TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  2  3  4  5  |6|  7  8  9  10  11

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Tendenzen der Schillerrezeption des 19. Jahrhunderts
  2. 2 Die Schillerfeiern von 1859
  3. 3 Monumentalisierung und Enthistorisierung Anfang des 20. Jahrhunderts
  4. 4 Schiller im Nationalsozialismus
  5. 5 Schiller nach 1945
  6. 6 Thesenhafte Zuspitzung
  7. 7 Literatur
  8. 8 Bildnachweis

[8. März 2006]

4 Schiller im Nationalsozialismus

Herbert Cysarz gehörte, neben Gerhard Fricke, der eine andere Schule vertrat, zu den führenden Germanisten im Nationalsozialismus. Seine grundlegenden Ideen zum Werk Schillers entwickelte er allerdings schon in der Zeit der Weimarer Republik. In seiner Interpretation von Werk und Person wird Schiller zu einem gleichsam übermenschlichen Symbol seiner Zeit stilisiert. Mit pathetischer, expressionistischer Sprache, die allgegenwärtig ist, und weitestgehend auf Kategorien verzichtet, die analytisch zugänglich sind, stellt Cysarz den Dichter in seiner Lesart Schiller aus dem Jahre 1934 dar. Ein Beispiel, das den Duktus von Cysarz verdeutlichen soll:

Wer Schiller fassen will, muß ein Jahrtausend umfassen. In mancher deutschen Dichtung liegt ein reicheres, in keiner ein größeres Deutschland enthalten. Von keinem Punkt ist unser ganzes Geschick, ist die Gesamtentwicklung unserer Literatur geschlossener zu überschauen.
[…] An der Drei-Länder-Ecke von Kunst, Philosophie und Religion ragt einer der kühnsten Leuchttürme, die die christliche Menschheit erblickt hat. Nie haben flammendere Garben ins Tiefste des Menschen hinein, ins Fernste des Weltalls hinaus geleuchtet. […] Hier geht es nicht nur um Dichtung als Dichtwerk; hier gilt es die Grenzen der Dichtung, ihr Sakrament, ihr Schicksal.[62]

Indem Cysarz explizit betont, dass es beim Lesen von Schillers Werk nicht nur um Dichtung gehe, weist er die Richtung seiner Deutung.[63] Es geht ihm nämlich auch um das Deutschland, das sich in Schillers Texten finden lasse. Das von Cysarz entworfene Schillerbild konnte im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie interpretiert und instrumentalisiert werden. So heißt es in der Vorbemerkung der Schriftleitung zu einem seiner Aufsätze, dass Cysarz’ Bild dazu beitrage, Schiller als den größten politischen Dichter der Deutschen, den weltgeschichtlichen Dichter, zu präsentieren. Zugleich bestimme er Schillers Sendung im neuen Reich.[64]

Eine solche Lesart lässt sich schon an einer seiner Schriften aus den zwanziger Jahren festmachen. In seinem Aufsatz Schiller und unser XX. Jahrhundert ist eine nationale Interpretation des schillerschen Werks dominant. Schiller mutiert in diesem Aufsatz zu einer Idealgestalt. So heißt es dort beispielsweise, Schiller repräsentiere das Reich und die Macht deutschen Geists, wohingegen Goethe die wallende Fülle des Deutschen schlechthin[65] verkörpere. Es fällt nicht gerade leicht, diese Charakterisierungen in eine kalte, dafür intersubjektiv verständliche Sprache zu übersetzen. Aber das ist Programm, ein Programm, das meines Erachten direkt an die Schule der Geistesgeschichte anknüpft, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts in der Schillerforschung dominant war. Zur Erinnerung: David Pugh stellt in Bezug auf geistesgeschichtliche Ansätze fest, dass das Jonglieren mit Konzepten einer textnahen Interpretation vorgezogen werde.[66] Wie treffend diese Formulierung ist, wird schon aus den hier wiedergegebenen, kurzen Zitatschnipseln deutlich: Literarische Forschung zu schreiben wird unter der Hand von Herbert Cysarz zu einer Kunstform. Wie jede Kunst, lechzt diese Forscherkunst nach Auslegung: Schiller und Goethe sind aus der Sicht von Cysarz Repräsentanten einer deutschen Haltung, Säulenheilige deutschen Wesens – was immer das ist. Dabei, so scheint es, steht Goethe ihm eher für eine emotionale und Schiller für eine vergeistigte Grundhaltung – zwei Haltungen, die einander ergänzen. Schiller ist bei Cysarz, wie es in dieser Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet ist, Repräsentant einer idealistischen Weltauffassung (vgl. Kap. 3). Daneben wird er in die Nähe deutscher Geistesgrößen und berühmter Politiker gerückt, was in der folgenden Passage sehr deutlich zutage tritt. Schiller sei

ein bauernstämmiger Riese steinern der Nacken und steinern die Stirn, die Wirklichkeit nur messend wo es wider sie zu fechten gilt; der volkhafteste deutsche Seher Lehrer Führer seit Luther, der stärkste Deutsche vor Bismarck, der weltbewussteste deutsche Dramatiker nächst Richard Wagner; ein Meister der Auserwählten und Anwalt der Liebenden und Leidenden, ein Herold nicht allein des sich-Behauptens auch in Feuer und Gefahr, sondern noch in Entsagung und Gewöhnlichkeit, ewigen Herzschlag der Nation in der Brust.[67]

Der Herold des sich-Behauptens auch in Feuer und Gefahr deutet es schon an. Militärische Opferbereitschaft, die Cysarz – das sollte man sich hier noch einmal klar vor Augen führen – direkt, ohne Umwege auf Schiller bezieht, wird im Folgenden noch breiter vorgetragen. In jeder Szene [seiner Dramen] ruht gleichsam ein unbekannter, und dennoch bekanntester, deutscher Soldat, heißt es da beispielsweise. Die Poesie wird von ihm als Opfer und Dienst verstanden. Konsequenterweise spricht er denn auch von der Sendung Schillers.[68] Doch die Treppe, die uns hinauf zum Dichter führen soll, ist noch nicht voll ausgeschritten. Denn am Ende macht Cysarz Schiller noch zu einem Gott:

Wesenleer wie der Erdenrest des Heiligen mutet Schillers Persönliches an, von dem Marbacher Kämmerchen wo er geboren ist (fast wie der Stall eines Erlösers) bis zu dem Weimarer Gelass wo er gestorben ist (fast wie das Grab eines Erstandenen)[69].

Der Messias Schiller erscheint als ein radikalisierter Retter diesem Lande, zu dem ihn bereits Wilhelm Raabe stilisierte (vgl. Kap. 2). Was Cysarz an Schiller aber eigentlich zu faszinieren scheint, ist das im Grunde alles Moderne Ablehnende, was er in Schillers Schriften ausfindig gemacht haben will. Cysarz liest Schiller so, als wende er sich gegen Phänomene, die aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts die des Öfteren schmerzhaft empfundene Moderne einleiteten. So muss man, denke ich, diese Bemerkung verstehen:

Unerreichbar bleibt diese Monumentalgestalt sämtlichen realistischen, psychologistischen, individualistischen Einströmen, die seit der Frühromantik in das deutsche XIX. Jahrhundert sickern: dieses Jahrhundert unerhöhrter Sach-Fülle und -Härte, das Welthandels- und Warenhaus-Jahrhundert, das Jahrhundert des Ich und der Nerven. Er verharrt in durch und durch überpersönlicher Welt, die ihn fast wie ein gotischer Ordo fugen- und fensterlos umschliesst.[70]

Der Begriff Monumentalgestalt kann an dieser Stelle nicht mehr verwundern, schließt Cysarz, was Schiller betrifft, doch nur an eine omnipräsente Zeitströmung an. Hinzu tritt jedoch eine antiindividualistische und antimoderne Grundhaltung. Antiindividualistisch, weil alles, was den Einzelnen aus dem Kollektiv heraushebt (das psychologistische […] Einströmen) bei Cysarz auf Ablehnung stößt. Antimodern, weil weder eine solche Ichzergliederung noch die realistische Nüchternheit der Zeit in ihrer Sach-Fülle und -Härte akzeptiert wird. Schiller würden all diese als negativ empfundenen Umstände abgehen. Menschliches Schicksal also wird hier [in Schillers Dramen] aufgetan, nicht menschliche Seele gedeutet[71]. Ein solcher Satz ist nicht nur als Feststellung zu lesen, dass idealisierende und überindividualisierende Momente in Schillers Werken gefunden werden können. Die antiindividualistische Einstellung von Herbert Cysarz schwingt hier mit. Individualismus ist ihm säkularer Abfall[72]. Mit Abfall meint Cysarz zwar Lossagung. Dass dieses Wort pikanterweise auch die Bedeutung unbrauchbare Überreste trägt, darf man meines Erachtens getrost mitlesen. Diese ablehnende Haltung gegenüber allem Individuellen ist ein wesentlicher Baustein für den Erfolg von Cysarz im Dritten Reich. Versuche, eine einheitliche, nationalsozialistische Poetik zu finden, scheiterten zwar. Denn die germanistische Forschung blieb wesentlich differenzierter, als es aus der Sicht der Machthaber wünschenswert gewesen wäre. Doch bestand eine Affinität zu irrationalen, antiindividualistischen und dafür kollektives Denken fördernden Interpretationen von Literatur.

Bei all der von mir geäußerten Kritik an der Art und Weise, wie Cysarz mit seinem Untersuchungsgegenstand verfährt, möchte ich dennoch betonen, dass seine Forschung keineswegs platt ist. Der breite geistesgeschichtliche Horizont, den er neben der direkten Beschäftigung mit Schiller darstellt, kann durchaus befruchtend wirken und zeugt von einer großen Belesenheit.[73]

Eine andere Position bezog der Forscher Gerhard Fricke. Die Differenzen zwischen ihm und Herbert Cysarz waren so fundamental, dass sich ein veritabler Streit um den richtigen Schiller entsponn. Gerhard Fricke hat eine religiöse Deutung des Werks von Schiller vertreten, die auf der Basis eines Idealismusverständnisses steht, das von jedwedem aufklärerischen Gedanken frei gefegt ist. Der deutsche Idealismus ist für ihn vor allem eine religiöse Haltung[74], Schiller selbst wird zum Verkünder einer höheren Wirklichkeit, die durch ein absolutes Gehorsamsverhältnis bestimmt ist[75], konstatiert Gabriele Stilla. Diese religiöse Haltung wendet sich schließlich ins Politische, indem die Lektüre der Dichtung Schillers die sozialen Bindungen innerhalb der Deutschen verfestige. In Frickes Duktus klingt das dann so:

[Die Stoffe und Gestaltungen der Dichtung] vermögen bei aller nur denkbaren Abgestuftheit des Verständnisses und des ästhetischen Erlebens alle lebendigen und wachen Glieder der Volksgemeinschaft zu ergreifen und einen jeden auf seine Art zu erschüttern, zu heben und zu stärken und darin alle einzelnen zum Ganzen zu verbinden.[76]

Fricke geht es vor allem darum, der zugrunde liegenden Idee in Schillers Werken nachzuspüren. Dieser Ansatz ermöglicht es ihm schließlich auch, die Forderung nach Gedankenfreiheit im Don Karlos nicht wörtlich zu verstehen. Es gehe allein um die hinter diesem Ausruf stehende Idee des Menschen, der zeige, was es heiße, sich selbst zu vergessen und sich ganz für ein höheres Ziel zu verschwenden.[77] Fricke deutet die Figuren in Schillers Dramen darum nicht als prophetische Darstellungen nationalsozialistischer Führergestalten. Glaubensfester Verfechter einer nationalsozialistischen Ideologie war Fricke trotzdem: So hielt er die Brandrede bei der Göttinger Bücherverbrennung von 1933, in der er die Formung eines neuen Kulturideals forderte, für das die Zeit nun, nach der politischen Machtübernahme, gekommen sei.

|6|

Tags: , , , , , , , , ,

[62] Zit. n. Zeller 1983: I, S. 300.

[63] Bis hier kann man Cysarz meines Erachtens sogar folgen. Denn bei einer Interpretation von Dichtung sollte es nie allein um das dichterische Werk, sondern auch um benachbarte Phänomene (Philosophie, Politik usw.) gehen.

[64] Zit. n. Albert 1994: S. 51.

[65] Cysarz 1928: S. 3.

[66] Vgl. Pugh 2000: S. 81 und meine Ausführungen am Ende von Kap. 3.

[67] Cysarz 1928: S. 3.

[68] Ebd.: S. 3.

[69] Ebd.: S. 4.

[70] Ebd.: S. 5.

[71] Ebd.: S. 6.

[72] Ebd.: S. 7.

[73] So auch Pugh 2000: S. 71–73. S. 73: Despite its unfashionable style and despite some political excesses, his book [von 1934] still deserves to be read more widely than it is. It would be quite wrong to equate it with such repellent contributions as Werner Deubler’s [sic] article of the same year, which is contaminated by the nationalist spirit to an incomparably greater degree. [Trotz seines überholten Stils und trotz einiger politischer Ausschweifungen verdient es sein Buch öfter gelesen zu werden, als es derzeit wird. Es wäre völlig falsch, es mit solch abstoßenden Beiträgen wie Werner Deubels Artikel aus demselben Jahr, welcher von einer nationalen Gesinnung in einem unvergleichlich größeren Grade verseucht ist, gleichzusetzen.]

[74] Zit. n. Albert 1994: S. 22.

[75] Ebd.: S. 23.

[76] Zit. n. ebd.: S. 33; die Ergänzungen in eckigen Klammern stammen von Gabriele Stilla.

[77] Zit. n. ebd.: S. 34.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

Zum Seitenanfang springen