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[18. August 2007]

Das poetische Geschwulst der Ariane Breidenstein

Abstract
Es könnte eine Erzählung sein. Oder ein Roman, in Zersetzung begriffen. Auf jeden Fall ist Ariane Breidensteins erstes Buch Und nichts an mir ist freundlich ein wilder Text, der es wert ist, dass man über ihn spricht. Ob er sich auch zum Lesen eignet? Vielleicht… aber auf keinen Fall für jeden. Eine Rezension.

Es gibt Bücher, die könnte man schon allein dafür lieben, dass sie niemals zum Bestseller werden. Bücher, die nicht in 65 Sprachen übersetzt, Bücher, die nicht auf sechzehn zu neun transformiert, Bücher, die nicht in ein Sammelsurium aus Spielzeugwaren­plastikpuppenkitsch zerfallen, Bücher, die nicht als Blaupause für Hör-CDs (der merkantilen Kunst, den Zauberberg in 516 Minuten verlesen zu lassen) dienen werden. Es gibt solche Bücher, die nur für sich existieren können, die daran erinnern, dass der Akt des Lesens zutiefst asozial ist, weil man ihn nicht mit anderen teilen kann. Solche Bücher sind oft sperrig geschrieben. An ihrer eigenen Mühsal haben sie mitunter schwer zu tragen und als Leser kann man sie manchmal kaum ertragen. Sie sind weder zugänglich noch eingängig. Ariane Breidensteins Und nichts an mir ist freundlich ist so ein Buch.

Dieser Text: Mit der Beschreibung der Handlung muss man sich nicht lange aufhalten. Er hat schlichtweg keine. Ersatzweise besteht er aus einer Abfolge verschiedener Zustände: Ichzustände und Ereigniszustände – beide sowohl aktuell als auch erinnert, dabei immer akut – und, besonders prominent, die vielen Sprachzustände, durch die sich die Erzählerin kämpft. Sie sind das Terrain, auf dem sich das Buch vor allem bewegt. Denn Breidenstein versucht, den bedrückenden Hautwiderstand, die Affekte ihres erzählten Ich in Worte zu fassen. Das Ergebnis ist ein Text, den man, durchaus treffend, als unregelmäßige, metaphorisch durchsetzte Wucherung, als poetisches Geschwulst bezeichnen kann. Er ist ein fanatisches Selbstgespräch, in dem die Erzählerin sich in der Welt zu begreifen versucht, sich dabei aber nicht nur nicht findet, sondern in allem, was ein Draußen ist, verliert. Trifft sie auf eine Gruppe Menschen, spürt sie, wie sie beim Anblick der Personen in viele kleine Stücke zerfällt; sich in ein Café setzend verschmilzt sie mit dem Stuhl: ich leibe [sic] die kleinen Stühle. Sprachliche Fehlleistungen dieser Art tauchen wiederholt auf und noch häufiger diese Bilder des Zerfließens, der Entgrenzung des Ich, die darüber hinaus mit der gewählten Sprache korrespondieren. Denn nicht gerade selten brechen die Sätze ab, ändern die Sinnrichtung, verweigern sich Orthographie und Interpunktion und werden mit nur schwer verständlichen Phrasen angereichert:

Ich habe ja nie gekämpft, oder zuviel sage ich, weil mein Kriterium ja immer nur der Tod gewesen ist und also mein Kopf, den ich also zuweilen zu weit vom Körper entfernte, und auch heute, bei den größten Anstrengungen, von denen ich mich gerade ausspare, denke ich nicht, ich will es schaffen, sondern, wenn ich es nicht schaffe, dann sterbe ich halt, oder ich denke darüber nach ob die Sache die ich da vertreten soll im Angesicht des Todes überhaupt vertretbar wäre, die Lilien auf dem Felde, aber vor allem, weil der Tod für mich so etwas wie Gerechtigkeit darstellt.

Die sprachliche Form ist Verdinglichung der Unordnung, die in der Erzählerin herrscht. Sie, die Erzählerin, ist ein Häufchen Elend (nichts an mir ist freundlich), in sich selbst versunken wie die Figur (Pflanze?) auf dem Cover, ohne sich begreifen zu können.

Eine Welt da draußen, jenseits des Ich existiert in diesem Buch nicht. Vertextet werden allein die Gefühlsreaktionen der Protagonistin auf die Welt. Das Fühlen, Denken, Sein und – natürlich – Handeln der anderen Figuren ist gegenstandslos. Sie sind nur Namen ohne erkennbare Charaktereigenschaften. Eine bezeichnende Ausnahme stellen dabei die Eltern der Erzählerin, denen man durchaus so etwas wie Charakter zusprechen kann, dar. Selbst nicht ausführlich entwickelt fungieren sie vor allem als personifizierter Reibungswiderstand. Sie bezeichnen einen Standpunkt, zu dem sich das erzählende Ich in Widerspruch setzen kann. Die darauf fußende Psychologisierung wirkt nachgerade rudimentär. Denn alles in diesem Buch ist JETZT, allenfalls ein Damals im JETZT, ein übel erregender, schmerzhafter Rückfall in die Vergangenheit, der immer mehr über das Heute als das Gestern des erzählenden Ich sagt und nahezu nichts über die Entwicklungslinien dazwischen.

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