
[8. März 2006]
Nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 und nach der Fundamentalkritik Nietzsches an Schiller, lässt sich eine Veränderung in der Rezeption des Klassikers beobachten: Monumentalisierung und Enthistorisierung
[45]. Nietzsche hatte Schiller in seinen 1888 erschienenen Streifzügen eines Unzeitgemäßen in das Panorama seiner Unmöglichen
eingereiht. Und zwar als Moral-Trompeter von Säckingen
. In dieser Sottise Nietzsches bündeln sich die Traditionsstränge, die ich oben bereits aufzuzeigen versuchte. Einerseits liegt hier, bis zu einem gewissen Grad, eine Parodie vor. Parodie ist Nietzsches Sentenz deshalb, weil das große moralische Anliegen Schillers mit dem durch und durch unpathetischen Boden der Tatsachen
konfrontiert wird – vergleichbar mit der Parodie Schlegels auf Schillers Würde der Frauen. Andererseits wendet sich Nietzsche gegen die populäre Rezeption Schillers als Moralisten, wenn er das Versepos von Viktor von Scheffel (Der Trompeter von Säckingen, 1854) herbeizitiert. Dieser von Scheffel eigentlich nicht ernst gemeinte Versroman wurde nach der Deutschen Reichsgründung zu einem der beliebtesten Werke der Zeit. Vielleicht gerade deswegen, weil es die gedankliche Flucht in eine positive, wenn auch rau daherkommende Welt ermöglichte, die sich aus Saufgelagen und erfülltem Liebesglück zusammensetzt. In Verbindung mit dem großen, auch technologischen Neuerungsschub, den Deutschland in dieser Zeit erlebte, sind wohl die kontrastiv-komplementären Ängste, die jede Modernisierung in sozialen Systemen hervorruft, wachgerüttelt worden. Dass die bürgerliche Welt dieser Zeit moralischen Halt in einer seichten, literarisch minderwertigen Epigonie (Scheffel lehnte sich an Heines Atta Troll an) suchte, mag für Nietzsche der Anlass gewesen sein, dem Werk Scheffels reserviert gegenüberzustehen. Die bereits oben in Kap. 2 beschriebenen Vereinnahmungsversuche des Dichters und seines Werks für zeitgenössische moralische und politische Überzeugungen mag dann zu der Sottise vom Moral-Trompeter
geführt haben. Hofmann gibt einen anderen Grund an. Er spricht von einer Konkurrenzsituation
[46], die zwischen beiden Autoren, Nietzsche und Schiller, bestanden habe. So sei Nietzsches Diktum, dass nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Welt gerechtfertigt ist
, eine radikalisierende Weiterentwicklung von Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung
[47] gewesen.
1905 war wieder ein Jubiläumsjahr: Schillers 100. Todestag. Die Feierlichkeiten zu Ehren des Dichters waren allerdings nur noch ein matter Abglanz derjenigen von 1859. Dennoch fällt auf, dass in dieser Zeit die Person Schillers in der Wahrnehmung der Rezipienten oftmals in eine Monumentalgestalt transformiert wurde. Ein Grund dafür, dass man sich auch in Festreden, vor allem auf die Person Schillers und, zum Beispiel, auf ihre Beziehung zu Goethe konzentrierte, und somit zugleich das eigentliche Werk vernachlässigte, mag die veränderte Poetik der Zeit gewesen sein. Ein Vorwurf, der Schiller oft gemacht wurde, war, dass die Personen in seinen Dramen eher blass blieben und ihr Handeln nur wenig motiviert sei.[48] Bestrebungen, Schauspiele weltnah zu gestalten, wie es sie spätestens seit Georg Büchner gab (vgl. Kap. 1), hatten seit Ende des 19. Jahrhunderts eine neue poetische Schule entstehen lassen: den Naturalismus. Könnte man die Motivation von Dramenfiguren mithilfe einer Skala messen, würde Schiller gegenüber Hauptmann und Ibsen tatsächlich schlecht abschneiden. Darum vielleicht die starke Fokussierung auf die Person.
Symbolisch für diesen erneuten Transformationsvorgang kann ein seltsam humorloses Gedicht von Wilhelm Busch stehen, das anlässlich des Jubiläums von 1905 entstanden ist:
“Schiller
Früh starb er. Seine kargen Zeitgenossen,Sie hatten ihn, den Kranken, schlecht gepflegt.Doch was in ihm, dem tiefsten Grund entsprossen,Zum Lichte strebend, mächtig sich geregt,Er hat’s in Formen höchster Kunst gegossenUnd seinem Volke dauernd eingeprägt.So schreitet nun, gesegnet und bewundert,Sein Genius von Jahrhundert zu Jahrhundert.[49]
Schiller wird, der Gattung des Lobgedichts durchaus entsprechend, in entrückte Sphären erhoben. Trotz der Widrigkeiten der Zeit (Seine kargen Zeitgenossen, / Sie hatten ihn […] schlecht gepflegt
) habe er es vermocht, seine Kräfte so zu bündeln, dass er das Höchste erreichen konnte. Im Bild vom Zum Lichte strebend[en]
Dichter wird das Motiv der geistigen Erleuchtung auf Schiller angewendet. Diese, auch im Kreuzreim der ersten sechs Verse gespiegelte, zwiespältige Einstellung der Zeitgenossen gegenüber Schiller löst sich im abschließenden Paarreim so auf, dass man das Gefühl bekommt, einer Apotheose beizuwohnen: Jetzt ist sein Werk zu etwas rein Geistigem, etwas Ideellem, etwas Göttlichem geworden, das sich bis in alle Ewigkeit fortzeugt. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass auch von Busch die nationale Lesart Schillers wieder aufgegriffen wird: seinem Volke
habe Schiller seine Kunst dauernd eingeprägt, und nicht, beispielsweise, allen Zeiten
.
In Thomas Manns Erzählung Schwere Stunde[50], die aus demselben Anlass wie das Gedicht von Busch entstand, findet sich ein ähnliches Schillerbild. Man könnte auf den ersten Blick meinen, dass Mann sich hier dem reinen Menschen Schiller nähert. Die kleine Erzählung ist aber wohl eher als eine Annäherung an den reinen Menschen Thomas Mann zu lesen. Das Bild des Dichters, das hier entworfen wird, ist auf jeden Fall interessant, deckt es sich doch mit Tendenzen der Rezeption, wie sie seit spätestens 1900 festzustellen sind, in mancherlei Hinsicht. Als eine Annäherung an den reinen Menschen Schiller könnte man Schwere Stunde insofern verstehen, als Thomas Mann ihn am Anfang der Erzählung (hier liegt übrigens eine Parallele zu Busch vor) als kranken, leidenden Mann charakterisiert. Die Dürftigkeit seines Zimmers
korrespondiert mit der Abgezehrtheit seiner körperlichen Konstitution. Die dargestellten Leiden sind aber nicht nur körperlicher Natur, sondern auch Schriftstellernöten
– nicht à la Heine, sondern im Sinne einer Schreibblockade. Das gerade im Schaffen begriffene Werk, die furchtbare Aufgabe
, bedrängt ihn nicht nur, sondern wird auch an etwas Metaphysisches gekoppelt, es ist eine unglückselige und der Verzweiflung geweihte Empfängnis
. Schiller, der krankende, durch Leiden bedrängte Mensch von dieser Welt, wird durch das Wort Empfängnis
an eine transzendente Entität gekoppelt. Mann verleiht dem Dichterkollegen die Physiognomie eines Messias. Allerdings mündet auch diese literarische Gestaltung Schillers in ein überschwängliches Lob auf den Dichter, auf seine Erhabenheit, im Dienste von irgend etwas Hohem
, auf seine geistige Verpflichtung und seinen inneren Zwang:
“Die Ausschweifungen seines Jugendmutes, die durchwachten Nächte, die Tage in tabakrauchiger Stubenluft, übergeistig und des Leibes uneingedenk, die Rauschmittel, mit denen er sich zur Arbeit gestachelt – das rächte, rächte sich jetzt! […] Er hatte gelebt, wie er leben mußte […].
Diesem Muss kann Schiller schließlich folgen: Nach seiner schweren Stunde
vermag er es, neue Werke […] in heiliger Form
zu schreiben. Die so beschriebene Erhabenheit wird mit fundamentalen Ichzweifeln, die ihn plagen, kontrastiert. Die Frage nach der Geltung des Werks wird zu einer Frage nach der Geltung der eigenen Person, besonders wenn er bedenkt, dass der dort, in Weimar
(i. e. Goethe) auch noch da ist. Am Ende steht der Wille zum Schweren
, die Sendung
, die er erfüllen muss und kann.
Einen ähnlich göttlichen Schiller konzipiert Thomas Mann auch noch am Anfang seiner Schillerrede von 1955: […] dieser Geist war und ist die Apotheose der Kunst
[51], heißt es da; und sein Wesen
zeichne sich durch eine Großheit, generös, hochfliegend, flammend, emporreißend, weltallstrunken und menschheitlich-kulturpädagogisch, männlich in alldem aufs höchste
[52], aus. Das Monument Schiller scheint noch vollends erhalten. Der dichotomische Gedanke, dass Schiller zwischen zwei Polen schwankt – sowohl diesem hoch erhabenen als auch dem der Wirklichkeit, die sich in Schwere Stunde in der Gestalt des Leidens verkörpert – findet sich in der Schillerrede des Laudators auch wieder. Thomas Mann schreibt, es melde sich das Bedürfnis,
“dem himmelblau-idealistischen Nimbus, der seine Gestalt als konventionelle Glorie umgibt, denn doch ein etwas kräftiges Kolorit zu geben, ihm den Farbton von Realismus beizumischen, der zum Wesen seiner Größe gehört.[53]
Man sieht an diesen Beispielen, denke ich, dass die Schiller-Rezeption des beginnenden 20. Jahrhunderts ziemlich frei über dem Werktext schwebt. Es scheint eine starke Bewegung gegeben zu haben, die ihren Blick vor allem auf die Person des Dichters warf und diese Person, begleitet von einer verehrenden Haltung, in höchstem Maße idealisierte. So pflegte man auch in der Schillerforschung eine idealistische Lesart Schillers, die durchaus erbauliche und den Leser ermahnende Aspekte in den Vordergrund rückte.[54] Eine Bemerkung des Darmstädter Schulmannes und Schillerbiographen Karl Berger zu den Räubern kann stellvertretend für diese neuidealistische Perspektive stehen:
“In der Beherrschung der Leidenschaften, nicht in ihrer wilden Entfesselung liegt die wahre sittliche Freiheit. […] Und weil Schiller zu dieser höheren Freiheitsidee durchdrang, darum blieb er ästhetisch nicht stecken in revolutionärer Anklage und Auflehnung, sondern konnte […] sein Drama zu einem ästhetisch, künstlerisch und sittlich befriedigenden Schluß führen.[55]
Als Nebeneffekt einer idealisierenden Haltung wie dieser sieht David Pugh, dass man sich in der Forschung immer weniger mit dem eigentlichen Werktext beschäftigte. Vielmehr versuchte man, der hinter ihm stehenden Idee nachzuspüren. […] a juggling with concepts replaces a close reading of the texts
[56] [das Jonglieren mit Konzepten ersetzt eine textnahe Interpretation]. Aber es finden sich in dieser Zeit offenbar auch noch Rezeptionsweisen, die den oben beschriebenen ähneln. So geißelt Bertolt Brecht die offenbar immer noch herrschende Zitierwut seiner Zeitgenossen, indem er Vorwürfe an der Rezeption Schillers aufgreift, die ich bereits in Kap. 1 vorgestellt habe:
“Das klassische Drama diente zur Bestätigung einer Welt, gegen die es entstanden war. Mit klassischen Versen verlobte man sich, erzog man seine Kinder, kannegießerte und kegelte man.Das ist das Los des Schönen auf der Erde, rief der Vollbart und zwickte die Kellnerin.[57]
Zu der Kritik an der Zerlegung des Werks tritt auch hier eine Kritik daran, dass man das Werk des Dichters zur Bestätigung seiner eigenen moralischen Vorstellungen verwendete: Es diente zur Bestätigung einer Welt, gegen die es entstanden war.
Zu dieser Zeit lassen sich allerdings auch ganz andere Ansätze der Schillerdeutung feststellen. Franz Mehring wirft in seiner Biographie Schiller. Ein Lebensbild für deutsche Arbeiter seinen Blick auf den Dichter aus einer sozialistischen Perspektive. Dazu passt, dass er den Marquis Posa aus dem Don Karlos als jenen flachen Phrasenhelden
[58] apostrophiert. Das sozialistische Tatkonzept, demgemäß es nicht darum gehe, die Welt auf je verschiedene Weise zu erklären, sondern sie zu verändern (Karl Marx), mag bei dieser Auslegung eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Dass die idealistisch gestimmte Bourgeoisie
den Marquis auch noch zu ihrem Helden wählte, musste ihm diese Figur endgültig suspekt werden lassen. Tatsächlich verschweigt Mehring die Probleme, die er als Marxist mit Schillers philosophischer Grundhaltung hat, nicht, ist doch der Idealismus Schillers diametral zu seiner materialistischen Weltanschauung.[59] Darum muss er im Vorwort der zweiten Auflage[60] seiner Biographie auch feststellen: Nicht als ob Schiller dem heranwachsenden Geschlecht der Arbeiterklasse ein zuverlässiger Führer auf allen Gebieten menschlicher Gesittung sein könnte!
Was Mehring jedoch als Vorbild des modernen Proletariats
akzeptieren kann, ist das Wesen dieses Geistes
. Die Wende hin zu einer idealistischen Schwärmerei lastet Mehring Schiller negativ an; den Ruf nach Freiheit, den Drang zum Widerstand gegenüber der Macht eines Tyrannen, wie er ihn vor allem im Leben des jungen Schiller verwirklicht sieht,[61] kann Vorbild sein: In dieser Hoheit der Gesinnung, die aus allem atmet, was er sprach und tat, ist Schiller vorbildlich für die heutige Arbeiterklasse und zumal für ihre Jugend.
Neben solchen sozialistischen Deutungsansätzen war seit Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem geistesgeschichtlich orientierte Forschung dominant. Bei diesem methodischen Ansatz geht es darum, das individuelle literarische Werk als Manifestation eines in der Zeit, Epoche, Nation usw. vorherrschenden Geistes, einer vorherrschenden Idee oder Grundhaltung zu lesen. Folglich wird das betrachtete Kunstwerk nicht mehr als etwas Einzigartiges aufgefasst, sondern als Symbol für die Zeit oder die Person genommen, die es hervorgebracht hat. Nicht Empirie und Analyse, sondern spekulative Synthesebildungen bestimmen die Forschung. Dieser Ansatz führte oftmals zu frei über dem Werk von Schiller schwebenden Theorien. Ein Fall, der in diesem Zusammenhang von besonderem Interesse ist, ist das Schiller-Buch von Herbert Cysarz, das 1934 veröffentlicht wurde.
[48] Vgl. Koepke 2005: S. 275.
[49] Zit. n. Oellers 1976: S. 480.
[50] In Mann o. J.: S. 216–225. Die Zitate aus Schwere Stunde weise ich im Folgenden nicht gesondert aus. Die Kürze der Erzählung dürfte es leicht machen, sie wieder aufzufinden.
[51] Zit. n. Oellers 1976: S. 390.
[52] Zit. n. ebd.: S. 391.
[53] Zit. n. ebd.: S. 392.
[54] Vgl. Pugh 2000: S. 58–59.
[55] Zit. n. ebd.: S. 59.
[57] Zit. n. Rösenberg 1998: S. 178.
[58] Zit. n. Pugh 2000: S. 62.
[59] Hofmann 2003: S. 185–186 stellt in Bezug auf Schillers Idealismus klar: Dessen Idealismus – so zeigt sich – wird in der Rezeptionsgeschichte im Guten wie im Schlechten permanent missverstanden, denn er artikuliert das Bedürfnis des Menschen nach dem Ideal in einer zerrissenen Welt und behauptet nicht die ideale Verfassung der Welt im Angesicht einer zersplitterten Moderne.
[60] In Oellers 1976: S. 158–162.
[61] Schiller, nach seiner Ausbildung an der Karlsschule Militärarzt in Stuttgart, wurde es vom absolutistischen und gewalttätigen württembergischen Herzog Karl Eugen, in dessen Diensten er stand, nicht gestattet, das Land zu verlassen. Als Schiller dies dennoch ohne Erlaubnis tat, erhielt er prompt 14 Tage Arrest. Da er inzwischen zu einem gefeierten Theaterautor geworden war – 1782 wurden Die Räuber in Mannheim uraufgeführt – und sich versprach, in diesem Metier sein Auskommen zu finden, entschloss er sich am 23. September 1782 zur Desertion (vgl. Safranski 2004: S. 121–141).
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