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[13. März 2004]

Lessings Erweiterung der Parabel

Das dramatische Gedicht Nathan der Weise von Lessing, ist ohne die Ringparabel von Boccaccio nicht denkbar. Die Parabel selbst ist Dreh- und Angelpunkt des Dramas und die schon bei Boccaccio entworfene soziale und geistige Umwelt des Jerusalem unter Sultan Saladin dient als Grundlage der Dramenhandlung. Dass der Nathan nicht nur als Aufklärungs-, sondern auch als Toleranzdrama gelesen werden kann, ist nachgerade ein Gemeinplatz und sei dennoch belegt. Als Nathan den Tempelherrn trifft, um ihm für die Rettung Rechas zu danken, wird die durch Akzeptanz und Toleranz geprägt Grundhaltung Nathans der des Tempelherrn gegenüber gestellt:

Nathan: […]
Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,
Daß alle Länder gute Menschen tragen.
Tempelherr: Mit Unterschied, doch hoffentlich?
Nathan: Jawohl;
An Farb’, an Kleidung, an Gestalt verschieden.[14]

Nathan unterscheidet nur Äußerlichkeiten an den guten Menschen und setzt sie somit innerlich gleich. Dem Tempelherrn ist der Unterschied zwischen den Religionen, also einem innerlichen Wert, gleichwohl von größter Bedeutung, was seinen Ausdruck darin findet, dass er das Leben einer Jüdin als weniger wertvoll erachtet. So rechtfertigt er nachgerade, Recha vor den Flammen gerettet zu haben: Mein Leben war mir ohnedem / In diesem Augenblicke lästig. Gern, / Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, / […] wenn’s auch nur / Das Leben einer Jüdin wäre.[15] Es lässt sich also sagen, dass die Grundhaltung religiöser Offenheit, wie sie sich in den Erzählungen Boccaccios oftmals niederschlägt, in Lessings Drama in die Person des Nathan verlagert wurde.

Aber auch eine Affinität zum Rationalen, die Boccaccio in seiner Ringparabel der Figur des Melchisedech zuerkennt, findet sich bei Nathan. So, wenn er Recha (indirekt) auffordert, das Wunder ihrer Rettung doch tunlichst als weniger wundervoll, dafür schlicht erklärlich zu empfinden, denn:

[Nathan:] Der Wunder höchstes ist,
Daß uns die wahren, echten Wunder so
Alltäglich werden können, werden sollen.
Ohn’ dieses allgemeine Wunder, hätte
Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
Genannt, was Kindern bloß so heißen müßte,
Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,
Das Neuste nur verfolgen.[16]

Der Denkende, das schwingt in dieser Aussage Nathans mit, erkennt nicht jedwedes irdische Geschehen als Wunder an. Vielmehr versucht er, sich mittels rationalen Räsonierens, gedanklichen Zugang zum Weltgeschehen zu verschaffen.

Wendet man sich der eigentlichen Fabel bei Lessing zu, so lässt sich feststellen, dass sie hier pointierter, ja man möchte sagen: noch vollkommener als bei Boccaccio verarbeitet ist. Über die bereits entwickelten Gedanken Boccaccios hinaus fügt Lessing der Fabel noch einige Details hinzu. So hatte (1.) der Stein des ursprünglichen Rings die geheime Kraft, vor Gott / Und den Menschen angenehm zu machen[17]. Bei Boccaccio fasziniert der ursprüngliche Ring ebenso wegen des Wertes und der Schönheit, geheime Kräfte werden nicht erwähnt. Solche Kräfte werden dem eigentlichen Ring aber auch schon in der Parabel in den Gesta Romanorum zugesprochen. Dadurch erweist er sich, wie oben erwähnt, schließlich als einzig-wahrer Ring. Tatsächlich neu ist bei Lessing (2.) die Betonung, dass der Vater Den Ring von seinen Söhnen dem vermache, / Der ihm der liebste sei; und stets der liebste, / Ohn’ Ansehen der Geburt[18]. Findet in der Parabel Boccaccios die Entkopplung der Ringweitergabe von der Geburt erst in dem Moment statt, in dem der Vater sich zwischen seinen Söhnen nicht entscheiden kann, ist sie bei Lessing schon eingeschliffene Tradition.

Dadurch, dass Nathan erstens dem ursprünglichen Ring geheime Kräfte zuspricht, verleiht er der wahren Religion eine Kraft, die über sich selbst hinausstrahlt. Bei der Kopie des Ringes kann diese Eigenschaft, die ja dem originären Stein inhärent ist, nicht einfach mitkopiert werden. Hierin aber findet sich der Ansatz, dass die Frage, welches der echte Ring sei, zwar noch nicht entschieden ist, aber immerhin noch entschieden werden kann, nämlich aufgrund dieser außerordentlichen Eigenschaften. Wenn Nathan zum zweiten darauf insistiert, dass der Ring dem besten Sohne Ohn’ Ansehen der Geburt zukommen solle, dann beugt er einer allzu raschen Lösung des Problems vor. Das Judentum ist dieser Lesart folgend nicht allein deswegen als eigentliche Trägerin des Rings anzusehen, weil es die älteste der drei monotheistischen Religionen ist. Der Islam ferner wird nicht aufgrund seiner im Verhältnis zum Christen- und Judentum kurzen Tradition ausgeschlossen. Verstünde sich aber nun der Islam als Endpunkt einer religiösen Entwicklung, die mit dem Judentum begann und sich im Christentum fortsetzte, so prädestiniert dies ihn auch nicht, Besitzer des wahren Ringes zu sein. Nicht von der Herkunft, allein von der Entscheidung Gottes hänge es nämlich ab, welche Religion Trägerin des Ringes sei.

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[14] Lessing 1990, V. 1273–7.

[15] Ebd., V. 1215–20.

[16] Ebd., V. 217–24.

[17] Ebd., V. 1915–6.

[18] Ebd., V. 1924–6.

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