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[13. März 2004]

Die Ideen der Renaissance in der Parabel

Kehren wir zurück zur Ringparabel und lassen die Parabel an sich dennoch zunächst einmal beiseite. Widmet man sich allein dem Drumherum, will sagen: der Einleitung Filomenas, der Erzählerin der Novelle bei Boccaccio, fällt einem die Bemerkung dieser auf, man wolle nunmehr zu den Erlebnissen und Handlungen der Menschen herabsteigen. Alle diejenige, die eventuell erwarteten, eine rein religiöse Betrachtung des Verhältnisses der drei monotheistischen Religionen zueinander vorzufinden, werden hier somit enttäuscht. Denn aus diesen Worten spricht, dass sich die Fabel nicht eigentlich um die Frage windet, wie die Religionen zu beurteilen seien, sondern vielmehr darum, wie die Klugheit den Weisen aus den größten Gefahren reißt und ihn in völlige, geruhige Sicherheit bringt. Ferner sei sie, die Fabel, dazu angetan, den Zuhörer in den Antworten auf die Fragen, die ihm gestellt werden, vorsichtiger zu machen.

Diese erläuternde Einleitung enthält eine Programmatik, die den meisten der Boccaccio’schen Geschichten im Dekameron zugrunde liegt. Der Schelm, der sich durch Klugheit einen Vorteil verschafft, und der Abwägende, der Denkende, der die ihm von wem auch immer gesteckten Grenzen nicht als zwingend, dafür revidierbar beurteilt, steht im Mittelpunkt der Betrachtung, wird gelobt und infolge seines Handelns belohnt. Melchisedechs Lohn ist die erlangte Freundschaft des mächtigen Fürsten Saladin; seine spezifisch geistige Leistung, sich einem ihm gestellten Problem vorurteilsfrei zu nähern. So lässt sich bei Melchisedech keine Befangenheit in Sachen der Beurteilung der Religionen beobachten. Für seine Religion einzustehen ist ihm offenbar keine Gewissensfrage; praktisches, ihm persönlich nutzendes Agieren steht im Vordergrund.

Blickt man auf die vor der Ringparabel erzählten Geschichten, bestätigen sich diese Gedanken. Die zweite Geschichte des ersten Tages handelt von einem weisen Juden (es findet sich hier demnach schon das Motiv der Weisheit, Klugheit, das dann auch in der Ringparabel wieder auftaucht), der nach gutem Zureden eines christlichen Freundes und trotz des Betrachtens des Molochs Rom – sowohl Papst als auch Bischöfe leben hier ein ruchloses Lotterleben – zum Christentum konvertiert. Die erste Geschichte desselben Tages wiederum stellt eine derbe Satire auf den Betrug in der Beichte dar. Ein Mensch, der sich sein ganzes Leben über wissentlich und vorsätzlich gegen die Gesetze der allgemeinen Sittlichkeit und des religiösen Anstandes vergangen hat, legt auf seinem Sterbebett die Beichte ab und beschönigt sein gottfernes Leben, um seinen Gastgebern, in dessen Haus er von einer Krankheit zum Tode befallen wurde, keine Schande zu bereiten. Niemand soll denken, diese hätten sich mit würdelosem Abschaum abgegeben. Die Lebenslüge des Verruchten führt schließlich dazu, dass er dem Beichtvater als nachgerade heilige Person erscheint und nach seinem Tode auch als solcher von der lokalen Bevölkerung verehrt wird. Besonders auffallend ist, dass Boccaccio seinen Erzähler Panfilo frank und frei ein veritables Sakrileg berichten lässt und dieses hernach von den Zuhörern mit herzlichem Amüsement goutiert wird. Der Genuss wiegt in der Dekameron-Gesellschaft demnach stärker als die Gottesfurcht.[10]

Diesen beiden Geschichten ist ergo gemein, dass sie geistige Offenheit propagieren: die Geschichte der Lügenbeichte, weil über sie freimütig und vorurteilsfrei gelacht werden kann und darf; die Geschichte des bekehrten Juden, weil ihm als noch nicht Bekehrtem zwar die Seligkeit im Tode abgesprochen, er aber dennoch als überaus weiser und rechtmäßig lebender Mensch beschrieben wird. Die Gräuelgeschichte vom zu verachtenden Christusmörder wiegt im geistigen Umfeld der Novellen Boccaccios offenbar nicht mehr viel.

Dehnt man die Beobachtung, dass der Mensch und sein Handeln im Fokus der Geschichten des Dekameron stehen, so wie sie im Fokus der Ringparabel stehen, aus, kann man sagen, dass das eigentlich Neue in Boccaccios Geschichten die Tatsache ist, dass die göttliche Instanz explizit beiseite geschoben wird. Nicht mehr Gott ist es, der über Wohl oder Wehe des Menschen richtet, sondern die exzeptionelle Eigenschaft des homo sapiens, des weisen Menschen, selbständig zu reflektieren. Diese Geschichte markiert also eine Hinwendung zur Ratio und, was nicht übersehen werden darf, zum Substantiellen, Greifbaren im Leben – denn Melchisedech gewinnt nicht nur Ideelles in Form der Freundschaft Saladins. Saladin begabte ihn überdies mit ansehnlichen Geschenken.

Boccaccio darf deswegen, das sollte, um Missverständnissen vorzubeugen, erwähnt werden, noch lange nicht atheistischer, deistischer oder dergleichen ketzerischer Ansichten verdächtigt werden.[11] Seine Geschichten sind vielmehr ein Tanz auf der Trennlinie zwischen Sakralem und Profanem, wobei jede Seite in ihrem je spezifischen Zuständigkeitsbereich die Oberhand behalten darf, wenngleich das Profane im Dekameron zumeist überwiegt. Filomena, die Erzählerin der Ringparabel, vertritt diese, aus heutiger Sicht für manch einen ambivalent anmutende Geisteshaltung dadurch, dass sie neben der Betonung des Menschen die Tatsache stellt, dass in vorhergehenden Novellen von der Wahrheit unseres Glaubens schon viel Gutes gesagt worden ist. Nicht Spott, Aufrichtigkeit der erzählenden Person schwingt in diesen Worten mit.

Man mag einwenden, die Figuren des Novellenzyklus repräsentierten nicht die Weltanschauung des Autors. Entgegengehalten werden kann dem, das Boccaccio eine edel-gehobene Gesellschaft seiner Zeit auftreten lässt, er den Geschichten ergo den Ideenhorizont des beginnenden 14. Jahrhunderts unterlegt, wie er ihn wahrnahm. Bei Boccaccio erscheint ein gleichberechtigtes Nebeneinander des heute tendenziell Widersprüchlichen somit noch möglich.

In die Parabel an sich einsteigend fällt zunächst auf, dass ein christlicher Autor einen Mohammedaner und einen Juden über die drei aus der Sicht des 14. Jahrhunderts einzigen Religionen debattieren lässt. Das Christentum ist hier neben Judentum und Islam nur gleichberechtigt. Diese Gleichberechtigung wird im Anschluss an die Erzählung nicht reflektiert. Um es noch ein wenig zuzuspitzen: Die Verhältnisse werden aus Sicht des Christentums nicht gerade gerückt. Eine Diskussion über die just erzählte Novelle, wie sie sich nach vielen Novellen im Dekameron-Zyklus entspann, bleibt nach der Ringparabel aus.

Dass die Ringparabel im Orient lokalisiert wird, muss indessen auch nicht allzu sehr verwundern. Tatsächlich findet sich im Islam eine alte Tradition, mit den beiden anderen Eingottreligionen offen über das Verhältnis der Bekenntnisse zueinander zu reden. Schließlich haben sie einen Teil ihrer Offenbarung gemeinsam; Leute des Buches sind sie nämlich alle[12]; wenngleich die Christen auch mitunter wegen ihrer Trinitätsvorstellung der Vielgötterei verdächtigt werden. Dennoch möchte ich noch einmal betonen, dass die egalitäre Idee, welche hinter Melchisedechs Worten schimmert, von der Gemeinschaft, die sich im Dekameron Geschichten erzählt, nicht zugunsten des Christentums korrigiert wird. Die Welt der Erzählungen Boccaccios ist hienieden. Oder, in Francesco de Sanctis Worten: Diese neue Komödie ist nicht mehr die göttliche, sondern die irdische Komödie.[13]

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[10] Grabher formulierte den Umstand, dass die Novellen Boccaccios nicht nur Motiven des Mittelalters verhaftet sind, sondern auf eine moderne Geisteshaltung verweisen wie folgt: Zahlreich sind die Novellen, in denen das Glück eine wesentliche, ja die Hauptrolle spielt. Es wird nicht mehr wie bei Dante als bewußte, von Gott gelenkte himmlische Intelligenz verstanden, sondern vielmehr mit dem höchst launischen Zufall gleichgestellt, der neben der göttlichen Vorsehung blindlings waltet, ohne sie jedoch ausdrücklich zu leugnen. Diese Auffassung geht schon über die Vorstellung der mittelalterlichen Welt hinaus (Grabher 1946, S. 120).

[11] Petronio erkennt den Glauben an den Christengott in den Novellen Boccaccios nicht als verworfen an. Vielmehr betont er eine Position der Indifferenz, wenn auch nicht Ablehnung in Glaubensfragen: […] der Glaube ist nicht mehr aktiv und nicht mehr Schöpfer einer Welt, man darf es nicht als Satire oder als bewußten Spott bewerten (Petronio 1974, S. 52).

[12] Vgl. Hermes 1964, S. 106.

[13] Sanctis, Francesco de: Der Decamerone. In: Boccaccios Decameron. Hrsg. v. Peter Brockmeier. Darmstadt (1974), S. 44.

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