
[8. März 2006]
Womit wir beim Protagonisten angelangt wären. Seine Geschichte spielt zu der Zeit des Zweiten Weltkrieges, als die Desillusion schon perfekt war. Die Ordnung, sowohl die tradierte als auch die neue, war – wie bereits mehrfach erwähnt – im Zerfallen begriffen. Ein Bild für diesen Verfall der Ordnung ist die Anfangsszene, in der der Fahrer des Verwundeten- und Totentransports verärgert ausruft: […] verdunkelt ihr schon nicht mehr?
, worauf die spöttische Antwort geschrieen wird: Da nützt kein Verdunkeln mehr, wenn die ganze Stadt wie eine Fackel brennt
. Man kann die Lage mit einem Wort fassen: Unordnung, und mittendrin: das verlorene Ich. Denn im Mittelpunkt der Erzählung steht eine einzige, man könnte gar sagen: vereinzelte Person. Vereinzelt deswegen, weil sie sich auf der abschüssigen Bahn zwischen Subjekt und Objekt weit in die Richtung des letzteren bewegt hat. Sie handelt nicht mehr, mit ihr wird gehandelt. Ihre Kommunikation erschöpft sich in Fragen (Wo sind wir?
), Bitten (Was zu trinken […] und noch ’ne Zigarette
) und Schreien ([…] es war immer wieder schön, zu schreien
). Löste sich die an eine ältere Tradition anschließende neue Ordnung des Nationalsozialismus auch auf, so führte dies im Moment der Auflösung keineswegs zur sofortigen Befreiung des Individuums; es wurde vielmehr paralysiert. Dass der Erzähler vermutet, er könne seine Arme deswegen nicht bewegen, weil sie fest an den Körper gebunden seien, ist ein beredtes Bild dafür. Dehnt es den Aussagebereich doch über die einzelne Person hinweg aus. Eine so weitgehende Verstrickung in das nationalsozialistische System, so könnte man diesen Gedanken weiterverfolgen, kann nicht einfach folgenfrei abgeschüttelt werden. Sind die alten Wertetraditionen auch noch vorhanden (vgl. Die Kreuzsymbolik), so sind sie dennoch nicht ohne Weiteres wieder herzustellen. Die Defekte, die sie erlitten haben, müssen erst repariert werden.
In den Kontext der Personenzentriertheit der Kurzgeschichte gehört ferner die Erzählerposition. In Wanderer, kommst du nach Spa… liegt ein homodiegetischer, also am Geschehen partizipierender Erzähler, der gleichwohl keinen Überblick über das Geschehen selbst hat, vor. Auch dies ist bildhafter Ausdruck für die überblickslose Zeit des endenden Nationalsozialismus, in der sich das Individuum allmählich selbst verliert. Das wunde, verlorene, aller Identifikationen beraubte Ich kann seine Umwelt nur noch als sterbend wahrnehmen (vgl. Traditionen). Was, so muss man fragen, findet sich noch im Totenhaus
der Geschichte, an das der Erzähler seine Erinnerungen knüpfen kann, knüpfen mag? Was bleibt ihm bis zuletzt?
Milch
, lautet die Antwort. Denn was der Erzähler als Halt anerkennt, liegt fernab jeder vereinnahmten Tradition, ist ganz persönliche Erinnerung: Einerseits der Geruch von warmer Milch im Kabuff des Hausmeisters Birgeler und andererseits seine eigene Handschrift, die zu sehen schlimmer sei, als wenn man sich im Spiegel betrachte, erinnert sie ihn doch an die qualvollen Stunden im Zeichenunterricht. Es scheint Folge des Verlustes der Werte, die hinter den generationenlang bewährten Schulrequisiten
stehen, zu sein, dass nicht mehr sie, sondern nur noch die individuelle Alltagserinnerung als Wiedererkennungs- und Identifikationsmerkmal dienen kann. Konterkariert wird die Erinnerung des Erzählers allerdings durch den neuen Geruch, den der Hausmeister angenommen hat, einen brandigen, schmutzigen
. Auch in die Fragmente seiner Erinnerungen scheint sich die allgegenwärtige Zersetzung hineingeschlichen zu haben. Ferner liegen in diesem dämmrigen kleinen Stübchen
des Hausmeisters, dem Refugium der Erinnerungen, jetzt die Leichen – so vermutet es der Ich-Erzähler zumindest. Der Ort also, den er in diesem Totenhaus
mit schönem Leben verbindet, ist von Tod erfüllt.
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