
[13. März 2004]
Zunächst sei der Inhalt der Parabel ins Gedächtnis gerufen: Der aufgrund liederlicher Finanzführung geldnötige Sultan von Babylon, Saladin, sah als einzigen Ausweg, seine Bedürfnisse zu stillen, den reichen, als Geldverleiher bekannten Juden Melchisedech um finanzielle Mittel anzugehen. Da er allerdings von dessen Geiz wusste, versuchte er, Melchisedech durch eine ihm gestellte, doppelbödige Frage in Erklärungsnöte zu bringen. Diese Frage lautete, welches von den drei Gesetzen, gemeint sind natürlich die drei monotheistischen Religionen, er, der Jude Melchisedech, für das wahre halte, das jüdische oder das sarazenische oder das christliche.
[5] Saladin erwartete natürlich, dass ihm Melchisedech antworte, er halte seine, die jüdische Religion, für die wahre, was er dann als Affront gegenüber seiner Person werten und Melchisedech ihm infolgedessen das erheischte Geld nicht mehr vorenthalten könne. Die Erwiderung des gewieften Geldverleihers war jedoch nicht wie gedacht (eindeutig), sondern die Ringparabel (mehrdeutig).
Die Parabel: Ein Mann habe einen besonders kostbaren Ring besessen, den er dem Sohn vererbte, welchen er für den würdigsten unter seinen Nachkommen hielt. Dieser sollte sodann, durch den Besitz des Rings bestätigt, das Oberhaupt der Familie sein. Die Tradition der Ringweitergabe setzte sich über mehrere Generationen fort und so kam das symbolträchtige Schmuckstück in den Besitz eines Mannes, der drei treffliche Söhne hatte, unter denen er sich nicht getraute, den würdigsten zu bestimmen. Darum ließ er von einem Künstler zwei Kopien des Ringes anfertigen. Diese Kopien aber erwiesen sich als Meisterstücke, als täuschend echt, sodass nicht einmal der Auftraggeber und Besitzer selbst das Original unter den dreien herausfinden konnte. Als nach des Vaters Tod jeder der drei Söhne in seinem Legat einen der Ringe entdeckte, rechteten sie miteinander um den Vorsitz in der Familie. Indes die falschen Ringe, wie schon erwähnt, vollendete Kopien des echten waren, ließ sich nicht mehr feststellen, wer denn nun von Rechts wegen das Oberhaupt sei. Der Erzähler Melchisedech schließt mit der Bemerkung, dass es sich ebenso mit den drei Religionen verhalte – sie seien einander so ähnlich, dass sich nicht feststellen lasse, welche unter ihnen die wahre ist. Die Frage nach der Authentizität sei, in beiden Streitfragen, der der Religionen und der der Ringe, jedoch bis auf den heutigen Tag in der Schwebe.
Als Saladin durch diese elaborierte Antwort erkannte, dass er es mit einem Gegner zu tun hatte, mit dessen geistiger Beweglichkeit er es nicht aufnehmen konnte, ließ er seine Maske fallen und gestand die hinterlistige Absicht, mit der er Melchisedech angegangen war. Melchisedech gewährte Saladin trotzdem das gewünschte Geld und beide wurden Freunde. Eine Freundschaft, von der jeder profitierte.
Boccaccio hat die Ringparabel nicht erfunden. Die Geschichte des religiös toleranten Sultans Saladin und des gewieften Juden Melchisedech findet sich en détail wohl noch verschieden, aber in den wesentlichen Zügen doch schon voll ausgeformt bereits in einigen literarischen Werken des Mittelalters. Die Ringparabel, die uns heute vor allem als Dokument der Aufklärung, als Zeichen eines toleranten Geistes in der Form bekannt ist, die ihr Lessing in seinem Drama Nathan der Weise gab, wurde ferner vor Boccaccio durchaus in, man geht wohl nicht fehl es so zu nennen, eigenwilligen Auslegungen zur Apologie von Kreuzzugsvorhaben[6] herangezogen. Bei Boccaccio finden sich solche Gedanken indes nicht mehr.[7]
Eine Quelle Giovanni di Boccaccios waren die Gesta Romanorum, eine Sammlung von 220 kurzen Erzählungen, die um 1300 in England oder Süddeutschland entstanden sind. Die Parabel, welche wir hier finden, unterscheidet sich noch von der Bearbeitung Boccaccios dahingehend, dass die Tradition der Vererbung des Rings noch nicht eingeführt wurde und das einzig wahre Geschmeide sich schließlich durch heilsame Kräfte als solches erweist. Ferner fehlt die Einbettung in eine Rahmenerzählung, wie sie bei Boccaccio bekanntermaßen gleich zweifach gegeben ist. Die äußerste Schale seiner literarischen Bearbeitung (die extradiegetische, um einen Begriff von Gérard Genette zu verwenden) konstituiert sich aus der Erzählung der zehn aus Florenz vor der Pest geflohenen Menschen, die sich im Zuge der zehn im Dekameron geschilderten Tage einhundert Geschichten erzählen. Die zweite (intradiegetische) Schale ist der von Filomena erzählte Vorfall um Saladin und Melchisedech. Und die dritte (metadiegetische) Schale entsteht durch die Erzählung Melchisedechs, ist eo ipso die Ringparabel. In den Cento Novelle Antiche, die zwischen 1281 und 1300 entstanden, ist die Ringparabel schon schützende List für den Erzähler vor dem Ansinnen des geldnötigen Sultan. Die Kontrahenten freunden sich hier am Ende der Erzählung allerdings nicht miteinander an.
Anhand dieser beiden Beispiele dürfte klar geworden sein, dass Boccaccio auf eine bereits bestehend Tradition zurückgriff, als er seine Ringparabel verfasste. Dabei reproduzierte er jedoch nicht nur das, was er vorfand, sondern gab der Erzählung ein eigenes Gepräge.
[5] Alle Zitat aus der Parabel sind der im Insel Verlag erschienen Übersetzung von Albert Wesselski entnommen (vgl. Fußnote [2]). Es handelt sich um die dritte Geschichte des ersten Tages.
[6] Vgl. Petronio, Giuseppe: Vorurteilslosigkeit und Weisheit. In: Boccaccios Decameron. Hrsg. v. Peter Brockmeier. Darmstadt (1974), S. 51.
[7] Vgl. zur Herkunft der Motive der Parabel Hermes, Eberhard: Die drei Ringe. Aus der Frühzeit der Novelle. Göttingen (1964), S. 109–112 und Stewart, Pamela D.: A Note on Boccaccio, Lessing and the Parable of the Three Rings. In: The Notion of Tolerance and Human Rights. Essays in Honour of Raymond Klibansky. Ed. by Ethel Groffier and Michel Paradis. Carleton (1991), S. 37–45.
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008