bayern, Sachsen,Zum Herz des Vaterlands in ihm zusammenwachsen!
Das Deutsche Reich, so ist’s noch nicht verloren,Der Deutschen König ist aufs neue so erkoren,Des Geistes Reich aufs neue fest gegründet,Des Geistes Volk zum Kampf und Sieg verbündet!
Schwer ist die Zeit, doch gut sind ihre Zeichen,Wohl muß die Nacht dem Licht der Sonne weichen!Nicht mehr gehört die Welt den Neidern und den Hassern,Ja, Gottes Geist schwebt immer auf den Wassern!
Die Glocken hallen und die Banner wehenDem großen Feste, das wir heut begehen!Die Herzen schlagen und die Augen glänzenDem stolzen Bilde, das wir heut bekränzenAm Krönungstag des Geists, in Tat, in Wort, in Liedern –Ein einig einzig Volk, ein einzig Volk von Brüdern![40]
Das Gedicht kann interessanterweise nicht nur als Laudatio anlässlich des gefeierten Dichtergeburtstags gelesen werden. Vielmehr schlägt sich in ihm auch ein Bezug auf die aktuellen politischen Umstände nieder. Und diese Umstände werden negativ bewertet: Die Zeit ist schwer!
Von diesen als Pein erlebten schweren Zeiten wird Erlösung erhofft. In der dritten Strophe wird, ein wenig versteckt und mittelbar, auf Schiller selbst Bezug genommen, und zwar – was könnte besser passen? – auf seinen Wilhelm Tell, der, nicht zu Unrecht, als Freiheitsdrama verstanden wird. Zum einen ist die einleitende Frage Wird nie ein Retter kommen diesem Lande?
ein freies Zitat aus dem Schauspiel Schillers. Am Ende der ersten Szene des ersten Akts ruft der Fischer Ruodi aus:
“Gerechtigkeit des Himmels!Wann wird der Retter kommen diesem Lande?
Zum anderen verweist das erwähnte Walserfeld
auf die Schweiz als Region und somit auch auf den im Wilhelm Tell dargestellten Freiheitskampf der Schweizer (Walser
heißt die aus dem schweizerischen Oberwallis stammende, Alemannisch sprechende Bevölkerung). Der Messias
, nach dem hier fragend gesucht wird, ist allerdings nicht die Figur Wilhelm Tells, sondern natürlich Schiller, dessen Person folglich mit der Figur des Freiheitskämpfers aus seinem Drama in eins gesetzt wird. Ferner verweist das Schlagwort Messias
auf die Divinität, die im letzten Vers der fünften Strophe wieder erscheint. Das Bild evoziert den beginnenden Akt der Schöpfung, wie er in Gen. 1,2 (und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser
) dargestellt wird. Hier steht es allerdings für die dichterische Schöpfung, das dichterische Schaffen Friedrich Schillers. So rückt in Raabes Gedicht die Person des Dichters als auch ihr poetisches Schaffen in einen über das gewöhnliche Sein erhabenen Kontext. Der Dichter wird zu einem Gesandten Gottes transformiert, der die Fähigkeit besitzt, eine neue Offenbarung zu spenden. Seine dichterische Schöpfung verwandelt sich dabei in eine staatspolitische. Denn ein freiheitliches, national-begeistertes Pathos durchweht den ganzen zweiten Teil des Gedichts und kulminiert in einer Apostrophe an das geknechtete Volk: Ein einig einzig Volk, ein einzig Volk von Brüdern!
, eine starke Anlehnung an den Rütli-Schwur im Tell.[41]
Darüber hinaus ist im Text eine nachgerade demokratische Grundeinstellung enthalten. Denn betont wird nicht nur, dass man einen neuen Primus suche, sondern auch, dass er – in gut mittelalterlicher Tradition (das deutsche Königtum war, zumindest in der Theorie, immer ein Wahlkönigtum) – vom Volk bestimmt wird. Dieser so erhobene neue Primus würde als Repräsentant derjenigen fungieren, die ihn erhoben haben, und zeigte so in ihm dem Volk des Volkes Bild.
Dieser Umstand wird offenbar nicht nur hervorgehoben, um den Akt der Dichtererhebung, der in der folgenden Strophe Thema ist, mit einer langen Tradition zu vergleichen. Dadurch, dass eine solche Kür als etwas beschrieben wird, das einst […] Sitte
war, transportiert diese Aussage zugleich die Feststellung, dass die erinnerte Tradition verloren gegangen ist. Somit liegt hier ein Fall impliziter Fürstenkritik vor; Kritik an den derzeitigen Herrschern, die dem Volk nicht mehr des Volkes Bild
zeigen. Diese, im Grunde vakante Herrschaft wird nun symbolisch durch den frei gewählten Repräsentanten des Volkes, den einen Führer
, um den sich alle sammeln, also Schiller, neu besetzt. Die Dichterkrönung mutiert zu einer Herrscherkrönung (Der Deutschen König ist aufs neue so erkoren
). Seine Würde aber erhält er dadurch, dass er der Freiheit Sänger
ist. Schiller wird mithin als avantgardistischer Präzeptor (praeceptor, qui praecepit; der Lehrer, der es vorweggenommen hat) der nationalen Bewegung gedeutet. Er ist das Herz des Vaterlandes
, um das sich alle Gleichgesinnten sammeln.
Dieses Beispiel erhellt, wie die Feierlichkeiten 1859 (1.) als Moment der Kompensation für eine 1848 nicht erlangte nationale Einheit fungierten. Klar wird auch, dass in ihnen (2.) der Versuch unternommen wird, die bürgerlichen Kräfte Deutschlands noch einmal zu bündeln, um einen erneuten Anlauf auf dem Weg zur staatlichen Einheit zu unternehmen.[42] Und diese den Feiern zu Schillers hundertsten Geburtstag zugrunde liegenden Absichten ließen sie aus Sicht der staatlichen Behörden so gefährlich erscheinen. Zugleich lässt sich sagen, dass im Zuge der Feiern keine kritische Rezeption von Werk und Person stattgefunden hat. Man knüpfte vielmehr an die fragmentarische Rezeption an, über die ich bereits oben (Kap. 1) geschrieben habe. Schiller wurde werkfern für aktuelle politische Absichten instrumentalisiert. Indem man ihn in einen Praeceptor Germaniae verwandelte, wird seine Person zum Klassiker. Aus diesem Grund trifft es vollkommen zu, wenn Dorothee Rösenberg feststellt:
“In Deutschland hat die nationale Mythisierung der Klassiker die politische Einheit mitgestaltet. Auf sie können sich auch so verschiedene Länder wie Preußen, Sachsen und Bayern einigen.[43]
Man kann demnach Coetzees oben zitiertes Diktum The classic defines itself by surviving
[44] erweitern und sagen: The classic defines itself by surviving and by its political impact at some future date.
Eine politisch-nationale Adaption der Dichtung Schillers ist im 19. Jahrhundert nicht nur in Deutschland zu beobachten. Unter anderen Vorzeichen, aber trotzdem ähnlich, nur chromatisch verschoben, lassen sich solche Rezeptionslinien auch in anderen europäischen Ländern nachweisen. So in Polen, das nach den drei Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts (1772, 1793, 1795) territorial nicht mehr existent war und nach 1815 nur als unselbständiger Vasall Russlands vegetierte; so in den Ländern Südosteuropas, in denen das Streben nach nationaler Selbständigkeit in dieser Zeit entsteht; so im Italien des Risorgimento, also in der Zeit, in der um die Herstellung nationaler Einheit gerungen wurde (ca. 1815–1870). Die Opern Rossinis (Guillaume Tell, 1829) und Verdis (Giovanna d’Arco, 1845; I masnadieri [Die Räuber], 1847; Luisa Miller, 1849; Don Carlo, 1867) haben für die gesamteuropäische Kultur in diesem Zusammenhang wohl die größten Auswirkungen.
[41] Dieser beginnt mit den Worten: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern
(II, 2).
[42] Hofmann 2005: S. 564 vermutet gar, dass die Feiern als Ersatz für eine reale politische Aktion
dienten, die aufgestellten Forderungen mithin nicht in besonderem Maße auf Verwirklichung drängten.
[43] Rösenberg 1998: S. 174; so auch Voßkamp 1998: S. 263.
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