
Überhaupt ist es immer das Geld, an dem es nahezu allen Figuren in Brechts Stück mangelt und das die Ausweglosigkeiten aller Geschehen versinnbildlicht. In ihm schlägt sich die Abscheulichkeit der dargestellten Egozentrik nieder, die, paritätisch verteilt vom kleinen Bettler bis hin zum Reichsten, im Stück allenthalben zu finden ist. Es wird ferner zum Ausdruck der Schlechtigkeiten im Herzen der einzelnen Figuren und der Unerreichbarkeit eines für alle erträglichen Modus Vivendi. Als Objekt allgemeiner Begierde und Inbegriff der Schlechtigkeit der Welt schwebt es über dem Stück.
Die Götter aber – man mag in diesen Figuren sehen, wen immer man will – können und wollen keine Abhilfe schaffen. Sie präsentieren sich im Zuge der Handlungsentwicklung mehr und mehr als machtlose Tunichtgute, bis sie sich schließendlich nach der das Stück beendenden Gerichtsszene an einem selbstgefälligen Glauben laben, für ihre
Menschheit das Beste getan zu haben. Sie vermeinen, dass die Welt beileibe nicht verloren sei, also in ihren Grundfesten nicht geändert werden müsse. Ihre Fahrt in den Himmel wird so nicht nur zu einer Verdeutlichung ihres Nicht-wahr-haben-Wollens, sondern auch zu einer Aufforderung an die Menschen, diese ohn-mächtigen Götter fürderhin getrost zu ignorieren. Am Ende des Stücks steht somit kein Deus ex Machina, der alles zum Guten wendet; Shen Te bleibt vielmehr einsam in Ratlosigkeit und Verzweiflung zurück.
Der Epilog verdeutlicht die Unmöglichkeit, das Stück mit einer konkreten Lehre zu beschließen, in den Versen:
“Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffenDen Vorhang zu und alle Fragen offen.
Dies mag vielleicht ein Reflex der Zeitumstände sein, in denen Der gute Mensch von Sezuan entstanden ist. Darüber hinaus ist ein derartiges Ende bei Brecht zugleich auch als programmatisch für seine Dichtung aufzufassen. Der Zuschauer, der Leser möchte doch gefälligst seinen eignen Kopf bemühen und sich auf die Unwägbarkeiten der Welt selbst einen Reim machen. Der Lehrer Brecht eröffnet nur den Zugang zu den Grundlagen der Seinsumstände. Fragen stellen und deren Antworten finden, muss der Rezipient allein. Vorkauer gibt es keine.
Nicht bloß aufgrund des sich darbietenden Tiefgangs dieses Stücks darf man feststellen, dass es sich um ein herausragendes Werk der deutschen Literatur des 20sten Jahrhunderts handelt. Auch die unglaublich gekonnte Machart verblüfft beim Lesen immer wieder aufs Neue. Durch die faszinierend einfache Technik der direkten Ansprache des Publikums vonseiten der Figuren beispielsweise bindet Brecht spielerisch Zeitraffungen und Erläuterungen der situativen Umstände in sein Stück ein, ohne dabei einem Stilbruch zu unterliegen. Durch mehrmaliges direktes Wenden an das Publikum verdeutlicht er im Übrigen auch, wohin sich die Intention seines Stückes wirklich wendet: nämlich an gerade dieses Publikum. Theater ist nicht mehr Selbstzweck, Theater wird zur Lehr- und Lerninstitution.
Ferner angefüllt mit zahlreichen berückend schönen Liedern, tragischem Witz und gleichnishaften Sentenzen wird dieses Drama zu einem Lesevergnügen, das einem die hochgesteckten Ziele, die hinter dem Firnes von Genuss liegen, zielsicher ans Herz legt.
Bleibt also nur noch zu schlussfolgern: Und kennt man Brecht, und kennt man Brecht nicht – den Guten Menschen von Sezuan sollte man in seinem Leben auf jeden Fall kennen gelernt haben.
Nico Dorn, 2002
‹‹ zurück |2| weiter ››
© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008