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[18. August 2007]

Um ihren derangierten Gefühlshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen, beschreitet die Erzählerin zwei verschiedene therapeutische Wege: Natur und Schreiben. Der Versuch jedoch, sich auf dem Weg in die Natur ein Stückchen Sicherheit zu verschaffen (dieser Baum ist doch sehr besonders, […] man kann zu ihm ZURÜCKKEHREN), wird, je weiter der Text fortschreitet, allmählich zur manischen Pose. Er stellt sich implizit sogar als schreiender Misserfolg heraus. Denn die unberührte, stabile Natur, die diejenige Art von Sicherheit verbürgen könnte, die so dringend gesucht wird, scheint es nicht zu geben. Immer wieder kommen der Erzählerin Brachen dazwischen, immer wieder wird ihr heiß geliebtes Gras trotz heftiger Proteste gemäht. Außerdem: Trifft die Protagonisten auf die Welt der Pflanzen, hat sie diese schon längst verändert, ist sie schon längst mit den Gefühlen aufgeladen, die das suchende Ich mitbringt; diese Welt ist Ausdrucksmittel oder Brennpunkt für einen bestimmten Hautwiderstand und kein Alternativentwurf. Obwohl sie als Traumort apostrophiert wird, ist sie untauglich für den Prozess der Heilung. Denn die Schönheit der Pflanzen erinnert permanent daran, dass der Mensch aus solch einem Schleim gemacht ist. Die Pflanzen stehen nie nur für sich. Darum können sie auch nicht aus sich heraus Sicherheit bieten. Zu allem Überfluss droht im Kontakt mit ihnen der Verlust der eigenen Person:

[…] das mit dem Nußbaum z. B. war Übermut, war kindliche Freude an seinem Duft, dem Aussehen, dem Anfassen des glatten geschälten Stamms, die Lust, dieser Fasern und wie sie sich lösten und übergingen in mein Fleisch. Das ist ja heute alles ganz anders […], es ist ja in mich gedrungen […].
Dann will ich ein Baum werden und vielleicht zu denken anfangen, ich meine vernünftig, wenn das dann überhaupt noch möglich ist, und das alles nur, weil ich einen Baum geleibet [sic] habe […].
Man also ich möchte mich dazustellen zu den anderen Bäumen, ich bin, Daphne.

All das, was Natur ist, Bäume, Hecken, Gräser, dient als Sprachreservoir. Natur ist etwas, das man bezeichnen kann, für das es ein Wort gibt, das für das Unnennbare im Inneren des Ich Platzhalter ist. Dabei ist sie beides zugleich: ein Ort, der paradiesische Erlösung verspricht und mit dem Verlust der eigenen Person droht. Vor allem aber Bildspender für den Ausdruck des Innenlebens. Darüber hinaus entwickelt sie sich parallel zu den erzählten Ereigniszuständen: Die Stirn [der toten Mutter] war kalt und bröselig und der Weidenbaum war auch schon tot. Gerade deswegen wirkt die Naturvernarrtheit der Erzählerin wie eine Pose. Sie soll vergessen machen, dass immer dann, wenn über Pflanzen gesprochen wird, eigentlich die Erzählerin über sich selbst und ihren Hautwiderstand spricht.

Das Schreiben ist ein ebenso ambivalentes Therapeutikum. Einerseits verspricht es Schutz vor und Zugang zur Welt. Andererseits ist es auch wieder nur Symptom der Zersplitterung. So wird der Notizblock der Erzählerin zu einer Art Schutzschild. Die einzige Möglichkeit, sich dem Draußen auszusetzen, besteht darin, mit ihm bewehrt zu sein. Die Sprache, die aus der Konfrontation mit der Welt resultiert, ist dabei alles andere als analytisch. Es geht nicht darum ein Messer […] für alle Sprachen zu finden, nach der die blöde Linguistik Ausschau hält, um aus den Phänomene eineindeutig Seme schneiden zu können. So tötet sie die Bilder. Der Erzählerin geht es vielmehr darum, den bildhaften Wert der Wörter wieder hervorzuzaubern. Das impliziert eine sprachliche Fehlleistung wie diese: […] habe aber wie man merkt, jegliche Kontrolle verloren, sehe Fremdbestimmung bedrohlich auf mich zurasen und werfe also alles über Boot. Das sprachliche Bild bleibt hier zwar im gewöhnlichen Gegenstandsbereich, doch die ehemals festgefressene Metapher wird durch die unkonventionelle Wortwahl gleichsam losgesprengt. Sie gewinnt ihre Kraft zurück.

Kann er auch etwas Verlorenes wieder hervorzaubern – von den Leiden zu befreien vermag der Schreibprozess nicht. Sein Ergebnis ist vielmehr stofflicher Niederschlag der Qual:

Und bin etwas verwirrt, weil eigentlich das Schreiben eines Textes, sage ich sich nicht so fädelt und ausdünnt, wie dieser hier, […] es ist ja immer ein Vorgehen und Zurückgehen gewesen, ein Herumgehen im Text und nochmaliges Überdenken, das Streichen von Passagen, das gelegentliche Einstreuen, und bin wie ein Sämann jetzt der mit leeren über das Feld, Händen und nicht zurückschaut und schaufelt, und gräbt sich ein JETZT.

Schreiben ist desillusionierter Ausdruck der Stagnation und nicht etwa Heilung versprechendes Remedium. Drohte die Integrität des Ich im Kontakt mit den Pflanzen abhanden zu kommen, so droht ihm, beim Gebrauch der Worte die Welt selbst zu verschwinden. Sprache kann nur die Zersplitterung des Raumes in Worte rekapitulieren. Kitten kann sie die Scherben nicht.

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© 2002–2008, Nico Dorn (Nutzungsbedingungen) Letzte Änderung dieser Seite: 1. Dezember 2008

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