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[8. März 2006]

Traditionen

Jenseits der christlichen Tradition, die ganz offensichtlich ausgelöscht werden sollte, blieben andere bestehen. Dabei fällt an der Komposition des Erzähltextes auf, dass man offenbar versuchte, sie fortzuschreiben und dadurch mit neuen Inhalten zu füllen. So säumen Kopien antiker Kunstwerke und solcher, die sich thematisch mit antiker Mythologie auseinandersetzen, den Weg des Erzählers in den Zeichensaal. Dazwischen schieben sich Abbilder preußisch-brandenburgischer Herrscher, ein Bild aus der kolonialistischen Ära des wilhelminischen Kaiserreichs, eines von Nietzsche und schließlich gar ein Gemälde Adolf Hitlers und eine Sammlung von Rassegesichtern. Drei Traditionsstränge werden hier folglich vermischt: (1.) die Idealisierung der Antike, (2.) die militaristische Tradition Brandenburg-Preußen-Deutschlands und (3.) die Ideologie des Nationalsozialismus, wobei Nietzsche, krass fehlgedeutet, als Prophet dieser Bewegung figuriert.

So hängt beispielsweise zwischen den Büsten von Caesar, Cicero, Marc Aurel und dem Zeus über dem Zeichensaal ein Bild, das die wilhelminische Kolonialherrschaft in Togo verherrlicht. Darauf, dass diese Kolonialgeschichte eine Kehrseite hat, weist der Feuerschein auf der dem Bild gegenüberliegenden Seite des Ganges hin: Hinter der Fensterfront glüht die in Flammen stehende Stadt. Ein unaufdringliches, aber nichtsdestotrotz deutliches Symbol für die andere Seite der über andere ausgeübten Herrschaft. Daneben stehen die Gemälde einer militaristischen Tradition, vom Großen Kurfürsten bis Hitler, an die die neuen Machthaber bruchlos anschließen. Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620–1688), der Große Kurfürst, konnte im Zuge des Westfälischen Friedens große Gebietsgewinne verzeichnen, die er später auszubauen versuchte. Dieses Motiv der expansiven Herrschaft findet sich auch bei Hitler, dessen Politik, fußend auf seiner abstrusen Philosophie vom Lebensraum, ebenfalls auf Gebietsausdehnung abzielte. Der weiter hinten hängende Alte Fritz, also Friedrich II. (1712–1786), hätte hervorragend in diese Reihe gepasst. Nachdem sich unter ihm Preußen im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) gegen die großen europäischen Mächte militärisch behaupten und selbst zu einer Großmacht aufsteigen konnte, war es auch maßgeblich an der ersten Teilung Polens (1772) beteiligt, was nach zwei weiteren Teilungen 1795 zur vollständigen Auflösung des Landes führte. Zwar wird er – auch heute noch – wegen seiner tolerant aufklärerischen Haltung gefeiert (denn hier muß ein jeder nach seiner Fasson selich werden), doch hat dieses Bild Risse. Denn 1750 unterzeichnete Friedrich II. das so genannte Revidierte General-Privilegium und Reglement vor die Judenschaft, welches für die Juden erhebliche Beschneidungen der bürgerlichen Rechte bedeutete (z. B. Verbot von Mischehen oder Verwehrung des Zutritts zu Staats- und Lehrämtern). Die Glorifizierung eines solchen Herrschers ist mithin nur im Rahmen einer geschichtsfernen Interpretation seines Wirkens möglich.

Ein Bild dafür, wie auch dichterische Traditionen okkupiert und umgedeutet wurden, bietet das der Erzählung den Namen gebende Zitat Wanderer, kommst du nach Sparta aus Schillers Der Spaziergang. Als bündele sich die Aussage von Schillers Text in den Versen

»Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest
Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.«[2]

Als handele es sich um eine Lobeshymne auf die militärische Pflicht, auf das, was Schiller zwei Verse zuvor als Ehre ward euch und Sieg bezeichnete. So scheint es wird dieses Gedicht rezipiert, wenn der Erzähler als Schüler in seiner Kalligraphiestunde gerade diese Verse schreiben musste. Dass in Schillers Gedicht die auf dem Boden des beschriebenen Krieges wachsende Kultur verdammt ist, zugrunde zu gehen, scheint keine Rolle zu spielen. Dass der Spaziergang von Schillers lyrischem Erzähler einer durch die Geschichte ist, der sich am Ende zu seinem Anfang, dem Leben des Menschen im Einklang mit der Natur, zurückwendet, ist Makulatur. Dabei erscheint dem lyrischen Erzähler schließlich alles Erlebte, und dazu gehören auch die kriegerischen Episoden, nur als Traum, der mich schaudernd ergriff mit des Lebens furchtbarem Bilde. In diesem Gedicht geht es nicht um heroischen Kampf, sondern den Weg zurück zur Natur:

Reiner nehm ich mein Leben von deinem reinen Altare[3],
Nehme den fröhlichen Mut hoffender Jugend[4] zurück.

Diese selektive Rezeption von Schillers lyrischem Werk zog sich bis weit in das 20. Jahrhundert hin. Als ein Editor 1966 mit dieser Tradition, zugegebenermaßen sehr radikal, brechen wollte, führte dies zu einem Eklat. Denn in diesem Jahr erschien im Insel-Verlag eine vierbändige Ausgabe mit gesammelten Werken Schillers. Die Auswahl der Gedichte besorgte Hans Magnus Enzensberger, wobei nicht wenige der berühmtesten Texte des Klassikers durch die Maschen des Enzensberger’schen Siebs fielen: Darunter Das Lied von der Glocke, Die Kraniche des Ibykus, Die Bürgschaft u. a. m. Enzensberger wollte mit seiner Auswahl dagegen protestieren, dass zu viele Leser ungerechtfertigterweise einige wenige Gedichte Schillers zu dessen Hauptwerk erklärt und mit Schillers Poesie schlechthin verwechselt haben. Auf den Punkt gebracht lautete Enzensbergers Kritik: Schiller ist keine Zitatengrube.[5] Nun, Schiller war lange Zeit eine Zitatengrube, und genau diesem Umstand, zu allen sich bietenden Gelegenheiten mehr oder minder stimmige Sinnsprüche aus Schillers Werk herauszuklauben, verdankt Heinrich Bölls Text Wanderer, kommst du nach Spa… seinen Titel. Er, der Titel, ist also als Kritik an der selektiven Wahrnehmung und Vereinnahmung des Dichters zu lesen. Diese Kritik schließt aber auch ein ähnliches Vorgehen gegenüber anderen Traditionslinien, die ich oben schon erwähnt habe, ein.

Bezeichnend ist darüber hinaus, dass das Zitat mitten im Wort abbricht. Zwar erklärt sich dies aus dem Umstand, dass ein Feuerwehrmann, der ehemalige Hausmeister des Gymnasiums, Birgeler, vor ihm steht und seinen Schluss verdeckt. Gleichwohl ist dies auch symbolisch zu verstehen. Das Zitat bricht ab, wie die Traditionen und die Ordnung, die sie gestiftet haben, im Abbruch begriffen sind. Ja, man könnte vielleicht noch weiter gehen und sagen: Die Traditionen sind die fehlenden Glieder der Erzählerfigur. Die Versehrtheit oder gar das Sterben des Protagonisten und die Auflösung der althergebrachten Ordnung korrelieren miteinander. Im Kopf des Erzählers verschwimmt alles zu einer Melange, die in seiner Gänze nur noch mit Sterben identifiziert werden kann. Darum auch seine Feststellung, dass er sich in einem Totenhaus befinde. Es handelt sich für ihn nicht mehr um seine alte Schule, sondern ein Gebäude angefüllt mit toten Werten – repräsentiert durch Gemälde, Büsten, Sentenzen – und sterbenden Menschen, deren Repräsentant der Erzähler selbst ist.

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[2] Das Zitat verweist auf ein antikes Denkmal, dessen Inschrift bei Cicero zitiert wird (Tusc. I, 101: Dic, hospes, Spartae nos te hic vidisse iacentes, / Dum sanctis patriae legibus obsequimur). Deswegen setzte Schiller es auch in Anführungszeichen. Das Denkmal wurde den 480 v. Chr. bei den Thermopylen Gefallenen errichtet, zu Ehren ihres aufopferungsvollen Kampfes. Diese Schlacht war mit militärischen Aktionen zur See koordiniert. Da man nach mehrtägigen Kämpfen die Thermopylen verloren geben musste, versuchte man sie mit einem Rest von etwa 1000 Mann nur noch so lange zu verteidigen, bis die Seeflotte ihren Rückzug vollzogen hatte. Dieses Ziel wurde erreicht. Insgesamt war die Konfrontation mit den Persern aus griechischer Sicht jedoch ein großer Misserfolg.

[3] Gemeint ist der reine Altar der Natur.

[4] Vielleicht die hoffende Jugend der Menschheit.

[5] Vgl. Oellers, Norbert (Hrsg.): Schiller – Zeitgenosse aller Epochen: Dokumente zur Wirkungsgeschichte Schillers in Deutschland. Teil II: 1860–1966. München (1976), S. 470–2 u. S. 605. Marcel Reich-Ranicki kritisierte Enzensbergers Auswahl, wenngleich er ihm zugesteht, dass einige Balladen Schillers aus poetischer Sicht ungenügend seien. Auch Reich-Ranicki hält unser Verhältnis zu seinen [Schillers] Balladen in hohem Maße [für] revisionsbedürftig (In: Kein Lied mehr von der Glocke: Hans Magnus Enzensbergers gereinigte Schiller-Lyrik. In: Ders.: Lauter Verrisse. München (1992) S. 186 [zuerst in Die Zeit vom 6. September 1966]).

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