
[8. März 2006]
Manfred Durzak[6] hat versucht diese Erzählung Bölls als das verkürzte Muster der Initiationsreise
zu deuten. Nur daß das Ziel der Reise hier bei Böll nicht die unter Schmerzen erreichte Sozialisierung des Jugendlichen und seiner Eingliederung in das Wirklichkeitssystem der Erwachsenen darstellt, sondern als Inversion dieser Reise in den Tod einmündet
[7], wie er konstatiert. Durzak relativiert folglich seine ursprüngliche Idee, dass es sich bei Wanderer, kommst du nach Spa… um eine Initiationsgeschichte handeln könnte. Ich möchte es hier noch ein wenig entschiedener tun.
Wie verläuft eine Initiationsgeschichte? Typisch ist für sie, dass die Initianten (1.) aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, (2.) einen Leidensweg fernab dieser beschreiten müssen und (3.) schließlich wieder erfolgreich in sie eingegliedert werden. Einige Beispiele: Hänsel und Gretel werden im finsteren Wald allein gelassen. Dort müssen sie sich dem homophagen
Ansinnen einer Hexe erwehren, die sie letztlich besiegen. Mit erbeuteten Reichtümern kehren sie heim. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.
Schon in antiken Mythen finden sich vergleichbare Muster. Z. B. in der Mädchentragödie um die Königstochter Io. Diese wird von Zeus verführt und zur Tarnung seines Ehebruchs in eine weiße Kuh verwandelt. Hera, Zeus’ Gattin, scheucht sie aus Rache um die Welt. Erschöpft gelangt sie bis nach Ägypten, wo sie vom Fluch der Verwandlung befreit wird und den Stammvater eines edlen Geschlechts gebiert. Auch Adalbert Stifter mischt in seiner Novelle Bergkristall die Karten für eine solche Initiationsreise: Zwei Kinder verlassen das heimatliche Tal, um Verwandte zu besuchen. Auf dem Rückweg geraten sie in einen Schneesturm, verlaufen sich in einer Contradictio in adjecto, der weißen Finsternis
, müssen in Eiseskälte in den Bergen übernachten und werden schließlich von der verzweifelt suchenden Dorfgemeinschaft gefunden. Dieses Ereignis initiiert gleichsam die ganze Familie, mit Mutter und Vater, die in ihrem Dorf zunächst als Fremde galten: Die Kinder waren von dem Tage an erst recht das Eigentum des Dorfes geworden, sie wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige sondern als Eingeborene betrachtet, die man sich von dem Berge herab geholt hatte.
Das ist Initiation: Man geht aus dem gewohnten Umfeld hinaus in die feindliche Fremde, man leidet, kehrt jedoch glücklich heim und nimmt einen festen und fruchtbaren Platz in der Gesellschaft ein.
Die Parallelen zu Bölls Erzählung sind zwar über Strecken gegeben. So zieht der Held
auch hier aus ins Ungewisse, das ihn denn auch schwer verletzt. Der Rückweg allerdings ist abgeschnitten; die glückliche Eingliederung in die Gesellschaft findet nicht statt. Ferner symbolisierte die Fremde, in die der ehemalige Gymnasiast zog, keineswegs ein Ausgestoßensein. Sie wurde vielmehr verherrlicht. Sie war geliebte Fremde, eine Fremde in der gelten könne: Wir alle stehen dann / Mutig für einen Mann, / Kämpfen und bluten gern / Für Thron und Reich!
, um Verse aus der dritten Strophe von Heil dir im Siegerkranz, der offiziösen Hymne des wilhelminischen Kaiserreiches zu zitieren. Diese militaristische Haltung steht der Zeit nicht fern, aus der der Erzähler berichtet. Schließlich sei noch angemerkt, dass in Bölls Kurzgeschichte noch nicht einmal klar ist, ob die Wiedereingliederung des versehrten Individuums überhaupt stattfinden kann: Man bedenke, dass das zuletzt ausgesprochen Wort des Ich-Erzählers Milch
lautet. Milch aber ist die assoziative Verknüpfung mit dem Hausmeisterstübchen. Und dieses wurde in der Vorstellung des Erzählers mit dem Ort für die Aufbewahrung der Toten identifiziert. Vielleicht deutet dieses letzte Wort des Erzählers seinen Tod an. Und dieses Ereignis liegt, wenn es denn nicht zu einer Wiederbelebung führt, fernab einer Initiationsgeschichte. Ich denke, dass der Hinweis auf klassische Initiationserzählungen von Durzak sehr hilfreich ist, denn auch an diesen tradierten Bildern kann man die Erzählung messen. Die Bezeichnung Anti-Initiationsgeschichte passte allerdings auf die Kurzgeschichte Bölls wesentlich besser.
Ich habe das Symbolrepertoire der Erzählung hier nicht erschöpfend behandelt. So lässt sich beispielsweise noch fragen, wie die zerfetzte Glühbirne, die der Erzähler an der Decke des Verwundetentransporters sieht, mit der Glühbirne über dem Operationstisch zusammenhängt u. v. m. Wichtig bleibt mir aber festzuhalten, dass für diese Erzählung Bölls – wie übrigens auch für alle anderen – gilt, dass symbolhafte Deutung des Geschehens ein tieferes Verständnis der Erzählung ermöglicht. Von der realistisch beschreibenden Haltung des Erzählers sollte man sich nicht täuschen lassen. Der Umfang dessen, was gesagt wird, reicht weiter, als es bei oberflächlicher Betrachtung scheinen mag. Allein von einem Wort ausgehend, in diesem Essay war es Milch
, lassen sich die verschiedensten Deutungsstränge entwickeln.
Nico Dorn, 2005/2006
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