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[13. März 2004]

Renaissance und Humanismus

Im Italien des 14. Jahrhunderts begann das Ende des Mittelalters. Manifest wurde der langsame Übergang in die Neuzeit durch eine sich herausbildende Kultur, die sich zum einen allmählich von einer Sicht der Welt unter rein christlichen Aspekten zu lösen begann und zum anderen wieder in verstärktem Maße auf antike Vorbilder rekurrierte. Datiert wird diese Epoche oftmals von 1350 bis 1600. Doch erwies sich bei näherem Hinsehen noch jede Epocheneinteilung der Geschichte aufgrund der oftmals feststellbaren Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, also des zeitlichen Nebeneinanderbestehens grundverschiedener Geistes- und Lebenswelten, als zweifelhaft. Es fällt dessen ungeachtet auf, dass Boccaccios Novellensammlung just an der Scheide zur Renaissance entstand. Tatsächlich lassen sich, wie ich weiter unten noch genauer zeigen werde, Renaissanceideen im Dekameron nachweisen. Des besseren Verständnisses sei jedoch zunächst kurz erläutert, was die Zeit der Renaissance und des Humanismus eigentlich auszeichnete.[8]

Bei der Bestimmung dieser Epoche handelt es sich nicht wie bei anderen zeitlichen Einordnungen (wie z. B. dem Mittelalter) um reine Konstruktion unserer Zeit. Die die Renaissance tragenden Menschen haben durchaus selbst das Gefühl gehegt, einer neuen, einer von der unmittelbar zurückliegenden Vergangenheit geschiedenen Ära anzugehören. Mit dem Begriff Humanismus wird versucht, den geistigen Ausdruck dieser Zeit zu fassen.

Als wesentliche Merkmale lassen sich eine verstärkte Wertschätzung der Einzelpersönlichkeit, also ein zunehmender Individualismus, und im Zuge dieser Aufwertung des Menschen eine neue Geltung seiner Eigenschaften beobachten. Besonders sinnfällig wird diese Feier des Menschen, seiner Fähig- und Fertigkeiten in der Kunst. Ein literarisches Beispiel ist die 1513 entstandene Fabula de homine von Juan Luis Vives. In ihr wird beschrieben, wie sich die (antiken) Götter nach einem Festschmaus zu ihrem Vergnügen ein Amphitheater erschufen. Dessen Spielplatz aber war die Erde. Die Schauspieler, gemeint sind wohl die verschiedenen irdischen Lebewesen, führten sodann ein Stück auf, das die Götter über die Maßen ergötzlich fanden, insbesondere Juno, die, kindlich vergnügt unter ihren Mitgöttern umherspringend, allen gegenüber ihre Freude emphatisch mitzuteilen suchte. So fragte sie jeden, welcher der Schauspieler denn als bester angesehen werde. Die weisesten Götter […] gaben die Antwort, daß nichts bewundernswerter sei als der Mensch.; Noch deutlicher wird die Verherrlichung des Menschen in einer folgenden Passage, in der die Herkunft seiner Eigenschaften selbst auf Jupiter zurückgeführt wird:

Der Mensch selber, der sich hinter der Maske verbirgt, aber dann und wann hervorleuchtet und fast aus ihr herausspringt und der sich in vielen Dingen deutlich offenbart, ist ganz göttlich und von der Art Jupiters, ja seiner Unsterblichkeit teilhaftig und so an Weisheit, Klugheit, seinem Gedächtnis und seinen Vorzügen beteiligt, daß man leicht erkennt, daß Jupiter ihm diese größten Gaben aus seiner Schatzkammer, ja sogar aus sich selbst verliehen hat.

Aufkommt in der Renaissance also auch eine freie Auseinandersetzung mit der Antike (vgl. die Fabula de homine), wobei die Freiheit darin besteht, sich auch von theologisch obligatem Denken zu distanzieren. Die Sicht auf die Welt wird zunehmend eine säkularisierte, nicht geistliche. Nicht zu vergessen ist, dass sich im Laufe der Renaissance sukzessive eine Wissenschaft herausbildete, die auf Vernunft und Erfahrung, Ratio und Empirie fußt. Als Wegbereiter des rationalen Denkens kann durchaus die mittelalterliche Scholastik gesehen werden – denn schon hier kam es zu einer Auseinandersetzung mit nicht-christlichem Gedankengut und rational gesteuerten Versuchen, antikes Erbe in das System der christlichen Heilslehre einzubinden.

Beschäftigt man sich auch auf einer rein geisteswissenschaftlichen Ebene mit der Renaissance, so tut man meines Erachtens doch gut daran, die Entwicklungen im wissenschaftlich-technischen Bereich auch im Hinterkopf zu haben, welche sich in dieser Zeit vollzogen. Zu nennen sind beispielsweise die verstärkte Anwendung des Schießpulvers, die Verwendung hochseetauglicher Kompasse (Schießpulver und Kompass waren bereits seit dem 13. Jahrhundert in Europa bekannt) und das von Johannes Gutenberg (1397/1400–1468) erfundene Buchdruckverfahren mit beweglichen Metalllettern (um 1450). Die berühmte Entdeckung des Nikolaus Kopernikus (1473–1543), die Erde drehe sich um die Sonne wie auch um sich selbst, ist an sich typischer Ausdruck der Renaissance – denn Kopernikus’ Idee baut auf der bereits von einem antiken Autor geäußerten Vermutung auf. Auch im Bereich der bildenden Kunst kommt es zu einer zunehmenden Individualisierung der dargestellten Gegenstände. Das Verfahren der perspektivischen Malerei, das sich in dieser Zeit durchsetzte, kann auch als Anzeichen für eine Rationalisierung der Zeit angesehen werden, da hiermit der Kunst ein mathematisch ableitbares Verfahren an die Hand gegeben war.

Ferner soll noch einmal betont werden, was oben schon anklang: Religiöse und profane Lebenswelt begannen sich in der Renaissance voneinander zu scheiden. Tenenti spricht davon, dass das Zerbrechen des inneren Gleichgewichts zwischen Dogma und Empfinden, Lehre und Glauben, geistiger Ausarbeitung und unmittelbarem Glaubensausdruck[9] für diese Zeit bezeichnend war.

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[8] Vgl. zur Epochendefinition Romano, Ruggiero/Tenenti, Alberto: Weltbild Weltgeschichte: Bd. 12, Die Grundlegung der modernen Welt: Spätmittelalter, Renaissance, Reformation. Augsburg (1998), Garin, Eugenio (Hrsg.): Der Mensch der Renaissance. Frankfurt/Main u. a. (1990), Honour, Hugh/Fleming, John: Weltgeschichte der Kunst. 5. Auflage, München (1999) und Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 16. Auflage, Stuttgart u. a. (1996).

[9] Romano/Tenenti 1998, S. 88–89.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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