
[8. März 2006]
Abb. 2: Werner Deubels graecojudaisch-logozentrischer, graecogermanisch-biozentrischer
Stammbaum von 1934 [Quelle]
Ein frappierendes Beispiel nationalsozialistischer Umetikettierung Schillers findet sich bei Werner Deubel, der eine derart radikale Position einnahm, dass diese im Dritten Reich
nicht einmal von offizieller Seite akzeptiert wurde: 1938 erhielt er Presse- und Redeverbot. Wie er Schiller sieht, lässt sich an seiner kruden Herleitung der deutschen Literatur erkennen.[78] Es gäbe zwei Hauptstränge der Literatur seit der Antike: den logozentrisch-graecojudaischen
Strang und den biozentrisch-graecogermanischen
. Der graecojudaische
Strang führe zum Untergang der Seele
im Zuge eines Bellum omnium [contra omnes]
(Krieg aller, [gegen alle]). Ihren vernichtenden Endpunkte würden Amerikanismus
und Bolschewismus
markieren. Ein wesentlicher Ausgangspunkt des graecogermanischen
Strangs sei das, von Deubel nicht genauer spezifizierte, germanische Bluterbe
, das vermittelt über die Romantik in der Trias Jugendbewegung
, Fronterlebnis
und Deutsche Erneuerung
ende. Die massiven gedankendeformierenden Einwirkungen der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie sind unverkennbar. Interessant ist, dass Deubel Schiller zwar dem graecogermanischen
Strang zuordnet, dass er ihm allerdings (implizit) Teilhabe am graecojudaischen
Strang vorwirft; und zwar wegen seiner Rezeption der kantischen Philosophie. In seiner Lesart gehört Schiller aber vornehmlich dem von ihm positiv besetzten Literatursystem an. Das Bild Schillers als Vermittler kantischer Ideen will Deubel verändert wissen; so äußerte er sich in einem Zeitungsartikel vom 20. August 1933:
“Jeder Politiker, Redner, Lehrer, Kulturführer sollte heute in ein Konzentrationslager gesperrt werden, der uns das alte Klischeebild vomIdealistenSchiller noch als einen Leitstern der deutschen Erneuerung aufreden will. Man kann die deutsche Revolution nicht sicherer zugrunde richten, als indem man Spitzenleistungen des gräkojudaischen Geistes für den Kern deutschen Wesens ausgibt. Eine gräkojudaische Spitzenleistung ist die Systematisierung des rationalistisch-entseelten Welt- und Menschenbildes judaistischer Prägung in der Morallehre und Transzendentalphilosophie Immanuel Kants. Schiller alsSchülerund Vervolkstümlicher Kants – das ist der wichtigste Zug an jenem alten Klischeebild Schillers. Aber wie uns heute Kant und also dieser Schiller – ewiges Begeisterungsobjekt für alle Kleinbürger und Kapotthüte beiderlei Geschlechts – nichts mehr angehen, so ist jenes Klischeebild selber der Ausdruck nicht nur der engstirnigen Dummheit, sondern der bodenlosen Ehrfurchtslosigkeit vor Schillers gigantischem Bild.[79]
Die Monumentalisierung des Dichters, die ich bereits in Kap. 3 festgestellt habe, setzt sich folglich im Nationalsozialismus fort. Jedoch angereichert um den Willen, alle ideologisch als unpassend empfundenen Elemente seines Werks und Lebens zu tilgen und durch eine als der neuen Zeit angemessen empfundene Lesart zu ersetzen. Der Kant lesende Schiller kann einfach nicht der Schiller einer deutschen Kulturrevolution
sein.
In der Germanistik der Zeit sind aber gerade solche Versuche, die allzu eindeutig nationalsozialistisch gefärbt waren, mit Reserve aufgenommen worden. Das Buch Schiller als Kampfgenosse Hitlers von Hans Fabricius – ein als Literaturwissenschaftler dilettierender Ministerialrat
[80] – ist wohl nicht nur wegen der abstoßend primitiven Umdeutung Schillers zum Herold des Rassismus, sondern auch, weil der Autor kein akademisches Amt innehatte, im Großen und Ganzen abgelehnt worden. Wie Fabricius Schiller aufs Gröbste aktualisierte, möchte ich anhand einer längeren Zusammenstellung von Zitaten aus Schiller als Kampfgenosse Hitlers zeigen. Sie stammen alle aus dem Kapitel Sklaventum und Herrentragik (Braut von Messina)[81]. Die Tragödie der Herrscher von Messina, die im Untergang ihrer Familie endet und von Schiller stark an antike Dramen angelehnt wurde[82], wird unter der Hand Fabricius’ zu einer kleinen Rassenkunde
.
“Isabella [Fürstin von Messina und Mutter der beiden im Zwist befindliche Brüder Don Manuel und Don Cesar] glaubt, auf den Gipfel des Glücks erhoben zu sein. Von jeher hat sie mit tiefstem Gefühl begriffen, was Familie, was Blutverwandtschaft [sic] bedeutet. […]
Das Familienband aber, das diese Edelmenschen zu einem lebendigen, blühenden Organismus zusammenschließen sollte, ist morsch und zerfressen. […] Es ist, als fehle dieser Familie der nährende Mutterboden.
Es ist eine Familie, die, losgelöst von Heimat und Volk, im luftleeren Raume gleichsam, noch eine Weile ein wildflackerndes Eigenleben führt, um dann auf ewig zu verlöschen.
Das Herrschergeschlecht von Messina hat seelisch und rassisch nichts gemein mit der Bevölkerung, über die es herrscht. Von weither, aus einem anderen, besseren Volke, ist es als Eroberer ins Land gekommen. […] Durch ihre rassische Überlegenheit haben diese fremden Vollmenschen die Bevölkerung Messinas sich dienstbar gemacht und walten nun als einzige Herrenfamilie über einer Herde artfremder Knechte. […]
Die Bevölkerung von Messina ist kaum einVolkzu nennen. […] Diese Menschenart ist unfähig, aus sich heraus einen Führer zu gebären. […]
Darum mußte dieses Volk dem Eroberer zur Beute werden. Man brauchte einen Sklavenhalter, um überhaupt leben zu können. […]
Das ist die Tragik dieser beiden hochgearteten Männer [Don Manuel und Don Cesar], daß sie, ausgestattet mit allen Eigenschaften, die zum Volksführer befähigen, eines Volkes entbehren, dem sie Führer werden könnten. Losgelöst von dem Volke ihres Blutes, suchen sie vergebens, ihrem ungestümen Lebensdrange Sinn und Gehalt zu geben. Die Familie kann ihnen das Volk nicht ersetzen; sie hat nur Sinn als Zelle eines organischen Volkstums. […]
Herrenmacht über Sklaven kann einem Helden nicht höchste Lebenserfüllung bedeuten. Nur aus dem Schoße des eigenen Volkes heraus kann sich Heldentum zur vollen Blüte entfalten. Vom Volke gelöst, verzehrt es sich hoffnungslos in der Flamme der eigenen Leidenschaft.
Fabricius erfüllt, was er verspricht: Er sucht im Werk Schillers nach Anknüpfungspunkten, an die man die nationalsozialistische Ideologie irgendwie anheften kann. Dies sollte durch meine Exzerpte deutlich geworden sein. Dass Fabricius unter Germanisten nicht akzeptiert war, ist durchaus verständlich, denn sein Stil ist nachgerader primitiv und sein methodisches Verfahren mehr als fragwürdig. Dieses Verfahren besteht nämlich darin, eine Schablone über das Drama Schillers zu legen. Dort, wo sie Lücken lässt, werden sie so gedeutet, als sei das Drama einst mit eben dieser Schablone im Hinterkopf verfasst worden. Dass die Schablone eine des 20. Jahrhunderts und durchaus nicht die einzig verfügbare ist, wird nicht reflektiert. Diese Herangehensweise unterscheidet sich fundamental von ernsthafter Wissenschaft. Auch heutige Wissenschaftler haben ihre Schablonen, die sich im Laufe eines Forscherlebens herausgebildet haben; auch heute ist man vom Denken seiner Zeit geprägt und dieses schlägt sich in der wissenschaftlichen Methodik und den Fragestellungen nieder, die man an den Untersuchungsgegenstand heranträgt. Aber diese Schablonen lassen sich immer wieder neu zuschneiden, und, um gute Wissenschaft zu betreiben, schaut man auch, was jenseits des Ausschnitts, auf den man sich konzentriert, zu entdecken ist. Schließlich sollte man für gewöhnlich mehr als eine Schablone haben. In Fabricius’ Kapitel über die Braut von Messina gibt es hingegen nur eine Herangehensweise. Anderes wird nicht einmal erwähnt.
Fabricius und Deubel blieben Ausnahmen. Der Grund liegt auf der Hand: Lesarten wie die von Fabricius kann man kaum noch als Verfälschung Schillers bezeichnen. Fälscher zeichnen sich nämlich für gewöhnlich durch eine geschicktere, überzeugendere Vorgehensweise aus. Eine wirkliche Verfälschung liegt in einem Fall vor, auf den Georg Ruppelt in seiner Untersuchung Schiller im nationalsozialistischen Deutschland hinweist. In einem Aufsatz über den jungen Schiller sei darauf hingewiesen worden, dass Schiller die Juden als das roheste, das bösartigste, das verworfenste Volk der Erde
bezeichnet habe. Ferner habe er von der Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation
der Juden gesprochen.[83] Die Zitate sind korrekt. Sie stammen aus Schillers historischer Studie Die Sendung Moses. Wenn man sich allerdings die Zitate im Textzusammenhang ansieht, verschiebt sich iher Bedeutung. Die Passagen lauten nämlich:
“Aus diesem Standpunkt betrachtet, muß uns die Nation der Ebräer als ein wichtiges universalhistorisches Volk erscheinen, und alles Böse, welches man diesem Volke nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu seyn. Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen, und eben so wenig den großen Einfluß vernichten, den diese Nation mit Recht in der Weltgeschichte behauptet.
[…], denn was hat die Unmenschlichkeit der Egypter im Verlauf einiger Jahrhunderte aus dem Volk der Ebräer gemacht? Das roheste, das bößartigste, das verworfenste Volk der Erde, durch eine 300jährige Vernachlässigung verwildert, durch einen so langen knechtischen Druck verzagt gemacht und erbittert.[84]
Die angebliche Ablehnung des Judentums ist tatsächlich eine Würdigung. Ja, mehr noch: Das Judentum wird als universalhistorisch
apostrophiert. Das heißt, es bekommt den Rang zugesprochen für die Geschichte der gesamten Menschheit, die sich in einem steten, aufsteigenden Entwicklungsprozess befinde, von Bedeutung zu sein.
Ab 1933 wurde im Zuge der Aktionen der neuen Machthaber, die deutsche Gesellschaft ideologisch zu nivellieren, auch das Schulsystem von Indoktrinationsversuchen erfasst. Autoren wurden in die Schubladen Literaten
und Dichter
gesteckt, wobei erstere als vollends ungeeignet erschienen, nationalsozialistisches Gedankengut zu transportieren. Zu den Literaten
zählte man sämtliche jüdischen, linksorientierten,
[85]. Das Œuvre des unheroischen
oder sonstwie mißliebigen SchriftstellerDichters
Schiller wurde im Dritten Reich
zwar tendenziell positiv aufgenommen, aber eben nicht durchgehend. Dieser eher zustimmenden Haltung ging eine Diskussion voraus, ob der Dichter überhaupt nutzbar gemacht werden könne, die neuen Werte
zu vertreten. In Ernst Kriecks Buch Nationalpolitische Erziehung
klingt die Diskussion, welche Funktion Dichtung in Deutschland jetzt haben müsse, so:
“Dichtung hat keinen Wert an sich, stellt nicht auf jeden Fall ein höheres Wertgebiet der Bildung dar, sondern kommt für die künftige Bildung nur soweit in Betracht, als sie sich vor unserer völkischen Lage ausweist, an unseren völkischen Werten und Aufgaben bewährt.[86]
Gerade weil der als Dichter
eingestufte Schiller sich eben nicht derart umdeuten ließ, wie es Hans Fabricius versuchte, gab es auch Stimmen, die eine Behandlung seiner Werke im Literaturunterricht rundweg ablehnten. Nur einige wenige Balladen aber keineswegs Dramen, wenn auch eventuell der Tell, sollten im Unterricht weiterhin verwendet werden. Das, worauf man sich einigte, erinnert fatal an bereits besprochene Rezeptionslinien: Nicht der ganze Schiller, sondern nur Kernstellen
[87] aus seinem Werk sollten im Deutschunterricht behandelt werden. Schiller wurde also erneut gestückt, und zwar erneut im Rahmen einer politischen Instrumentalisierung. Vielleicht ist das das Schicksal eines jeden Klassikers. Vielleicht ist die Feststellung einer fragmentarischen Rezeption ein (notwendiges?) Element der zeitgebundenen Umdeutung, die einen Klassiker erst zu einem Klassiker macht (vgl. Kap. 1). Praktisch sah der Beschluss, Schiller in Schulen nur partiell zu behandeln, dann so aus, dass an Gymnasien vier Dramen, Wallenstein, Fiesko, Wilhelm Tell und Die Jungfrau von Orleans behandelt wurden. In den Volksschulen las man nur den Tell. Anhand eines Erlassentwurfs, der die Richtung der Interpretation für die vier Dramen weist, wird deutlich, wie massiv die Lesart der Werke deformiert werden sollte. Über den Wilhelm Tell heißt es:
“Schauspiel einer nationalen Erhebung, getragen von der zuchtvollen Empörung eines in seinen elementaren Rechten geschändeten Volkstums. Wilhelm Tell selbst als unpolitischer Mensch, der nur durch private Erlebnisse […] zum Kampf gegen den Landesfeind kommt. (Zu ergänzen durch Kleist, Katechismus der Deutschen oder Hermannsschlacht.)[88]
[78] Zu Deubels intellektuellem Absturz s. Zeller 1983: I, S. 302–304.
[79] Zit. n. Ebd.: I, S. 304.
[81] In Oellers 1976: S. 317–323.
[82] Schiller verwendet z. B. einen Chor, wie er auch in antiken Dramen auftaucht. Die Prophezeiung, die sich trotz aller Versuche, sie zu umgehen, doch erfüllt, erinnert an die Fabel von Ödipus.
[83] Vgl. Ruppelt 1979: S. 19.
[84] Zit. n. ebd.: S. 19.
[86] Zit. n. ebd.: S. 81.
[87] Vgl. ebd.: S. 84.
[88] Zit. n. ebd.: S. 85. Dass Wilhelm Tell als unpolitischer Mensch
gelesen werden sollte, weist darauf hin, dass das Politische bei den Nationalsozialisten im Verruf war. Man verstand sich selbst als Bewegung
, die mit dem Bild der Politik, das die Parteien in der Weimarer Republik – im Duktus der Faschisten: November-
oder Judenrepublik
– für einen Großteil der Bevölkerung boten (Parteiengezänk usw.), nichts zu tun habe. Darum geißelt Goebbels in seiner Rede anlässlich der Schillerfeierlichkeiten vom 10. November auch die Sprache des Parlaments in der Zeit der Weimarer Republik. Hier sei das Wort zur Phrase des Parlaments erniedrigt
worden. So berichtet es zumindest der Völkische Beobachter vom 12. November 1934. (Vgl. Zeller 1983: I, S. 194–195.)
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