
[13. März 2004]
Aus diesen von Lessing zusätzlich betonten Vorbedingungen ergibt sich dann, was die Ausführung der Parabel bei Lessing so einzigartig, so meisterhaft macht. Natürlich löst der Aufklärer Lessing die Streitfrage um die wahre Religion nicht – dergleichen raubte der Parabel den Witz. Doch lässt er einen Richter auftreten, der logisch-rational über die streitenden Söhne ein (vorläufiges) Urteil abgibt. Die anfangs vielleicht noch unauffällig scheinende Anmerkung, der wahre Ring habe eine ganz besondere Kraft, die seinen Plagiaten nicht zu eigen sein könne, erweist sich dem Richter als Schlüssel zur Lösung der Streitfrage. Die selbstverliebten Brüder, denen nichts als die blanke Eigenliebe höchstes Gut ist, erweisen sich gerade ob dieser Tatsache als Nicht-Besitzer des fabelhaften Rings. Denn aus der gegebenen Vorbedingung, dass die geheime Kraft [des Rings], vor Gott / Und den Menschen angenehm
mache, lässt sich schließen, dass der Besitzers des wahren Ringes als den anderen angenehm
erscheinen müsste. Da dies nicht der Fall ist, vermag der Richter letztlich nicht zu entscheiden, wer den eigentlichen Ring besitzt. Diese Unentschiedenheit passt zu der Betonung der Gleichheit der drei Brüder[19] und somit übertragen auch der drei Religionen. Keine von ihnen kann es sich dieser Ansicht zufolge erlauben, gegenüber der anderen eine Vorzugsstellung einzufordern.
Der Umstand, dass keiner der Brüder im Vergleich zu den anderen angenehmer erscheint, lässt vermuten: Der tatsächliche Ring ist verloren. Es bliebe uns demnach nur, uns von dessen ehemaliger Präponderanz befreit zu fühlen, uns glücklich zu fühlen, nicht mehr der Dominanz einer einzigen Wahrheit anhängen zu müssen. Auch bei Lessing wird in tausend tausend Jahre[n]
[20] noch einmal revidiert, ob denn nicht der originäre Ring unter den dreien sein mag. Dazu aber bedarf es eines weiseren Richters. Die Antwort, so darf vermutet werden, bringt diese inskünftige Untersuchung wohl dennoch nicht zutage. Überhaupt ging der wahre Ring vielleicht nicht durch einen Zufall, sondern wissentlich und willentlich verloren: Möglich; daß der Vater nun / Die Tyrannei des einen Rings nicht länger / In seinem Hause dulden wollen!
[21] Von hier ist es nur ein Schritt bis zu der Feststellung, dass bereits die Frage, welches die wahre Religion sei, falsch gestellt wurde. Nicht die wahre Religion, sondern eine aufrichtige Haltung, die vor Gott / Und den Menschen angenehm
macht, gilt es zu suchen. Das ist Aufklärung. Sie fordert auf, zu reflektieren, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
zu befreien. Und hierin, in der Lossagung vom Buchstabenglauben, findet sich ein Zug, der auch für die Zeit Boccaccios typisch war. Wie ich oben gezeigt habe, sind die Helden
in seinen Novellen ebensolche Freidenker wie Nathan der Weise.
Schließendlich ein knappes Fazit: Die Hinwendung zum Menschen, das Zelebrieren seiner erstaunlichen Fähig- und Fertigkeiten ist Wesensmerkmal der Renaissance. Auf den Punkt gebracht finden sich diese wiedergeborenen
Menscheneigenschaften in einem bereits in jener Zeit aufgekommenen Schlagwort: Magnum miraculum est homo
[22] – ein großes Wunder ist der Mensch. Dieser Geisteshaltung ist die Ringparabel Boccaccios ein beredtes Beispiel. Eine Hinwendung zum Menschen findet sich auch in Lessings Erweiterung. Toleranz des anderen, wenn eine rationale Lösung des Problems nicht möglich ist, erscheint dort als einzig gangbarer Weg. Toleranz aber ist Hinwendung zum Menschen und dessen Eigenschaften und nicht nur ein müßiges Abwägen von Buchstaben und den in ihnen enthaltenen Forderungen. Das ist die Kette, die die beiden im Abstand von über 400 Jahren entstandenen Parabeln untrennbar miteinander verknüpft.
Nico Dorn, 2004
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