TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

|1|  2  3  4  5

Inhaltsverzeichnis

[8. März 2006]

Über das Milchige in Heinrich Bölls Kurzgeschichte Wanderer, kommst du nach Spa…

Abstract
Milch, sagte ich leise …, lautet der letzte Satz in Bölls Kurzgeschichte. Hinter dem Wort Milch verbirgt sich die Verlorenheit des tödlich verwundeten Erzählers und das Verlieren der ihn umgebenden Traditionsstränge. Es figuriert mithin als Symbol. Von ihm ausgehend entwickle ich eine Deutung der Geschichte und ihrer Symbole.

Milchig: Das ist unklar, verschwommen. Es trübt, lässt das hinter ihm Liegende nicht klar erkennen, überlagert es mit einem Schleier, man ahnt nur, was es verdeckt. Ebenso überlagert ist das Gedächtnis des totwunden Protagonisten in Bölls Kurzgeschichte Wanderer, kommst du nach Spa… Die Erinnerung an sein früheres Leben liegt verborgen hinter dem nur halbdurchlässigen Schleier einer Gesellschaftsordnung, die einerseits aus der Tradition entstand und sie andererseits – nämlich dort, wo sie ihr nicht mehr passte – zu verdrängen versuchte. Somit erweist sich seine verlorene Erinnerung nicht nur als persönlicher, sondern auch gesellschaftlicher Verlust. Hier, in der Gesellschaft, bleiben allein die allmählich verbleichenden Spuren einer humanistisch-christlichen Tradition und dort, im Ich, die Erinnerungssplitter einer Zeit übrig, die im Jetzt in Trümmern liegt. Aus dem Erlebnis dieser zersetzenden Erfahrung baute Böll seine Erzählung, ihre Spuren finden sich, in Symbolen verdichtet, überall, wie ich im Folgenden zeigen möchte.

 
 

Die jungen Nachkriegsliteraten in Deutschland

Die Kurzgeschichte ist das Genre, welches dem Lebensgefühl der Autoren des frühren Nachkriegsdeutschland wie kein anderes angemessen war. Literarisch und intellektuell war das Land infolge der Nazi-Diktatur gleichsam ausgeblutet. Viele der größten Dichter waren ins Exil gegangen und konnten sich, wie z. B. Thomas Mann, nur noch an gewissen Feiertagen zu einer kurzfristigen Rückkehr entschließen. Die großen Alten waren nicht nur weit entfernt, sie waren den Zurückgebliebenen auch fremd geworden. Sie teilten mit ihnen oftmals nicht die Erinnerung an den Terror des Krieges, sie hatten keine Vorstellung davon, was alles im Laufe der Kriegsjahre in deren Bewusstsein zerschlagen worden war. Ist die Exilerfahrung auch in aller Regel keine rosige gewesen, so lässt sich, denke ich, auf jeden Fall konstatieren, dass sich die Erfahrungen der Exilanten von denen der Zurückgebliebenen signifikant unterschieden. Man fühlte anders zwischen den Trümmern. Das wohl beredtste Beispiel für diese Differenz findet sich in den poetologischen Äußerungen von Wolfgang Borcherts Das ist unser Manifest:

Wer schreibt für uns eine neue Harmonielehre? Wir brauchen keine wohltemperierten Klaviere mehr. Wir selbst sind zuviel Dissonanz.
Wer macht für uns ein lilanes Geschrei? Eine lilane Erlösung? Wir brauchen keine Stilleben mehr. Unser Leben ist laut.
Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv.

Hier wird der Bruch zum Programm. Das Alte ist nicht mehr greifbar, bestenfalls unangemessen einer Wirklichkeit, die sich fundamental verändert hat. Die Metapher des lilanen Geschreis, der lilane[n] Erlösung steht zeichenhaft für die Unsagbarkeit des Erlebten mit Hilfe der tradierten Ausdrucksformen. Die barocke Zaubersprache eines Thomas Mann muss den Nachkriegsliteraten unzugänglich bleiben. Denn sie wollen es, sie müssen es unumwunden sagen, was sie berührt: Zu guter Grammatik fehlt uns die Geduld, die Zeit zerfließt wie ein Ensemble Dalí’scher Uhren. Zuflucht bietet allein die Geradlinigkeit eines realistischen, schnörkellosen Stils.

Der offenbare Bruch in der literarischen Tradition wurde also mit einer veränderten Erzählhaltung beantwortet. Autoren wie Borchert oder Böll bevorzugten zunächst eine knappe, realistische Prosaform für ihre Werke. Ferner floh man nicht vor der unmittelbar zurückliegenden Vergangenheit, man versuchte nicht, sie durch das Beschwören vergangener Zeiten zu verarbeiten. Vielmehr wühlten sich die Kurzgeschichten der Nachkriegszeit gleichsam selbstquälerisch durch die unmittelbar fassbare Wirklichkeit, dabei keineswegs beschönigend. Hinter dieser vermeintlichen Oberflächlichkeit des blitzenden Realismus verbirgt sich nämlich oftmals eine wohldurchdachte Symbollandschaft, ebenso wie hinter der oft unpathetischen Schreibweise eine tief empfundene Emotionalität zu finden ist. Dabei werden immer nur Ausschnitte präsentiert, die gleichsam die Wirklichkeitsdefekte widerspiegeln. Die romanhafte Gesamtschau scheint nicht im Bereich des Möglichen zu liegen, die abgeschlossene, auch äußerlich wohlgeformte Komposition passt nicht zu einer Zeit, die sich im Fluss befindet.

Die aus einer solchen inneren Erregung heraus entstandenen Kurzgeschichten, das möchte ich festhalten, erstarrten also keineswegs in einer positivistischen Darstellung der Weltwirklichkeit, einer eindimensionalen Sicht auf das akute Sein. Vielmehr versuchten die Autoren mit der symbolhaften Aufladung des Dargestellten zu erhellen, was allein durch eine wirklichkeitsgetreue Darstellung nicht in Sprache gefasst werden konnte. Das Wahrnehmen und Darstellen der Gegenwart war Böll ebenso wie Borchert von besonderer Wichtigkeit, ja nachgerade das Fundament, auf dem er als Autor ruhte:

[…] man schien uns zwar nicht verantwortlich zu machen dafür, daß Krieg gewesen, daß alles in Trümmern lag, nur nahm man uns offenbar übel, daß wir es gesehen hatten und sahen, aber wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es: ein gutes Auge gehört zum Handwerkszeug des Schriftstellers,

schreibt Böll in seinem Bekenntnis zur Trümmerliteratur. Der Schriftsteller, so Böll weiter, müsse nicht nur sehen, was faktisch ist, sondern bedürfe eines Auges, gut genug, ihn auch Dinge sehen zu lassen, die in seinem optischen Bereich noch nicht aufgetaucht sind. Böll nennt den Begriff nicht ausdrücklich – seine Äußerung scheint aber auf das literarische Symbol zu verweisen, das Dinge zu zeigen vermag, die dem Betrachter optisch-physiologisch nicht sichtbar sind. Der Dichter mit seiner feineren Wahrnehmung jedoch hat sie gespürt. Er versucht, dem Gefühl von ihnen Gestalt zu geben. Und von diesen Gestalten wimmelt die hier besprochene Erzählung.

‹‹ zurück |1|

Tags: , , , , , , , , , , , ,

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 14. Dezember 2012

Zum Seitenanfang springen