TextTexturen

Zum Inhaltsanfang springen

Navigation

Wegweiser

Seiten

1  2  |3|  4

[4. Oktober 2006]

Borchert vermeidet es in Draußen vor der Tür jedoch nicht nur Lösungen anzubieten, vielmehr findet sich überall in seinem Werk ein tief wurzelndes Leiden an einer offenkundigen Unlösbarkeit. Das zeigt sich daran, dass er Beckmann einen Zirkel schlagen lässt. Ich sage deswegen, einen Zirkel schlagen lässt, weil die Figur Beckmann nicht anders kann, als sich gequält um sich selbst zu winden. Von der Elbe in die Einsamkeit gestoßen – Wer ist da? […] Hallo! Wer ist denn da?[9] – wird er von einem Niemand, von einem Anderen, der ihn fortan durch die Geisterbahn des Daseins leiten wird, aufgelesen. Dieser Andere ist deswegen entpersonifiziert, ein Niemand, weil er einen Mittler vorstellt, weil vielleicht jedes Hörspiel eine Erzählerposition benötigt[10] und weil Beckmann gestoßen werden muss, weil Beckmann nicht mehr allein fortschreiten kann in einem Dasein, von dem er bereits Abstand genommen hat, für das er nicht mehr die Kraft hat zu leben. Er, der Andere, wäre demnach der Trieb, das psychologische Moment, welches Beckmann mehr zwingt denn überzeugt, die lange lange Straße lang am Panoptikum der Prototypen der deutschen Nachkriegsgesellschaft entlangzudefilieren. Dass es sich bei allen Gesprächspartnern Beckmanns genauso wie bei ihm um Prototypen handeln muss, lässt sich mittelbar anhand der Beschreibung der Figur Beckmann aus dem Personenverzeichnis erschließen: Beckmann, einer von denen[11], heißt es dort, und der Andere, den jeder kennt[12].

Doch dieses Defilee nähert sich rasch dem Ende und dieses Ende ist der Anfang des Stücks, der Kreis schließt sich, indem er seinen Anfang findet. Beckmann ist wieder vollends auf sich selbst zurückgeworfen, der Zirkel ist geschlossen. Das Ende liegt, ebenso wie der Anfang, draußen vor der Tür und Beckmann steht dort draußen vor der Tür, weil er zu jenen gehört, für die kein Zuhause mehr da ist.[13] Die letzten Rufe von ihm, die an die beiden letzten, verzweifelten, verhallenden Wörter – Heinrich! Heinrich! – aus der Schlussszene des ersten Teils des Faust von Goethe denken lassen, stellen den einen von denen, den Beckmann, in die Einsamkeit, in die er, nunmehr vollends desperat, endgültig und hoffnungslos gestoßen ist:

Warum redet ihr denn nicht!! Gebt doch Antwort! Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort??? Gibt denn keiner, keiner Antwort???[14]

 

Eine ganz entscheidende Frage wird im Spiel jedoch nicht komplett übergangen, sondern nachgerade direkt gestellt. Auf der Suche nach Arbeit gelangt Beckmann in ein Kabarett, wo er sich dem Direktor als Darsteller anbietet. Dieser Direktor ist der personifizierte Wiederaufbau, eine nach vorn, in die Zukunft gewandte Figur. Sie steht also Beckmann, dessen hervorstechendste Eigenschaft das Lamento über die Vergangenheit ist, diametral entgegen. Die grundsätzliche Differenz dieser beiden Typen manifestiert sich im Symbol der unterschiedlichen Brillen. Beckmann trägt noch immer seine Gasmaskenbrille, ein Relikt aus der alten Zeit, froh ist er, überhaupt eine sein eigen nennen zu können. Ergo sieht dieser auf seiner horriblen Reise durch die deutsche Nachkriegsgesellschaft die Welt immer durch dieses Relikt, seine Brille, die Brille aus der vergangenen Zeit. Sein Blick ist der Blick aus einer untergegangenen Epoche in das Jetzt. Der Direktor kann sich dementgegen rühmen, glücklicher Inhaber von drei erstklassigen rassigen Hornbrillen[15] zu sein. Er hat somit die Möglichkeit sich zu jeder Gelegenheit die passende Brille und ergo, wieder übertragen gedacht, die passende allgemeine Sichtweise von der Welt auszusuchen. Wohlstand ist hier gleichgesetzt mit Möglichkeit zum Abstand nehmen. Vergangenes wird durch Nigelnagelneues ersetzt und eröffnet infolgedessen einen ganz anderen Ausblick.

|3|

Tags: , , , , , , , , , , ,

[9] Borchert 1960, S. 14.

[10] Eine These von mir, die ich an diesem Ort nicht näher begründen will und an der ich alldieweil zu zweifeln beginne, gleichwohl ich nicht ganz von ihr lassen will. Als Beispiel eines Hörspiels, das sich nur im dramatischen Modus bewegt, also keine Erzählerposition hat, und nach meinem Dafürhalten als solches versagt, ist Heinrich Bölls Bilanz von 1957. (Dieser Text findet sich z. B. in: Böll 1961, S. 265–294) Dementgegen handelt es sich bei Der Minotaurus von Dieter Wellershoff, das aus kurzen Dialogen und v. a. innerem Monolog besteht, unbestreitbar um große Kunst (Text in Wellershoff, Dieter: Das Schreien der Katze im Sack: Hörspiele, Stereostücke. Köln/Berlin (1970), S. 9–38).

[11] Borchert 1960, S. 8.

[12] Ebd.

[13] Ebd., S. 9 im Prolog.

[14] Ebd., S. 58.

[15] Ebd., S. 32.

© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

Zum Seitenanfang springen