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[8. März 2006]

Das Kreuzsymbol

Christliche Symbole sind in Bölls Œuvre immer zentral, da er ein zutiefst gläubiger Katholik war und seine Erzählwelten immer wieder aus der Sicht seines persönlichen Glaubens gestaltete. In Wanderer, kommst du nach Spa… allerdings hat die Kreuzsymbolik eine größere Reichweite, als einfach nur für die Unterdrückung der Christen während der nationalsozialistischen Diktator zu stehen. Denn die Philosophie des Nationalsozialismus hatte im Sinne Hitlers nicht nur das Fundament des Antisemitismus. In gleichem Maße war sie antichristlich: Jesus sei Arier gewesen, Paulus ein mit dem Virus des Bolschewismus infizierter Jude, der die christlichen Urlehren verdorben habe.[1] Hitler, als gewiefter Taktiker, als der er sich in politischer Hinsicht bedauerlicherweise des Öfteren erwies, hatte diese aus heutiger Sicht schon fast ins Humoristische changierende Seite seines abstrusen Denkens nicht allzu vehement nach außen gekehrt – wohl wissend, dass es ihm die Zustimmung der deutschen Bevölkerung gekostet hätte.

Das Kreuzsymbol geht über diesen Umstand hinaus. Denn das Entfernen des vormals im Zeichensaal hängenden Kreuzes symbolisiert in Wanderer, kommst du nach Spa… meiner Ansicht nach nicht nur die Ausgrenzung der Christen im Nationalsozialismus. Vielmehr spielt der Erzähler auf den nationalsozialistischen Versuch an, eine durchgreifende Änderung im gesamten tradierten Wertegerüst vorzunehmen. Gestützt wird diese Meinung durch den Umstand, dass am Anfang der Geschichte zahlreiche klassische Werke der Antike heraufbeschworen werden, die im Rahmen einer humanistischen Bildung einen hervorragenden Rang genossen. Interessant ist dabei, womit der Reigen der am Erzähler vorbeirauschenden Gegenstände unterbrochen wird: Da erscheint zunächst ein griechischer Hoplit, dann die Gemälde preußischer Herrscher und am Ende: Hitler. Außerdem: In die Lücke zwischen den antiken Herrscher- und Götterbildern auf dem Weg zum Zeichensaal nistet sich eine Darstellung der deutschen Kolonie in Togo.

Wiewohl also Versuche unternommen werden, sich die kulturelle Tradition zu Eigen zu machen, respektive sie zu unterminieren, erweisen sie sich aus Sicht des Erzählers dennoch als gegen derartige Anmaßungen resistent: Das Kreuz hatte sich gleichsam in die Wand eingebrannt, bleibt trotz der heftigen Maßnahmen zur endgültigen Auslöschung jedem Betrachter bräunlich und deutlich sichtbar. Die Wut, mit der man die ganze Wand neu gepinselt hat, vermochte es nicht, diesen Rest von Kultur zu überdecken. War es auch ein alte[s], schwache[s], kleine[s] Kreuz, das man abgehängt hatte – hart und klar, ja sogar schön blieb das Kreuzzeichen auf der verschossenen Tünche der Wand. Der Blick auf das Kreuz und somit auf die christliche Tradition wird getrübt. Erhalten bleibt aber nicht nur der Blick selbst, sondern auch die Tradition, die sich nicht so einfach austilgen lässt. Wie auf einem Palimpsest die ursprüngliche Schrift wieder sichtbar gemacht werden kann, so kann auch in der Kulturgeschichte nach dem Versuch, eine Tradition auszulöschen, diese wiederhergestellt werden. Zumal dann, wenn sie aus dem Blick des Betrachters nie ganz gewichen ist.

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[1] Vgl. Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Bd. 2: Deutsche Geschichte vom Dritten Reich bis zur Wiedervereinigung. 5., durchgesehen Auflage, München (2002), S. 107–9.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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